Der 26-jährige Stürmer gibt sich in der Vorbereitung auf die Heim-EM offen. Er erklärt, wie er es bis in den DFB-Kader geschafft hat – und welche Herausforderungen er noch sieht.
Chris Führich nimmt sich während des Trainingslagers der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Thüringen Zeit für ein Gespräch – und beginnt mit einer Bitte. Der 26-Jährige will nicht über einen möglichen Vereinswechsel reden. Am Ende sagt der Flügelspieler des VfB Stuttgart doch etwas über das Interesse anderer Clubs an ihm und gibt sich auch ansonsten offen.
Herr Führich, DFB-Nachwuchschef Hannes Wolf hat Sie kürzlich lobend erwähnt und gesagt, er sei stolz auf Sie. Können Sie sich vorstellen, warum?
Ich nehme an, weil mein Werdegang nicht typisch ist für einen Fußballprofi. Ich musste einige Umwege gehen – und auch diese waren steinig.
Genau, Hannes Wolf hat ausgeführt, es sei außergewöhnlich, dass ein Spielertyp wie Sie es im deutschen Nachwuchssystem bis zum Nationalspieler gebracht hat.
Stimmt, ich musste während der Jugend mehrfach den Verein verlassen. Auch Borussia Dortmund, wo Hannes Wolf mein Trainer in der U 17 war. Davor und danach ging es für mich bei Schalke 04 und dem VfL Bochum nicht weiter. Da war ich offenbar nicht gut genug. Ich musste schließlich bei Rot-Weiß Oberhausen neu Fuß fassen, in der Niederrhein-Liga.
Hat man Ihnen damals die Gründe genannt, warum es nicht weiterging?
Es hieß immer: Fußballerisch würde ich sehr viel Talent mitbringen, aber mit meinen körperlichen Voraussetzungen würde es nicht reichen. Ich war recht schmächtig damals. Und bei den Bochumern war vorzeitig Schluss, obwohl ich über eine längere Zeit gefördert werden sollte.
Das klingt hart für einen Jugendspieler. Wie haben Sie diese Rückschläge verarbeitet?
Das war keine einfache Zeit, vor allem als es in Bochum nicht weiterging. Da wurde ich kurz aus dem Training herausgenommen, dann hat man mir in wenigen Minuten mitgeteilt, dass es nicht reicht, und danach durfte ich weitertrainieren. Anschließend wusste ich nicht, wohin ich sollte. Mein ältester Bruder hat mir nicht nur in dieser schwierigen Phase sehr geholfen, und wir haben gemeinsam nach einem neuen Verein geschaut.
Schließlich sind Sie in Oberhausen gelandet?
Ja, nachdem ich zunächst in der Luft hing, da die meisten Vereine ihre Planungen schon abgeschlossen hatten. Ich bin etwas getingelt und habe Probetrainings absolviert. Zum Beispiel bei Preußen Münster. Zum Glück sind wir bei Rot-Weiß auf Mike Tullberg getroffen. Er hat mein Potenzial erkannt und mich als Trainer sehr gefördert. Da hatte ich zwei gute Jahre. Wir haben nach dem Aufstieg in die U-19-Bundesliga ein paar Nachwuchsteams der Bundesligisten geärgert. Das war eine schöne Geschichte.
Sie sind jetzt 1,81 Meter groß. Wann kam der Wachstumsschub?
Recht spät, erst im zweiten Jahr in der U 19. Von da an war vieles einfacher. Ich habe zu dieser Zeit auch angefangen, systematisch Krafttraining zu betreiben, um körperlich stabiler zu werden.
Dennoch verlief Ihr Übergang in den Männerfußball nicht optimal?
Anfangs in der zweiten Mannschaft des 1. FC Köln lief es noch nicht so gut. Aber dann hatte ich recht schnell meine ersten Bundesliga-Einsätze unter Stefan Ruthenbeck, weil im Profiteam einige Stürmer ausfielen. Da dachte ich bereits, ich hätte es geschafft. Doch nach der Winterpause bekam ich keine Chance mehr. Auch das war wieder ein Rückschlag.
Wann kam für Sie der Durchbruch?
Erst beim SC Paderborn in der zweiten Liga, nachdem ich zuvor noch bei Borussia Dortmund II in der Regionalliga gespielt habe. Beim BVB war wieder Mike Tullberg mein Trainer, und ich habe mich gut entwickelt. Auch, weil ich in der Bundesliga-Truppe mit Erling Haaland und Jadon Sancho unter dem Chefcoach Lucien Favre trainieren konnte und paarmal im Kader stand. In Paderborn hat Steffen Baumgart auf mich gesetzt. Er hat mich am zweiten Spieltag gegen den Hamburger SV ins kalte Wasser geworfen. Ich habe gleich zwei Tore erzielt und einen Treffer vorbereitet. Von da an ging es bergauf, und ich bin zum erwachsenen Spieler gereift.
