Zu den Schwerpunkten des KIT gehört die Roboterforschung. Auf der IT-Messe Cebit half der Roboter ARMAR-6 im Juni beim Aufbauen des Standes und übergab eine Flasche Reinigungsmittel. Foto: dpa

Die Energiewende schützt das Klima, kann dem Einzelnen aber auch ein Windrad vor dem Haus bescheren. Holger Hanselka, Chef des Forschungsinstituts KIT, hat klare Vorstellungen, wie dieser Konflikt zu bewältigen ist.

Stuttgart Der Chef der Karlsruher Spitzenuniversität KIT rät den Deutschen, bei neuen Technologien nicht nur auf die Nachteile zu schauen -

Herr Hanselka, auf internationalen Ranglisten erreicht Ihr Institut immer wieder Spitzenplätze und hat es inzwischen auf Rang eins unter den deutschen Universitäten geschafft. Was unterscheidet Ihr Institut von anderen Hochschulen?

Hinter dem KIT stand seinerzeit die visionäre Idee, eine Landes- und eine Bundeseinrichtung zu verschmelzen und aus beidem mehr zu machen als die Summe seiner Teile. Wir verbinden heute die vollen Aufgaben und Möglichkeiten einer technischen Universität mit denen eines nationalen Großforschungszentrums. Dieses befasst sich mit den großen Herausforderungen der Gesellschaft, für die die Politik Lösungswege aufzeigen muss.

Eines dieser Themen ist die Frage, wie wir künftig Mobilität gestalten. Welche Chancen haben Deutschland und seine Autoindustrie, seine führende Position in die neue Zeit mitzunehmen?

In der Technik des Verbrennungsmotors ist die deutsche Industrie der Goldstandard auf der Welt. Unternehmen in Asien dagegen überspringen das Zeitalter des Verbrennungsmotors und begeben sich von Anfang an in das Zeitalter der Elektromobilität

... in dem man keinen Verbrennungsmotor braucht …

… und auch kein Getriebe, keine Zahnradtechnik. All das, was unser Land stark gemacht hat können Sie bei dieser Technologie einfach zur Seite legen.

Keine guten Aussichten für Baden-Württemberg.

Zum Glück ist es nicht ganz so einfach. Die Elektromobilität hat ohne Zweifel großes Potenzial, sie ist ein Baustein in der Mobilität der Zukunft. Wir müssen hier aber in einem breiteren Ansatz denken, viele Mobilitätsformen einbeziehen.

Welche Probleme wirft sie auf?

Für Megastädte mit 40 oder 50 Millionen Einwohnern, wie sie in Asien entstehen, ist die Elektromobilität das Konzept der Zukunft schlechthin. Die Entfernungen, die man dort zurücklegen muss, lassen sich mit der Infrastruktur gut begleiten. In Europa, in den USA und anderen Weltregionen ist ein solcher Trend dagegen nicht in dieser ausgeprägten Form zu beobachten.

Braucht man dort andere Technologien als die E-Mobilität?

Auch bei uns in Europa ist das E-Auto für die Städte gut geeignet. Bei der Überwindung größerer Entfernungen hat es mit seinen großen, schweren Batterien aber bei der aktuellen Batterietechnologie Nachteile. Zudem erfordert die Produktion einer Lithium-Ionen-Batterie sehr viel Energie. Auch die Lebensdauer muss sich noch verbessern.

Ausgerechnet Deutschland treibt aber vor allem die Batteriemobilität voran. Das Ladenetz wird ausgebaut, bei anderen Technologien wie der Brennstoffzelle scheint die Entwicklung eher stockend voranzugehen. Setzt Deutschland auf das falsche Pferd?

Nein überhaupt nicht. Die Elektromobilität hat wie gesagt großes Potenzial in Städten. Außerdem: Das Ladenetz, das wir derzeit vor allem in den Städten aufbauen, werden wir auch brauchen. Nehmen wir die Brennstoffzelle, bei der Deutschland einmal sehr früh dran war. Wir haben sie etwas zur Seite geschoben, obwohl wir auch sie noch benötigen werden. Sie ergänzt die Batteriemobilität, wenn es um die Überwindung großer Entfernungen geht. In den Fokus rücken zunehmend auch Treibstoffe für den Verbrennungsmotor, die aussehen wie Benzin oder Diesel, aber aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt werden.

