Ralf Dieter will künftig eigene unternehmerische Projekte verfolgen. Foto: /Andreas Weise/factum

Überraschend gibt Ralf Dieter Ende 2021 seinen Posten auf. Sein Stellvertreter Jochen Weyrauch rückt nach. Dieter, der eine eigene Gesellschaft gründet, bleibt Berater des Konzerns.

Bietigheim-Bissingen - Mehr als 15 Jahre hat Ralf Dieter die Geschicke von Dürr verantwortet, nun kommt es beim weltweit führenden Anbieter von Lackieranlagen überraschend zum Chefwechsel. Dieter (60), dessen Vertrag eigentlich noch bis Mitte 2023 läuft, stellt sein Amt Ende des Jahres zur Verfügung. Seine Nachfolge wird Jochen Weyrauch (55) antreten.

Der Wirtschaftsingenieur Weyrauch kennt Dürr, und er kennt Dieter. Weyrauch ist seit Anfang 2017 im Vorstand und seit Anfang 2020 der Stellvertreter von Dieter. Zuletzt hat Weyrauch maßgeblich die Geschäfte bei Dürr verantwortet, während sich Dieter auf die Entwicklung bei der Tochter Homag, einem Anbieter von Holzbearbeitungsmaschinen, konzentriert hat. An die Spitze bei Homag wird künftig Daniel Schmitt (51), der bereits im Vorstand ist, nachrücken.

Der Aufsichtsrat bedauert die Entscheidung

„Der Aufsichtsrat bedauert Herrn Dieters Entscheidung, zugleich respektieren wir seinen Entschluss“, sagt Gerhard Federer, Aufsichtsratschef von Dürr. Er fügte hinzu: Dieter habe die Führung von Dürr „in einer schwierigen Situation übernommen, das Unternehmen stabilisiert und mit klarer Strategie zu einem schlagkräftigen Maschinen- und Anlagenbauer weltweit gemacht.“

Weyrauch und Dieter kennen sich schon lange. Bevor Dieter im Jahr 2005 in den Vorstand von Dürr berufen wurde, war er Chef der damals kriselnden Dürr-Tochter Carl Schenck AG in Darmstadt, einem Marktführer unter anderem für Auswucht- und Dia­gnosetechnik. Auch Weyrauch war zu der Zeit dort im Vorstand.

Dieter bleibt Berater

Dieter, der vor seiner Zeit bei Dürr unter anderem beim IT-Unternehmen IBM in Stuttgart und Paris sowie der Carl Zeiss Industrielle Messtechnik in Oberkochen in führenden Positionen tätig war, wird Dürr als Berater verbunden bleiben. Zuständig ist er dabei für die Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Zudem will er eigene unternehmerische Projekte verfolgen. Ein Unternehmen habe er bereits gegründet, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Sein Ziel sei, Unternehmen nicht nur zu beraten, sondern sich auch an ihnen zu beteiligen. Erste Kunden gebe es bisher allerdings noch nicht.

Der gebürtige Baden-Badener Dieter, der Volkswirtschaft studiert hat, ist seit Anfang 2006 der Chef des Maschinen- und Anlagenbauers. Als Dieter kam, steckte Dürr in einer tiefen Krise. Grund dafür war die Autoindustrie, die sich mit Investitionen zurückhielt. Damals drohte der defizitär arbeitende Anlagenbauer in einen Liquiditätsengpass zu schlittern. Schlimmer noch: Aufgrund der hohen Schuldenlast wäre das Traditionsunternehmen fast zu einem Opfer von spektakulär agierenden Hedgefonds geworden.

Ein schwieriger Einstieg

Dürr hatte, um die Krise zu meistern, zum einen Personal abgebaut und zum anderen Teile des damaligen Kerngeschäfts verkauft. Dieter konzentrierte sich voll auf die Autoindustrie – und lehnte eine Diversifizierung zunächst ab. Sein Plan ging auf. Innerhalb weniger Jahre konnte das Unternehmen, das in diesem Jahr 125 Jahre alt wird, seine Schuldenlast drastisch reduzieren. Bereits 2006 konnte er einen kleinen Gewinn präsentieren.

Die Entwicklung, die Dürr in der Ära Dieter nahm, ist beeindruckend. 2005 – also im Jahr bevor Dieter die volle Verantwortung übernahm – erwirtschaftete Dürr bei einem Umsatz von 1,4 Milliarden Euro einen Verlust von knapp 105 Millionen Euro. Im laufenden Jahr wird ein Umsatz zwischen 3,6 und 3,8 Milliarden Euro sowie ein Jahresüberschuss von 70 bis 120 Millionen Euro angestrebt. Im Vergleich zum Coronajahr 2020 ist das eine enorme Steigerung. Die Pandemie hat den Konzern im vergangenen Jahr hart getroffen – nicht nur der Umsatz, sondern auch der Gewinn ist 2020 eingebrochen. Ende 2020 beschäftigte das Unternehmen, das maßgeblich der Familie des einstigen Bahn-Chefs Heinz Dürr gehört, gut 16 500 Mitarbeiter; 2005 waren es knapp 6000.

Breit aufgestellt

Dürr ist auch längst nicht mehr nur auf das Auto konzentriert. In fünf Bereichen engagiert sich das Unternehmen mittlerweile – mit einem Umsatzanteil von 35 Prozent ist das Geschäft mit Lackieranlagen unverändert das größte. Aber die Maschinen für die Holzbearbeitung sind mit einem Umsatzanteil von 33 Prozent nur wenig kleiner. Deutlich kleiner sind dagegen die Lackapplikationstechnik – wozu auch die Lackierroboter gehören –, die Abluftreinigungsanlagen und die Auswuchttechnik. Zu einem sechsten Geschäftsfeld könnte sich die Medizintechnik entwickeln; zumindest hat Dürr zuletzt in diesem Bereich zugekauft.

Weyrauch begann seine unternehmerische Karriere beim Autozulieferer Continental Treves; später ging er zur Turbo-Lufttechnik, die zum Anlagenbauer Babcock-Borsig gehört. Der Aufsichtsrat habe schon vor geraumer Zeit erkannt, dass mit Weyrauch „ein idealer interner Nachfolger bereit steht“, so Federer.

Dürr hat die Coronakrise Überwunden

Geschäftslage
Die Pandemie hat Dürr stark getroffen. Der Umsatz brach im vergangenen Jahr um knapp 20 Prozent auf 3,3 Milliarden Euro ein. Unter dem Strich verzeichnetet das Unternehmen einen Verlust von beinahe 14 Millionen Euro. Die Aufholjagd in diesem Jahr ist beachtlich, auch wenn die Zahlen von 2019 noch nicht erreicht werden. 2022 erwartet der Vorstand, dass Umsatz und Ebit-Marge – also das Ergebnis vor Zinsen und Steuern im Verhältnis zum Umsatz – mit 3,9 Milliarden Euro und 6,7 Prozent das Vorkrisenniveau 2019 übertreffen werden. Mittelfristig soll die Marge bei 8 Prozent liegen.

Aktionäre
Dürr ist seit 1990 an der Börse. 29 Prozent der Anteile halten die Heinz Dürr GmbH sowie die Heinz und Heide Dürr Stiftung (beide Berlin). Der Rest wir von privaten und institutionellen Investoren gehalten – dazu gehören der Alecta Pensionsförsäkring sowie Credit Suisse Fund Management.