Henry (Austin Abrams) und Grace (Lili Reinhart) lernen den Irrsinn der Liebe: Sie passen prima zusammen und doch nicht wirklich. Foto:Amazon Prime Video Foto:  

So interessant wie im Spielfilm „Chemical Hearts“ bei Amazon Prime Video wird selten von der Pubertät erzählt. Kein „American Pie“-Klamauk, aber auch kein Jung-sterben-Pathos: nur das ganz normale Gefühlschaos.

Stuttgart - Schreiben kann er, dieser Henry Page, der so gerne Chefredakteur der Schülerzeitung seiner Highschool werden möchte. Aber wenn er Menschen ins Gesicht sehen und seinen Gefühlen und Gedanken mündlich Ausdruck verleihen muss, wird er zur unbeholfenen Gießkanne von Allgemeinplätzen. Gut für ihn also, dass er seinen Traumjob tatsächlich bekommt. Denn in der Redaktion des Blättchens findet er Gleichgesinnte. Das Lesen von Gedichten und Schreiben von Essays gilt der Mehrheit der Mitschüler als bestenfalls seltsamer, eher aber jämmerlicher Zeitvertreib.

Grace Town ist neu an der Schule und neu in der Redaktion. Sie liest Pablo Nerudas Gedichte, und in einer idealen Welt würde Henry nun ganz schnell eine erfüllende erste Liebe finden. Aber „Chemical Hearts“, mit dem deutschen Titel „Unsere verlorenen Herzen“ geschlagen, ist ein außergewöhnlich kluger, behutsamer, skeptischer Pubertätsfilm. Grace, die mit sichtlicher Mühe am Stock läuft, aber lieber weite Strecken zu Fuß zurücklegt, als sich hinters Steuer zu setzen, ist so abweisend wie rätselhaft. Erst allmählich kann Henry eine Verbindung zu ihr herstellen. Aber die wachsende Nähe macht vor allem die regelmäßigen, oft abrupten Zurückweisungen schmerzhafter.

Körperchemie und Wundheit

Wenn Hollywood von den Wirrungen der Gefühle im Teenageralter erzählt, bekommen wir meist die ulkig-vulgäre Variante zu sehen, also Hormonüberdruck-Klamauk a la „American Pie“, oder die verbürgt tragische Variante: Ein Teil des Liebespaares ist unheilbar krank. „Chemical Hearts“, die Verfilmung eines Romans von Krystal Sutherland, lässt solche Klischees weit hinter sich. Auch hier gibt es Tragik, aber sie liegt in der Vergangenheit.

Erzählt wird, dass man auch in jungen Jahren Ballast mit sich herumtragen muss. Und herb deutlich wird die tiefe Kluft zwischen Jugendlichen und Erwachsenen. Wer die Pubertät hinter sich hat, kann sich nicht mehr wirklich daran erinnern, welchem Gefühlschaos man da ausgesetzt war. Wer mittendrin steckt, wie Grace und Henry, kann sogar begreifen, dass das mit Körperchemie zu tun hat – aber das hilft nicht weiter, wenn einem alles unter die Haut geht wie eine Harpune. Lili Reinhart (Betty Cooper aus „Riverdale“) und Austin Abrams („Euphoria“) spielen ihre Figuren mit offener Wundheit und allen Ungeschicklichkeiten der Selbstschutzversuche, sie lassen ihren Figuren auch das chaotisch Ratlose.

Indie-Kino und Streaming

„Chemical Hearts“ wäre früher eine kleine Sensation des US-Independent-Kinos gewesen. Tatsächlich hat der 1985 geborene Regisseur Richard Tanne 2016 beim Sundance Festival mit seinem Langfilmdebüt „Southside with you“ Furore gemacht. Sony/Columbia wollte sein nächstes Werk produzieren, aber es kam kein Film dabei heraus, wie so oft in den letzten Jahren, wenn jemand in einem auf Blockbuster, Megabudgets und Superhelden fixierten Studiosystem für wenig Geld von Menschen erzählen will. Nun hat eben Amazon „Chemical Hearts“ für sein Streamingangebot produziert. Das sagt viel über einen Markt, der von Leinwandnostalgikern und Kinolobbyisten beständig verzerrt dargestellt wird, nach dem Motto: Die bösen Streamingdienste kaufen dem guten Kino die Filme und Talente weg.

Tanne hat sogar im Cinemascope-Format drehen dürfen, dessen breites Bild beständig nach einer Bewegung in die Weit verlangt, die diese Figuren noch nicht bewältigen können, und dessen Format subtil ein Gefühl von Leere, Mangel oder Distanz Mangel erzeugt, wenn nicht zwei Menschen miteinander vor der Kamera stehen, gehen, sitzen oder liegen. „Chemical Hearts“ kann man nicht nur der schönen optischen Auflösung wegen auch ansehen, wenn man die Pubertät schon lange hinter sich hat. Vielleicht erinnert man sich dann wieder besser.

Verfügbarkeit: beim Streamingdienst Amazon Prime Video

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