Mit dem Lynk & Co 01 will der chinesische Autobauer Geely den europäischen Markt erobern. Foto: AFP

Den chinesischen Autobauer Geely kennen bisher wohl nur Branchenkenner. Das soll sich jetzt ändern: Mit der nun in Berlin vorgestellten neuen Automarke Lynk will Konzernchef und Milliardär Li Shufu den europäischen Automarkt erobern. Ein Porträt.

Peking - Li Shufu ist bereits einer der berühmtesten Unternehmer Chinas – jetzt könnte er auch in Europa bekannt werden. Lis Firma Geely bringt als erster chinesischer Autohersteller in westlichen Ländern ein Auto auf dem Markt, das wirklich Mehrwert verspricht: Diese Woche wurde in Berlin der Lynk & Co 01, ein Stadtgeländewagen mit allen technischen Finessen und hohen Sicherheitsstandards vorgestellt. Diese Eigenschaften verwundern nicht, denn das Auto kommt zur Hälfte von Volvo – die schwedische Marke gehört seit sechs Jahren ebenfalls Li.

Auf Branchenveranstaltungen ist oft zu sehen, wie chinesische Manager – auch von Konkurrenzfirmen – den 53-Jährigen Li um Autogramme bitten. Li ist für seine Landsleute ein Idol. Millionen von Chinesen streben nach Erfolg, und Li hat es geschafft: Er war 2013 zeitweilig der reichste Mann Chinas, er steht an der Spitze eines weltweit agierenden Konzerns, und er vollbringt immer wieder Pioniertaten der chinesischen Wirtschaftsgeschichte. „Geely hat den Ehrgeiz, ein Autohersteller auf Weltklasseniveau zu werden“, sagt Branchenexperte Zhang Zhiyong, Gründer der Autowebsite WenFeng She.

Li war erst 21 Jahre alt, als er Direktor einer staatlichen Kühlschrankfabrik in seiner Heimatstadt Hangzhou wurde. Als er dort zwei Jahre später keine Zukunft mehr sah, gründete er mit Geld von Freunden und Familienmitgliedern seine eigene Firma – in der er ganz ähnliche Kühlschränke baute. Im Jahr 1989 änderte er den Namen des Unternehmens in Geely, das bedeutet: glückverheißend. Damals stellte er noch Deko-Material her, in den Neunzigern kamen kleine Autos hinzu.

Li hat viel von eigenen Fehlern gelernt

Privates Unternehmertum war damals in China noch ziemlich neu. Die Kommunisten hatten gerade erst wieder Ansätze von Marktwirtschaft zugelassen. Doch die Einwohner seiner Heimatstadt Hangzhou haben sich nie groß um die Sprüche der Partei geschert – und waren nach der Lockerung die ersten, die ihr eigenes Ding gemacht haben. Auch Jack Ma, der Chef des globalen Internethändlers Alibaba, stammt aus Hangzhou. Alibaba ist heute auch Technik-Partner für die Netzfunktionen von Lynk & Co.

Li hat viel von eigenen Fehlern gelernt. Schon 2007 hatte er Weltmarkt-Ambitionen. Er hat versucht, in den USA „das billigste Auto der Welt“ zu vermarkten und darauf gehofft, den neuen VW Käfer geschaffen zu haben. Die Kiste war aber tatsächlich vor allem eines: billig. Auf der Automesse in Detroit blieb sie als Außenseiter in einer Seitenhalle stehen und verschwand als Flop vom Markt.

Doch Li verkaufte derweil der wachsenden chinesischen Mittelklasse im Inland hochprofitabel Autos. Mit der Weltfinanzkrise und der Schwäche von EU und USA kam seine Chance: Als dem schwedischen Traditionshersteller Volvo 2010 das Geld ausging, stattete er sich bei seinen Hausbanken und der Provinzregierung mit Krediten aus und schlug zu. Die Übernahme von Volvowar einer der frühesten – und bis heute spektakulärsten – Zukäufe in Europa. Li tritt seitdem in dem Bewusstsein auf, einer der großen Gewinner unter den örtlichen Automanagern zu sein.

