Der Kampf für Gleichberechtigung geht weiter: Nanine Linning bei den Proben mit Tänzern des Stuttgarter Balletts. Foto: Roman Novitzky

Mit ihren visuell überbordenden Choreografien hat sich Nanine Linning einen Namen in der Tanzwelt gemacht. Jetzt steuert sie in Stuttgart für den Ballettabend „Aufbruch!“ zum Jubiläum von Bauhaus und Weimarer Verfassung das Stück „Revolt“ bei.

Stuttgart - Oskar Schlemmers „Triadisches Ballett“ ist weltberühmt – bis heute ein revolutionäres Experiment zu Körper, Form und Bewegung im Raum. Sein Ursprung wird oft fälschlicherweise am Weimarer Bauhaus verortet, wo Schlemmer arbeitete. In Wahrheit entwickelte der vielseitige Künstler das Ballett schon ab 1912 in seiner Heimatstadt Stuttgart und ließ darin sein Gespür für eine avantgardistische Ästhetik erkennen, die das Bauhaus von 1919 an wie kaum eine andere staatliche Kunstschule im frühen 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.

Die Kooperation, die der Ballettintendant Tamas Detrich mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar zum hundertsten Jahrestag der Weimarer Verfassung und des damit zusammenfallenden Bauhaus-Jubiläums eingegangen ist, folgt also einer gewissen historischen Linie. Unter dem Titel „Aufbruch!“ sind am Eckensee drei Arbeiten als Reflexion der damaligen Weimarer Gesellschaft und ihrer bis heute in Kunst und Politik nachwirkenden Ideale entstanden. Uraufgeführt wird der Ballettabend an diesem Donnerstag im Stuttgarter Schauspielhaus. In Weimar begleitet er die Eröffnung des neuen Bauhaus-Museums im April.

Neben der aus Polen stammenden Choreografin Katarzyna Kozielska und dem Rumänen Edward Clug probt die Niederländerin Nanine Linning ihren Beitrag mit dem Titel „Revolt“ am Stuttgarter Ballett. Die 1977 in Amsterdam geborene Choreografin ist bekannt für ihre visuell überbordenden Arbeiten, in denen Tanz, Video, bildende Kunst und Design zu einer multimedialen Bildersprache verschmelzen. In Ludwigsburg gastierte im vergangenen Jahr Linnings „Hieronymus B.“, ein Meisterwerk, das die opulenten Tableaus des Renaissance-Künstlers zum Leben erweckt. 2017 arbeitete Nanine Linning mit der Staatsgalerie Stuttgart anlässlich der Retrospektive zum Werk des Malers Francis Bacon zusammen.

Aufbegehren, Chaos, Veränderung

In „Revolt“ widmet sich die Künstlerin einem abstrakteren Thema. Die Zeit, in der die erste demokratische Verfassung Deutschlands in Weimar verabschiedet wurde und das Bauhaus als Ausgangspunkt der Avantgarde eröffnete, fasziniert Linning. „Ich glaube, wir sind auch hundert Jahre nach der Unterzeichnung der Weimarer Verfassung noch nicht fertig mit dem Prozess der Demokratisierung. Wir kämpfen immer noch für Gleichberechtigung. Denken Sie an ,Black Lives Matter‘, an die Metoo-Bewegung! Überall auf der Welt sind Kämpfe im Gang für mehr Demokratie. Gleichzeitig macht Demokratie diese Kämpfe erst möglich“, sagt Linning.

Ihre Choreografie „Revolt“ erzählt von den Mechanismen des Aufbegehrens, von Chaos und Veränderung. Nanine Linning findet dafür Bilder, indem sie nicht nur die historische Situation von 1919 berücksichtigt, sondern aktuelle politische und soziale Phänomene in ihre Arbeit mit einbezieht. Wie gerufen ziehen während des Interviews im Opernhaus gegen den Klimawandel demonstrierende Schüler am Littmann-Bau vorbei. „Wir beschäftigen uns mit Widerständen, sowohl architektonisch im Raum als auch choreografisch im Körper“, erklärt Linning ihr Konzept. „Wir tanzen mit einem konstanten Druck.“

Psychologie habe in dieser Arbeit keine Rolle gespielt, stattdessen sucht Linning mit ihren Tänzerinnen und Tänzern nach Formen, mit denen sich soziale Prozesse körperlich darstellen lassen. „Mit einer Spirale, mit Barrikaden. Mit einem Schatten, der einen spüren lässt, dass man Teil einer größeren Bewegung ist. So bekommt es einen politischen Kontext.“

Revolten als Schneeballeffekt

So konstant sich Gesellschaften seit 1919 mit demokratiefeindlichen Entwicklungen auseinandersetzen müssen, so radikal haben sich die äußeren Lebensbedingungen gewandelt. Im digitalen Zeitalter wird der Mensch immer mehr zu einem körperlosen Avatar, zum Geist, der durch die Maschine spricht. „In unserer digitalen Kultur ist es in der Zukunft das Allerwichtigste, den Körper zu verstehen. In unserer Gegenwart, in der sich zum Beispiel Frauen im Nahen Osten verhüllen müssen, ist es ein politisches Statement, wenn ich einen Mann oder eine Frau in voller Kraft und in aller Schwäche auf die Bühne bringe“, findet Linning.

Revolten vollziehen sich in verschiedenen Phasen, sie funktionieren wie ein Schneeballeffekt. Die Masse bietet dem Menschen in der Revolte aber auch die Möglichkeit, anonym zu bleiben. „Deshalb habe ich auch Masken im Stück. Wenn man unsichtbar ist, kann man viel härter kämpfen. Auf der anderen Seite bieten Masken auch Schutz. Das sagt viel über unsere Zerbrechlichkeit. Wenn wir denken, dass wir eine Maske tragen müssen, haben wir Angst, uns zu zeigen.“

Linning beschreibt auch die Phase nach dem Kampf, in der das Aufbegehren Einzelner als selbstverständlicher Gedanke gesellschaftlich integriert wird. „In meinem Umfeld ist es Realität, dass eine Frau unter zehn Männern Choreograf ist. Ich wünsche mir, dass wir den weiblichen Blick auf Tanz, auf klassisches Ballett, auf Leadership mehr zulassen. Ich sehe keinen Grund, warum es nicht in zehn Jahren ein gleiches Verhältnis von Männern und Frauen in dem Beruf geben sollte. Mein größter Wunsch wäre, dass das Geschlecht irgendwann keine Rolle mehr spielt, sondern nur ob ich ein guter Künstler bin. Um an diesen Punkt zu kommen, brauchen wir einen Aufbruch“, sagt sie noch, bevor sie zurück zu ihrem Ensemble eilt. Die nächste Probe zur Revolte steht an.

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