Der neue GFT-Chef Marco Santos will mit einem neuen KI-Programm Banken und Automobilbauer in der Region Stuttgart auf Effizienz trimmen lassen.
„I love AI“ – „ich liebe KI“, sagt Marco Santos, „ich lebe mit der digitalen Transformation.“ Seit Januar ist der Brasilianer, der lange in den USA gelebt hat, neuer Chef des Stuttgarter Unternehmens GFT und richtet derzeit alles auf Künstliche Intelligenz aus. Dafür hat er bereits 10 000 seiner Beschäftigten geschult. Was dahinter steckt und weshalb jeder Verbraucher künftig einen digitalen Super-Agenten haben könnte, sagt er im Interview.
Herr Santos, wie schneidet Deutschland bei der Digitalisierung ab?
Darf ich ein persönliches Beispiel geben? Ich bin vor einem Jahr nach Deutschland gezogen und habe schnell gemerkt, dass viele Dinge im Alltag noch viel Papierkram erfordern. Ich musste Papiere ausfüllen, wenn ich zum Arzt, Mobilfunkanbieter oder zur Bank gegangen bin. Ich habe Papiere für die Schule meiner Kinder, den neuen Verein und für die ganzen Verwaltungsangelegenheiten ausgefüllt.
Das heißt?
Es gibt sehr viele Möglichkeiten, diese Dinge zu digitalisieren und dabei effizienter zu gestalten. Damit sparen sie Zeit, können mehr produzieren, konsumieren und mehr Wohlstand schaffen. Ihre neue Bundesregierung hat jetzt ein Digitalministerium eingerichtet. Davon verspreche ich mir viel, weil es die Digitalisierung nun selbst vorantreiben kann, ohne auf das Wohlwollen anderer Ministerien angewiesen zu sein.
Falls Sie eine Erfinder-Garage zur Verfügung hätten: Was würden Sie selbst neu schaffen?
Ich würde eine KI-Bank mit einem völlig disruptiven Ansatz entwickeln. Für das Banking bräuchte man keine App mehr, sondern nur noch digitale Agenten, die für Sie die Arbeit übernehmen, es wäre eine völlig neue Kundenerfahrung. Und ich würde eine zentrale digitale Plattform schaffen, um alle Prozesse in der Industrie und ihrer Lieferanten zu optimieren.
Mit GFT versuchen Sie das bereits ansatzweise. Können Sie uns beschreiben, wie sich das auf unseren Alltag auswirken könnte?
In der Zukunft wird jeder von uns einen superpersonalisierten digitalen Agenten haben, der alles über uns weiß: Was wir konsumieren, für was wir uns interessieren, was wir kaufen wollen. Unser persönlicher Agent hilft, unseren Alltag zu organisieren, und kommuniziert seinerseits mit anderen spezialisierten digitalen Agenten, zum Beispiel jenen von Banken, Versicherungen oder Handelsunternehmen. Sie erinnern unseren persönlichen Agenten, dass eine Überweisung fällig ist oder dass es ein Angebot zu dem Auto gibt, das wir zuletzt lange im Internet betrachtet haben. Die Überweisung könnte unser persönlicher Agent für uns auch direkt ausführen.
Es hängt immer davon ab, welche Daten wir preisgeben. Ohne sie können die Agenten nicht arbeiten.
Der eine Mensch gibt mehr Daten preis, der andere weniger. In Ländern wie in den USA ist die Bereitschaft größer. Das ist eine Entwicklung, die schrittweise stattfindet. Aber wir geben immer mehr Informationen preis. Und wenn die Vorteile groß erscheinen, werden vielleicht auch Sie mehr Daten freigeben. Der Kampf um Gesundheitsdaten wird in dieser Sicht die letzte Kampfzone sein. Wenn Sie Gesundheitsdaten preisgeben, geht es nicht um einen Rabatt, sondern darum, mögliche Krankheiten besser zu behandeln.
Zurück zu GFT. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz wollen Sie die Geschäfte von Banken, Versicherungen und Automobilherstellern stärker digitalisieren. Was kann KI bewirken?
Unsere KI-Technologie hilft, die Geschäftsmodelle effizienter zu machen, auf regionaler wie internationaler Ebene. Dazu haben wir eine eigene Generative KI entwickelt, die wir GFT AI Impact nennen. Mit ihr können wir zum Beispiel den Software-Lebenszyklus wesentlich verschlanken, bei dem es unter anderem um Planung, Design, Implementierung und Wartung von Software geht.
Was heißt das konkret?
