Die Autobauer haben damit zu kämpfen, dass ihnen elektronische Bauteile fehlen. Mit einer flexiblen Steuerung der Produktion versuchen sie, die Auswirkungen abzufedern. Ein Autoexperte sieht eine Mitschuld der Hersteller an der Misere.
Stuttgart - Die deutschen Autohersteller haben die Coronakrise hinter sich gelassen, ihre Auftragsbücher sind voll – und fehlende Bauteile sorgen dafür, dass Daimler und andere Fahrzeugbauer unsanft ausgebremst werden. So kann man wohl knapp die Erkenntnisse zusammenfassen, die das Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) in einer Studie veröffentlicht hat. „Die Autobauer haben ihr Coronatief überwunden und freuen sich auch über eine gestiegene Nachfrage“, meint Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo-Umfragen.
Die Autonachfrage zieht an
Nach Gründen gefragt, wodurch die Produktion eingeschränkt werde, gaben nicht einmal mehr 15 Prozent einen Auftragsmangel an; im April 2020 waren es noch knapp 60 Prozent. Seit Ende 2020 verzeichnen die deutschen Autobauer weltweit eine deutlich höhere Nachfrage, in den ersten drei Monaten 2021 sind die Gewinne kräftig gestiegen.
Zwischendurch immer mal wieder sind die Hersteller aber trotz des Aufschwungs gezwungen, die Produktion teilweise herunterzufahren. Der Grund sind fehlende Elektronikbauteile wie Mikroprozessoren, aber auch einfache Steuerelemente. In modernen Fahrzeugen können mehr als 1000 solcher Komponenten verbaut sein. Man denke nur an die hochkomplexen Multimediasysteme, die in immer mehr Autos installiert werden. Etwa 60 Prozent der Autobauer beklagen in der Ifo-Studie einen Mangel an Bauteilen.
EQS-Produktion läuft „uneingeschränkt“
Das bekommt beispielsweise Daimler wiederholt zu spüren. Sindelfingen ist nach Rastatt und Bremen das dritte Daimler-Werk, dessen Produktion vom Chipmangel beeinträchtigt ist. Deshalb musste an dem Standort für Beschäftigte, die die E-Klasse produzieren, Kurzarbeit angemeldet werden. Von 3. bis 14. Mai soll der Produktionsstopp andauern, wie unserer Zeitung von Mitarbeitern aus unterschiedlichen Bereichen des Automobilherstellers bestätigt wurde. Die „Mercedes-EQ Elektrooffensive hat weiterhin höchste Priorität“, sagte eine Daimler-Sprecherin. Die Produktion des Elektroflaggschiffs EQS und auch der hochpreisigen S-Klasse laufe „uneingeschränkt“.
Lesen Sie als Abonnent auch: E-Klasse-Fertigung bei Daimler ruht
Pandemie beschleunigt die Digitalisierung
Beim Konkurrenten Porsche sind nach Angaben eines Sprechers „auch verschiedene Teile und Ausstattungen unserer Fahrzeuge betroffen“. Porsche arbeite gemeinsam mit dem Volkswagen-Konzern, zu dem der Autobauer gehört, mit Hochdruck daran, eventuelle Verzögerungen zu minimieren. Aktuell steht nach Angaben des Porsche-Sprechers die Produktion im VW-Werk Bratislava still; dort wird unter anderem auch der Porsche Cayenne produziert. Die Produktionspause dauere nach derzeitigem Stand vom 29. April bis zum 7. Mai. In Leipzig sei die Produktion von 12. bis 18. April „leicht gedrosselt“ worden. Dies habe den Porsche Macan betroffen. Im Stammwerk Stuttgart-Zuffenhausen und in Leipzig gebe es derzeit keine Probleme.
Die Ursache für die Halbleiter-Probleme sehen Experten in der Coronakrise, auch weil die Pandemie die Digitalisierung beschleunigt habe. Die Nachfrage nach Ausstattung von Homeoffices und für den Schulunterricht zuhause habe sprunghaft zugenommen. Und dass sich die Weltwirtschaft so schnell von der Coronakrise erholt habe, ist nach Ansicht von Ökonomen so auch nicht abzusehen gewesen. Automanager wie VW-Chef Herbert Diess erklären die akute Misere auch damit, dass während des Wintersturms in den USA mehrere Halbleiterfabriken ausgefallen seien und ein Brand bei einem japanischen Hersteller die Lage verschärft habe.
Autobauer bewerten Lage täglich neu
Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer wiederum gibt den Herstellern eine Mitschuld an der Chipkrise. Die Autobauer planten seit Jahren mit immer stärkerer Automatisierung, mit immer mehr Rechnern und intelligenten Funktionen im Auto, sagt der Chef des Forschungsinstituts CAR in Duisburg. Die Hersteller wüssten also schon länger von dem enorm gestiegenen Chip-Bedarf – man habe sich aber nicht entsprechend darauf eingestellt. „Man hat eben keinen strategischen Einkauf, der langfristig mit den Entwicklern die nächsten Automodelle plant“, meint Dudenhöffer.
Autohersteller wie Daimler und Porsche wiederum verweisen darauf, dass sie in Planung, Einkauf und Fertigungssteuerung fortlaufend flexibel auf Änderungen und Störungen reagierten. Die Lage werde täglich neu bewertet. Das gelte auch für das aktuelle Thema Chipmangel.