Die Autos haben einen Mitfahrdienst bereits eingebaut

Dieses Selbstbewusstsein ist ihm anzumerken, wenn er beispielsweise Journalisten zusammenstaucht: „Ihr Verhalten ist ja total unkultiviert, wenn Sie sich hier nicht ordentlich verhalten, beantworte ich keine einzige Frage!“ Doch Li hat definitiv ein Händchen für sein Geschäft. So hat Geely seinen großen Zukauf Volvo trotz aller Kulturunterschiede in den vergangenen fünf Jahren vergleichsweise geschickt ferngesteuert. Der Absatz ist dank des bevorzugten Zugriffs auf den chinesischen Markt rapide hochgegangen, allein im ersten Halbjahr 2016 um elf Prozent.

Die Zentrale in Hangzhou hat den Schweden eine hinreichend lange Leine lassen, um ihre Ideen umzusetzen und die Besonderheiten der Marke zu erhalten, zugleich aber die Kosten gesenkt. Volvo war schon seit 2011 Teil einer globalen Elektroauto-Strategie, mit der Li sein Unternehmen auf die Zukunft der Mobilität vorbereitet. Jetzt kommt also die Modellinie unter dem neuartig klingenden Namen Lynk & Co.

Die Autos haben einen Mitfahrdienst bereits eingebaut – schließlich ist sind Angebote wie Uber und Airbnb der letzte Schrei. „Wir aus der Autobranche stehen unter hohem Druck von Seiten der Elektroindustrie“, erklärt Li Shufu. „Wir müssen aufpassen, dass die es nicht bald besser können als wir.“ Lynk sei aus diesem Bewusstsein heraus geboren. Unnötig zu sagen, dass sich das Auto auch mit einer Handy-App überwachen und sogar ein bisschen steuern lässt.

Noch viele chinesisch-raue Kanten

Doch trotz aller Modernität haben sowohl Li als auch Geely noch viele chinesisch-raue Kanten. Kürzlich noch hat das Unternehmen eine Produktvorstellung mit einer Ballettdarbietung begleiten lassen, die eher nach nettem Schülertheater aussah. Auch Lis ruppiges Verhalten passt nicht ganz zum geschliffenen Auftreten anderer Weltmanager. Mit Zugriff auf Volvo hat Geely jedoch in den vergangenen Jahren technisch rapide aufgeholt. Die eigenen Autos haben eine qualitative Anmutung, die viele andere einheimische Anbieter noch nicht hinbekommen. Mit dem Volvo hat Geely zudem als einziger örtlicher Anbieter eine europäische Oberklassemarke auf dem Markt. Dennoch: Der Lynk 01, das erste Modell der neuen Marke, soll preiswert zu haben sein und entspricht damit den Erwartungen an einen Neuankömmling aus China.

Doch Geely will es besser machen als andere chinesische Firmen, die den Marktzugang in Europa gesucht haben. Die Marke Landwind beispielsweise fiel vor allem durch seine schlechten Crashtestergebnisse auf. Die Lynks sollen dagegen sicher sein – und eben technisch auf dem neuesten Stand. Die Autos sind auch als Hybridvarianten zu haben, ein rein elektrischer Antrieb ist ebenfalls geplant. Den 01 gibt es ab kommendem Jahr in China und ab 2018 in Deutschland. Mit Lynk decke das Unternehmen das Mittelklassesegment ab, während Geely eine Einstiegsmarke bleiben soll, sagt Branchenbeobachter Zhang. Über diesen beiden Marken sei Volvo als Premiumangebot angesiedelt. „So schafft Geely eine Markenstruktur, die der etablierter Konzerne wie VW ähnelt.“ Und Milliardär Li kommt seinem Traum vom Weltmarkt näher.

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