Hatten Sie auch Momente, in denen Sie an sich gezweifelt haben?
Ja, natürlich. Um die schwierigen Phasen zu verarbeiten und vorwärtszukommen, habe ich auch mit einem Mentalcoach zusammengearbeitet. Die Konstellation mit meiner Familie und meinem Management ist zudem sehr gut und vertrauensvoll. Davon profitiere ich noch jetzt – und ich bin sehr hartnäckig.
Fehlt im Fußballgeschäft mitunter das Einfühlungsvermögen?
Ja, es kann knallhart sein, wenn du nicht lieferst. Das ist in der Jugend extrem geworden. Wer nicht stark genug ist, wird oft zu schnell aussortiert. Oder gar nicht erst gesehen. Ich glaube, dass in den Nachwuchsleistungszentren viele Talente unerkannt geblieben sind, die eigentlich das Zeug zu einer Profikarriere gehabt hätten.
Warum haben Sie es dennoch geschafft?
Die schweren Phasen haben mich nicht nur geschwächt. Sie haben mich auch gestärkt. Das hilft mir jetzt. Manchmal ist es nicht so schlecht, etwas später dort anzukommen, wo man hinwill, und nicht mit 18 schon den Ruhm zu haben, mit dem man dann vielleicht noch gar nicht umgehen kann.
Es ist allerdings untypisch, erst mit 22, 23 Jahren in der Bundesliga anzukommen . . .
Ja. Man hat mir in Paderborn und Stuttgart Zeit gegeben. In Stuttgart war ich anfangs das erste Mal überhaupt in meiner Karriere richtig verletzt. Ein Schlüsselbeinbruch im zweiten Testspiel. Später eine Fußverletzung, dann Corona. Ich habe aber immer Vertrauen gespürt.
Das war schlau vom VfB. Ihre Bilanz der abgelaufenen Saison: acht Tore, sieben Vorlagen.
Unser Trainer Sebastian Hoeneß und ich haben uns vor der Saison das Ziel gesetzt, zweistellige Scorerpunkte zu sammeln. Dass es dann solch eine überragende Saison werden würde, ist unglaublich.
Haben Sie an einer Stellschraube gedreht?
Es ist mehr die Gesamtkonstellation. Wenn die ganze Mannschaft funktioniert, ist es einfacher. Dann kann auch jeder Einzelne strahlen. So sind solche individuellen Entwicklungen möglich wie bei Deniz Undav und Serhou Guirassy. Unfassbar, wie die beiden getroffen haben.
Sie spielen sehr risikoreich, gehen ständig ins Dribbling. War das schon immer so und hat manche Trainer ein bisschen in den Wahnsinn getrieben?
Ja, ich habe eigentlich immer schon so gespielt. Aber nicht jeder Trainer hat zu mir gesagt: „Du kannst den Ball ruhig dreimal verlieren. Dann versuchst du es erst recht ein viertes Mal.“
Und Sebastian Hoeneß?
Er betont immer wieder, ich solle trotzdem voll reingehen ins Dribbling.
Sagt das der Bundestrainer ebenfalls?
Julian Nagelsmann verlangt das auch von mir. Deshalb bin ich hier. Das soll ich auf den Platz bringen. Das ist meine Stärke, die soll ich zeigen.
Sie haben hier allerdings eine völlig andere Rolle als im Verein. Beim VfB Stuttgart spielen Sie immer von Beginn an und werden öfter mal vorher ausgewechselt. Hier beim DFB sind Sie der Mann, der eingewechselt wird. Ist das okay für Sie?
Auf jeden Fall. Letztes Jahr war ich noch mit dem VfB in der Relegation. Jetzt spiele ich Champions League und bin Nationalspieler. Das ist alles unglaublich.
Kommen Sie schnell auf Betriebstemperatur, wenn Sie eingewechselt werden?
Ja. Wenn man in der Nationalmannschaft eingewechselt wird, ist das noch mal ein ganz anderes Gefühl. Man steht bereits das ganze Spiel unter Spannung auf der Bank und beim Aufwärmen. Da kommt das Adrenalin ganz von selbst.
Im Portal Transfermarkt.de steht, dass gleich fünf Vereine brennend an Ihnen interessiert sind: Bayern München, Borussia Dortmund, der FC Chelsea, Bayer Leverkusen und RB Leipzig. Was macht das mit einem, der vor ein paar Jahren noch ein Probetraining bei Preußen Münster absolviert hat?
Ich freue mich natürlich darüber und bin stolz darauf, weil ich die andere Seite ja auch erlebt habe. Aber ich weiß das einzuschätzen: Ich möchte auf dem Teppich bleiben.
Sie möchten nicht mehr drüber preisgeben, zumal der VfB Sie natürlich gern behalten würde?
Der volle Fokus liegt im Moment auf der EM. Die möchte ich genießen.