Peter Drausnigg ist zurück in Stuttgart: Er hat hier bereits ein Jahrzehnt gelebt und gearbeitet. Foto: Lichtgut

Angesicht der Aufgabe, Stuttgart bis 2035 klimaneutral zu bekommen, wirken die Stadtwerke recht mickrig. Peter Drausnigg erläutert, warum die bisher kleinen Stadtwerke eine große Chance haben.

Die Stadtwerke Stuttgart haben Großes vor. Mit Investitionen von drei Milliarden Euro bis 2035 wollen sie die Energiewende mit Wucht vorantreiben. Ob das funktioniert, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Klar ist: Seit der neue Technische Leiter Peter Drausnigg im April 2021 angetreten ist, ist die Welt wegen des Kriegs in der Ukraine eine andere. Im Interview erklärt er, worauf es seiner Meinung nach ankommt und warum der 15. Dezember rot in seinem Kalender steht.

 

Herr Drausnigg, macht es zurzeit Spaß, Chef eines Stadtwerks zu sein?

Die Frage wird mir öfters gestellt. Ich glaube, wir haben in Stuttgart aber eine Sondersituation: Wir sind kein Grundversorger, sondern sind stärker im Bereich von Energiewende-Produkten unterwegs. Deshalb haben wir die großen Probleme mit der Beschaffung nicht wie manch andere Stadtwerke, die stark aus dem Strom- und Gasvertrieb leben.

Als Sie 2021 bei den Stadtwerken angefangen haben, hatten Sie große Ziele. Was haben Sie in den anderthalb Jahren konkret umgesetzt?

Wir haben zum Beispiel den Bereich der E-Mobilität ausgebaut, wir haben jetzt mit Share Now einen großen Sharing-Anbieter bei uns in der Versorgung, und wir sind Marktführer bei öffentlich zugänglichen Ladesäulen in Stuttgart. Wir haben Projekte mit Apcoa, bei denen wir in Tiefgaragen gehen mit mehreren hundert Stellplätzen. Ansonsten waren die letzten anderthalb Jahre davon geprägt, A das Unternehmen kennenzulernen und B die Herausforderungen aufzugreifen. Das Ergebnis davon ist, dass wir dem Gemeinderat jetzt unsere neue Strategie vorgelegt haben.

Hat sich an Ihrer Strategie durch den Krieg und die Energiekrise etwas geändert?

Ja natürlich. Durch die Energiekrise, aber auch durch den Klimaschutz und das Vorziehen des Klimaziels um 15 Jahre in Stuttgart muss man jetzt schneller, höher, weiter springen.

Für eine Landeshauptstadt, die bis 2035 klimaneutral sein möchte, wirken die Stadtwerke Stuttgart recht mickrig. Sie haben 2021 gesagt: „Die Stadtwerke sind dazu da, die Energiewende umzusetzen.“ Wie wollen Sie diese Jahrhundertaufgabe bewältigen?

Insgesamt, also mit unserem Netzbereich, haben wir aktuell rund 500 Mitarbeitende. Wenn unsere Strategie von den Gremien angenommen wird, wachsen wir perspektivisch auf insgesamt 1000 Leute. Und damit hätte man schon eine Größe, um mit anderen Stadtwerken auf Augenhöhe zu diskutieren. Man muss immer daran denken: Wir haben kein Wasser, wir haben keine Kraft-Wärme-Kopplung, wir haben keinen ÖPNV, wir konzentrieren uns auf Strom, Wärme und Verkehr.

Ein anderer Stadtwerke-Chef sagte uns, das Geld werde im Raum Stuttgart nicht das Problem sein bei der Energiewende, sondern das Personal. Woher sollen Ihre 350 neuen Kollegen, die Sie gern hätten, kommen?

Das wird sicher auch ein Problem der Finanzen sein, auch mein Kollege wird sich bei seinem Gesellschafter viel Geld holen müssen. Aber es ist natürlich auch eine Frage der Fachkräfte. Als ich angefangen habe, waren wir bei den Stadtwerken – ohne das Netz – nicht mal 60, das heißt, ich habe im vergangenen Jahr 40 Leute integriert. Ich glaube, wir haben eine ganz gute Story: die Energiewende in Stuttgart vorantreiben. Wir werden nicht nur organisch wachsen, sondern auch anorganisch, wenn Sie sehen, an welchen Firmen man sich beteiligt, um einen schnelleren Hochlauf zu haben, da gibt’s keine Denkverbote. Wir werden also auch durch Kooperationen mit anderen Firmen, insbesondere dem Handwerk wachsen, um einen schnelleren Hochlauf zu erzielen. Da gibt es keine Denkverbote. Möglich sind zum Beispiel auch Ausbildungskooperationen.

Ein Vergleich: Während die Stadtwerke Tübingen vor 20 Jahren Konzessionen für Versorgungsnetze in anderen Kommunen übernommen haben und ins Windpark-Geschäft eingestiegen sind, wurden die Stuttgarter Neckarwerke an den Energieriesen EnBW verkauft. Aus heutiger Sicht ein Fehler?