Das hatten wir doch schon einmal, doch der Treibstoff E10 hat sich bis heute nicht durchgesetzt.

Es ist ja auch nicht vermittelbar, dass Lebensmittel im Tank landen, um verbrannt zu werden. Doch jede Pflanze hat auch ihre Bestandteile, die nicht essbar sind. An deren Verwertung wird heute gearbeitet. Auch wir am KIT betreiben eine Pilotanlage für Treibstoffe aus biogenen Reststoffen. Es ist deshalb gut, dass die Diskussion an Breite gewinnt.

Für den Klimaschutz soll auch das Stromnetz umgebaut werden. Viele Bürger finden erneuerbare Energien zwar gut, wollen aber nicht unbedingt vom Wohnzimmer aus auf ein Windrad schauen.

In reichen Industriestaaten tun sich die Menschen mit Veränderung besonders schwer. Man ist zufrieden und möchte alles gerne so behalten, wie es ist. Wir als Gesellschaft müssen uns deshalb fragen, ob wir bereit sind, für unsere Kinder und Enkelkinder auch Dinge zu tun, die heute zu unserem gefühlten Nachteil sind.

Und wie lautet Ihre Antwort?

Es ist ja nur menschlich, schwierige Themen vor sich herzuschieben. Aber beim Klimaschutz läuft die Uhr. Wir müssen nun Abschied vom Sankt-Florians-Prinzip nehmen. Wir sind nicht zukunftsfähig, wenn jeder nur denkt: Hauptsache, meine kleine Insel funktioniert, alles andere ist mir egal.

Sind die Deutschen fortschrittsfeindlich?

Wir sind jedenfalls eine eher skeptische Nation. Als die ersten Handys auf den Markt kamen, musste man sich geradezu schämen, wenn man in der Öffentlichkeit damit telefonierte. Was bei uns als Angeberei galt, sah man in Italien als schick an.

Heute hat hier aber fast jeder ein Smartphone.

Das zeigt, dass wir immer eine Zeitlang brauchen, bis wir uns mit etwas Neuem arrangiert haben. Wenn wir uns erst mal einmal daran gewöhnt haben, können wir aber eine unglaubliche Begeisterung entwickeln. Das sieht man gerade bei den Elektrofahrrädern, über die wir in Deutschland jahrelang die Nase gerümpft haben. Jetzt verbreiten sie sich mit hoher Geschwindigkeit. Es kann gut sein, dass die Entwicklung beim Elektroauto ähnlich verlaufen wird.

Zu den großen Veränderungen zählt auch die Digitalisierung. Sind die Ängste berechtigt, dass immer mehr menschliche Tätigkeiten durch die Maschine besser und billiger geleistet werden können?

Die Maschine kann vieles ersetzen, aber bei weitem nicht alles. Am einfachsten lassen sich Arbeiten automatisieren und digitalisieren, die sehr schematisch ablaufen und von Routine geprägt sind. Bei Arbeiten, bei denen es auf Kreativität, Persönlichkeit und Einfühlungsvermögen ankommt, ist das wesentlich schwieriger. Bisher hat noch jeder technische Fortschritt die Menschen von schwerer Arbeit befreit, ihnen mehr Freiraum und Komfort gegeben. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass sich das ändern wird.

Neue Technologien scheinen selbst den Chefs von Technologiekonzernen wie Siemens und der Telekom Angst zu bereiten. Sie haben ein bedingungsloses Grundeinkommen ins Gespräch gebracht, damit diejenigen, die durch neue Technologien überflüssig werden, nicht ins Bodenlose fallen. Sollten künftig auch Maschinen Steuern zahlen?

Eindeutig ja. Wenn die Maschine einen Mehrwert erzeugt, muss diese wie die Arbeit eines Menschen versteuert werden. Früher war die Wirtschaft einmal durch Familienunternehmen geprägt, die sich für ihre Beschäftigten, ihren Heimatort und die Region sozial verantwortlich gefühlt haben. Heute gehören immer mehr Unternehmen anonymen Aktionären in aller Welt. Zwischen denjenigen, die in einem Unternehmen arbeiten und denjenigen, die den Nutzen aus dieser Arbeit ziehen, ist eine immer größere Kluft entstanden. Wenn es gelingt, diese Kluft zu verkleinern, zieht in dieses System wieder mehr Verantwortungsbewusstsein ein. Das kann uns allen nur gut tun.

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