Unsere Technologie bieten wir unseren Kunden an, die Resonanz ist bisher sehr gut. Wir konnten einige Bereiche des Software-Lebenszyklus um bis zu 90 Prozent effizienter gestalten. Ein Beispiel: Wir haben in Großbritannien für einen Kunden zum Test alte Software dokumentiert – das ist eine Aufgabe, die kein Programmierer gerne macht. Mit traditionellen Methoden hätte das 160 Stunden gedauert. Mit AI Impact dauerte der Test acht Stunden – in besserer Qualität. Mit KI können Unternehmen die Entwicklung und Modernisierung ihrer Software also deutlich beschleunigen, ohne das Budget erhöhen zu müssen.
Werden Software-Entwickler damit überflüssig?
Wir ersetzen keine Software-Entwickler mit KI, weil mir mit dieser KI massiv wachsen wollen. Wir haben bereits 10 000 Ingenieure trainiert, also den Großteil unserer Beschäftigten. Natürlich braucht man für die gleichen Aufgaben künftig weniger Entwickler, aber es gibt so viel mehr zu tun, viele Firmen hinken technologisch um Jahre hinterher.
Digitalisierung spielt auch in anderen Branchen als Ihren Kernmärkten Banken, Versicherungen und der Autoindustrie eine immer größere Rolle. Welche sind für GFT noch interessant?
Wir fokussieren uns auch auf neue Bereiche, etwa Robotik. Hier setzen wir zurzeit ein großes KI-Projekt mit einem führenden deutschen Robotik-Hersteller um. Auch beim Militär sehen wir viel Potenzial. Die Verteidigung wird komplett digitalisiert werden, vernetzte Drohnen und Roboter spielen schon jetzt eine große Rolle. KI wird die Militärtechnik bestimmen, alles wird mit allem über das Internet verbunden sein. Ich glaube, dass wir hier mit GFT viel leisten könnten.
Sie holen sich dabei aber auch selbst Hilfe, indem Sie Firmen übernehmen.
Das stimmt, in den vergangenen zehn Jahren haben wir bereits acht Firmen gekauft. Jetzt schauen wir ganz gezielt nach unabhängigen Software-Anbietern, die sich auf digitale Agenten, KI und Cloud-Technologie spezialisieren und die unser Wachstum beschleunigen könnten.
Sie haben als weltweit tätiges Unternehmen ihren Sitz in Stuttgart. Wie viele Kunden haben Sie eigentlich in der Region?
Zu den Kunden zählen die LBBW, Trumpf und auch ein großer Automobilbauer. Leider sind wir in Deutschland und selbst in der Region Stuttgart nur wenig bekannt, obwohl wir bereits für Unternehmen wie Audi, VW oder die Deutsche Bank arbeiten. Wir möchten in der Region Stuttgart viel mehr Unternehmen gewinnen und ihnen bei der digitalen Transformation helfen. Wir bringen Erfahrungen aus aller Welt mit ein. Mercedes und Porsche sind regional, national und international bekannt – das wollen wir auch sein.
Wundert es Sie eigentlich manchmal selbst, wie schnell Künstliche Intelligenz sich weiterentwickelt?
In den 1990er Jahren habe ich einen Abschluss in Computer Science gemacht, weil ich KI geliebt habe. Damals war KI aber noch langweilig, pure Mathematik. 2011 ging ich zu GFT, damals konnte KI auf einem Foto noch nicht einmal eine Katze von einem Hund unterscheiden. Heute kann KI praktisch alles erkennen, was es auf Fotos, Videos oder Audio gibt – und auch erstellen, oft in besserer Qualität als Menschen. Wir nutzen KI, um Krebs zu diagnostizieren oder um Energie effizienter zu verteilen. Auch deshalb haben wir bei GFT alles auf KI ausgerichtet.
Marco Santos – ein Brasilianer für Stuttgart
Unternehmenschef
Seit Januar ist Marco Santos (49) Chef des Stuttgarter Finanzdienstleisters GFT Technologies SE. Der Brasilianer begann 2011 als Country Manager von GFT Brasilien, leitete anschließend das Lateinamerika-Geschäft sowie GFT USA. Santos, der Informatik studierte und sich später auf KI spezialisierte, lebt mit seiner Familie in der Nähe von München.
Unternehmen
GFT spezialisiert sich auf digitale, innovative Konzepte für Banken, Versicherungen und die Fertigung. Das Unternehmen erzielte zuletzt einen Jahresumsatz von knapp 900 Millionen Euro und zählt derzeit rund 11 400 Beschäftigte (Vollzeit) in mehr als 20 Ländern weltweit.