Der Chefarzt setzt sich für Kinder ein, die in ihren Heimatländern keine Chance auf eine Linderung ihrer Leiden hätten. Foto: Lg/Kovalenko

Nach schweren Verbrennungen ist der achtjährige Ahmad entstellt und kann seinen Arm nicht bewegen. Nach einem siebenmonatigen Klinikaufenthalt in Stuttgart reist der Junge zurück in seine Heimat Afghanistan und kann dort ein fast normales Leben führen

Stuttgart - Nach vielen Operationen, unter anderem auch am Mund, kann der achtjährige Ahmad endlich wieder lachen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Vor den Eingriffen war das unmöglich.

Vor sieben Monaten kam der Junge aus Afghanistan nach Deutschland. Thomas Ebinger, Chefarzt der Klinik für Hand-, Plastische – und Mikrochirurgie am Stuttgarter Karl-Olga-Krankenhaus hat ihn fünf Mal operiert, bevor er jetzt die Klinik verlassen durfte. Grund für die Tortur, waren schwere Verbrennungen im Gesicht, am Oberkörper und am linken Arm samt Hand. Was genau mit Ahmad passiert ist, wissen Ebinger und sein Team nicht. Sie haben keinen Kontakt zu seinen Eltern. Die Mediziner vermuten, dass die Verletzungen durch die Explosion einer Granate verursacht worden ist. Damals war der Junge etwa sieben Monate alt war.

Einige Finger waren verstümmelt

Die Folgen für den Kleinen waren dramatisch: Einige Finger der linken Hand waren verstümmelt. Wegen der Narben im Gesicht konnte Ahmad seinen Mund nicht ganz öffnen und schließen. Das linke Ohr war verzogen. Den linken Arm konnte Ahmad nicht strecken. Hand und Fingerstummel standen nach oben. In fünf jeweils ein- bis zweistündigen Operationen konnten Ebinger und sein Team die Fehlstellungen korrigieren. „Wir haben die Narben im Bereich des linken Arms gelöst, so dass der Junge den Arm jetzt wieder strecken kann, und Gewebe vom Oberschenkel auf die Hand transplantiert. Außerdem konnten wir durch eine Operation im Gesicht erreichen, dass Ahmad den Mund jetzt komplett schließen und öffnen kann“, sagt Ebinger.

EDie Kosten übernimmt die Klinik

Seit elf Jahren operiert Ebinger am Karl-Olga-Krankenhaus ein bis zwei Kinder im Jahr, die wie Ahmad aus Kriegs- und Krisengebieten stammen – kostenneutral,, obwohl der finanzielle Aufwand für die meisten der Eingriffe im fünfstelligen Bereich liegt. Die Kosten übernimmt die Klinik. Die meisten von Ebingers kleinen Patienten haben vor der Behandlung enorme Angst, denn in der Heimat sind die Eingriffe oft mit großen Schmerzen verbunden. Aber sobald sie merken, dass ihnen geholfen wird, beißen sie laut dem Chefarzt die Zähne zusammen. So war es auch bei Ahmad. „Ihn störte am meisten, dass er den Mund nicht schließen konnte. Als ich ihm erklärte, dass das bald wieder kann, hat er Vertrauen entwickelt“, sagt Ebinger.

Ausgewählt werden die Kinder, denen Ebinger und Ärzte anderen Kliniken in Deutschland helfen können, von Ärzteteams in den Krisenregionen. Ein bis zwei Mal im Jahr fliegen die kleinen Patienten dann in Gruppen nach Deutschland und werden vom der Kinderhilfsorganisation Friedensdorf International in Oberhausen versorgt, dann auf die Kliniken verteilt und nach der Behandlung wieder vom Friedensdorf bis zur Abreise in die Heimat betreut. Gasteltern werden nicht gesucht, weil die Gefahr besteht, dass die Kinder „wegadoptiert“ werden. „Ziel ist, die Kinder zurück zu ihren eigenen Familien zu bringen“, sagt Ebinger.

Viele Kinder haben Verletzungen durch Explosionen

Viele Kinder haben wie Ahmad Verletzungen durch Explosionen. Die Operationen sind oft nicht kompliziert, aber das Material fehlt in den Heimat der Kinder und sie werden so operiert, dass sie zwar überleben, aber nicht die bestmöglichen Chancen auf ein normales Leben haben.

Genau das hat Ahmad jetzt: Er wird einen Beruf lernen und arbeiten können und er kann – was bislang unmöglich war – sogar Fahrrad fahren. Die Folgen der Verbrennungen bleiben allerdings sichtbar, und auch die fehlenden Fingerteile konnten nicht komplett ersetzt werden.

Im August wird der Achtjährige wieder zurück in die Heimat fliegen – obwohl er lieber hier bleiben würde wie er Ebinger beim Abschied verraten hat.

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