Junghexe Sabrina (Kiernan Shipka) bekommt Besuch vom Höllenfürsten.Foto:Netflix Foto:  

Auch in der zweiten Staffel bleibt die Netflix-Serie „Chilling Adventures of Sabrina“ ein Hexenkessel der Themen und Ideen: Die Heldin soll böse werden und sucht doch das Gute. Das ist nicht nur für Teneies unterhaltsam.

Stuttgart - Ein Kerl mit einer muffig wirkenden Kutte, mit sehr nach aufgesextem Putzhandschuh aussehenden Klauenhänden und mit einem Pappmasken-Ziegenkopf aus der Halloween-Bastelgruppe gibt den ultimative Schrecken in der Netflix-Serie „Chilling Adventures of Sabrina“ ab, den Fürsten der Finsternis, den Herrn der Hölle. Das dürfte in der Ära computeranimierter Ungeheuer nicht mehr funktionieren. Tut es aber. Der Ziegenschädel ist gruselig, seine Auftritte ­haben schwefligen Pomp.

Durch die Steilkurven

Wobei wir bei einer der vielen faszinierenden Seiten von „Sabrina“ wären, der verwirrendsten Teenager-Fantasyserie seit „Buffy the Vampire Slayer“ von 1997: Hier kommt lauter Zeug auf den Bildschirm, das in dieser Kombination nur Fehlzündungen produzieren dürfte. Aber statt zu spotten, schaut man gut unterhalten zu, immer ein wenig furchtsam, gleich könnte alles schief gehen, oft vergnügt darüber, dass schon wieder eine Steilkurve genommen wurde.

„Chilling Adventures of Sabrina“ ­erzählt von einem Menschen zwischen gegensätzlichen Welten, von der Waise Sabrina, deren Vater zur Geheimzunft der Hexenmeister gehörte, deren Mutter aber eine normale Sterbliche war. Es geht nicht um Hokuspokus-Multikulti, um Lebens­gestaltungsoptionen aus gleich zwei Regalreihen, um nette Hexen, die ein bisschen hilfreich herumzaubern. Es geht um eine verschworene Gemeinschaft des Bösen, um Wunsch und Verpflichtung, Gemeines zu tun, um brutalen Schaden, der anderen zugefügt wird.

Leckeres Gebräu

Weshalb Sabrina (Kiernan Shipka) in der ersten Staffel vor allem mit der Frage ringt, ob sie tun soll, was die dunkle Seite ihres Erbes von ihr erwartet: sich an ihrem sechzehnten Geburtstag in einem Ritual ins Buch der Bestie eintragen, also ihre Seele auf immer dem Bösen verschreiben.

Dieser Seelenqualenstoff wäre schon heikel genug. Hier wird er noch mit Elementen von Teenie-Romanze, Gruselschocker, Skurrile-Typen-Komödie und Erwachsenwerden-Drama vermengt. Weshalb man auch in Staffel 2 nicht aus dem Augenreiben herauskommt: Wie kann so ein krauses Hexenkesselgebräu bloß so ­lecker runtergehen?

Zerrissen und ratlos

Da ist zum Beispiel die Geschichte von Susie, einer von Sabrinas Freundinnen an der Highschool. Susie hat sich in ihrer Rolle als Mädchen immer unwohler gefühlt. Seit sie weiß, dass Sabrina eine ­Hexe ist, träumt das Kind armer Leute von einer Geschlechtsumwandlung mittels Magie. Zuvor aber wagt Susie das Coming-out, will Theo genannt werden und in der Jungenmannschaft Basketball spielen. Sie wird dafür gemobbt und stößt auf das prosaische Problem, dass es nur eine Umkleidekabine gibt – und der Rest der Mannschaft wartet, ob sie es wirklich wagen wird, die Straßenklamotten auszuziehen.

Das klingt vielleicht nach zeitgeistiger pädagogischer Zwangsmästung, nach wichtigtuerischem Aufgreifen des Reizthemas sexuelle Diversität. Aber es wird einfach ein völlig stimmiger Teil der Baxter-High-Welt, eine Spiegelung von Sabrinas Zerrissenheit und Ratlosigkeit. Die zweite Staffel ist nicht ganz so flott wie die erste, aber sie vertieft deren Themen. Sabrina steht eben nicht zwischen einer einheitlich hellen und einer einheitlich dunklen Welt. Sie spürt Loyalitäten zu vielfach gebrochenen Figuren auf beiden Seiten.

Fragen über Fragen

Was ist Freundschaft, was bedeutet ­Familie, wem schuldet man wie viel Loyalität, wie viele Kompromisse muss man eingehen? Ist das Böse eine integre Faser des normalen Lebens oder eine Infektion, die, einmal ausgebrochen, immer weiterfrisst? Wie viele Lügen hält eine Freundschaft aus? Welche Fehler kann man wiedergutmachen und welche Scherben bekommt man nie wieder geklebt? Das sind Fragen, die hier im Rahmen einer wahnwitzigen, zugleich buntscheckigen und latent düsteren Serie abgehandelt werden.

Immer wieder springt einen das Lebenskluge des Drehbuchs an: dass hier zwar Tote aus dem Grab zurückgeholt werden können, aber ein destruktives Wort zur falschen Zeit nicht leicht wieder einzufangen ist. „Chilling Adventures of Sabrina“ hat auch eine Menge Momente, für die Teenager fast noch zu jung sind.

Verfügbarkeit: Alle Folgen der zweiten Staffel bereits bei Netflix abrufbar.

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