Vielleicht war es aus jetziger Sicht nicht unbedingt zielführend, aber es gab Gründe zum damaligen Zeitpunkt für den Verkauf der Neckarwerke. Man muss auch wissen, dass es ein Bürgerbegehren gab, das schließlich genug Stimmen eingesammelt hat, um dann die Stadt dazu zu bringen, dass man die Strom- und Gasnetze wieder zurückholt. Dass man sich auf die Konzession bewirbt und ein Stadtwerk gründet. Die Stadtwerke vor zehn Jahren zu gründen, war wichtig. Sie müssen jetzt zum Motor der Energiewende ausgebaut werden.

In Tübingen sind die Versorgungsnetze in städtischer Hand. Bei der Konzession für Stuttgart hat die EnBW durch eine Beteiligung dagegen nach wie vor den Fuß in der Tür.

Ich glaube, die Herausforderung, klimaneutral zu werden, ist keine Aufgabe, bei der man gegeneinander kämpft. Es ist so viel zu tun, dass es eher ein Miteinander sein muss. Und noch mal zu uns: Sie haben den Vergleich zu Tübingen gebracht. Wir haben vielleicht eine andere Chance: Wir sind ein Unternehmen, das sich genau ausrichten kann auf das, was jetzt benötigt wird. Viele Unternehmen, die es gibt, sind in einem Transformationsprozess. Wir sind in einem Ausbauprozess auf der grünen Wiese, da ist man sicher schneller.

Angenommen, der Gemeinderat gibt Ihnen im Dezember grünes Licht für Ihre Pläne, was ist bis Ende 2023 vorzeigbar umgesetzt?

Also bei der Wärme schnell etwas umzusetzen, ist äußerst schwierig, es muss geplant werden, es braucht Vorlauf. Aber ich würde mal so sagen: Erst muss man das Stadtwerk in die Lage versetzen, wirklich etwas zu bewirken, und dann werden wir schauen: Wo gibt es Möglichkeiten, mit Projekten im Wind- und PV-Bereich auch das Thema Ökostrom voranzutreiben. Der erste Schritt wird nun sein, schnell die organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen.

Klingt vor allem nach Planung. Müsste man angesichts der nur noch zwölf verbleibenden Jahre bis 2035 nicht schneller ins Handeln kommen?

Man muss an der Stelle aufpassen, dass man sich nicht selber überholt. Die Dinge müssen wohl sortiert sein. Wir haben mit unseren 80 Megawatt schon ein schönes Windportfolio, das gilt es jetzt auszubauen. Wir haben über 500 PV-Anlagen in Stuttgart, die durch unsere Hände gingen, auch da gilt es, weiter auszubauen. Hier gilt es nun, Geschwindigkeit aufzunehmen. Und im Wärmebereich haben wir Projekte, die im Aufsichtsrat besprochen werden. Das Ganze wird hoffentlich freigegeben durch den Gemeinderat. Von daher können wir am 15. Dezember klarer denken.

Es gibt also nichts, bei dem Sie sagen: Das haben wir in einem Jahr messbar in der Hand?

Nein, so würde ich es nicht sagen. Wir haben 100 Millionen Euro als Eigenkapital, und wir haben somit die Möglichkeit, Wind- und Fotovoltaik-Projekte zu akquirieren. Aber alles mit Weitblick, und es muss zu uns passen. Ich möchte mich nicht daran messen lassen, wie viele Windparks wir kaufen. Woran man uns aber auf jeden Fall messen kann, sind die Themen, die wir selbst beeinflussen können, zum Beispiel beim Aufbau der Ladeinfrastruktur: Schaffen wir es, 1000 Ladepunkte im Jahr aufzubauen? Bei der Wärme ist es schwieriger. Es wird viele Projekte geben, die von der Erstidee bis zum Abschluss fünf bis zehn Jahre dauern. Wir werden hier auch mit der Stadt diskutieren müssen: Wie können wir Prozesse beschleunigen?

Peter Drausnigg und die Energiewende

Person
Peter Drausnigg ist seit dem 1. April 2021 der Technische Geschäftsführer der Stadtwerke Stuttgart. Von 1997 bis 2010 war er bei der EnBW-Group beschäftigt, danach Leiter der Stadtwerke Münsingen. Danach baute er als Alleingeschäftsführer das Regionalwerk Würmtal bei München auf. 2016 wurde er Alleingeschäftsführer der Stadtwerke Bad Nauheim GmbH.

Energiewende
Die Stadtwerke Stuttgart rechnen damit, bis 2035 drei Milliarden Euro in die Energiewende zu investieren. Eingeschlossen sind die Bereiche Wärme, Strom und Verkehr. Bei der Wärme sollen alle lokalen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Strom will man vor Ort aber auch fernab produzieren. Und bei der Verkehrswende setzen die Stadtwerke vor allem auf die Ladeinfrastruktur. Über die Strategie der Stadtwerke entscheidet der Gemeinderat am 15. Dezember.

Kunden
Die Stadtwerke Stuttgart zählen nach eigenen Angaben derzeit 38 000 Strom- und Gaskunden, darunter rund 10 000 Gaskunden, mehr als 560 Photovoltaik-Kunden sowie mehr als 25 000 registrierte Stella-Kunden. ana