Börsenchef Matthias Voelkel erlebt den Bitcoin-Boom hautnah mit – auch weil er privat in die Digitalwährung investiert. Hier erklärt er, wie er die Rekordjagd einschätzt.
Matthias Voelkel erlebt den Bitcoin-Boom im Zuge der Wiederwahl von Donald Trump hautnah mit – als Chef der Börse Stuttgart, aber auch, weil er privat selbst in die Digitalwährung investiert hat. Sein Unternehmen – die sechstgrößte Börsengruppe Europas – war mit der Bison-App im Kryptohandel ein Vorreiter im deutschen Finanz-Mainstream. Im Interview erklärt Voelkel, wie er die Bitcoin-Rekordjagd einschätzt, was er Anlegern rät, und warum in der privaten Altersvorsorge in Deutschland mehr Risikobereitschaft nötig wäre.
Herr Voelkel, wie wirkt sich die Kryptorallye auf Ihren Plattformen aus?
Es war ein sehr positives Jahr, sowohl was die Kurse angeht als auch für unsere Handelsvolumina. Im März hatten wir bei Bison 75 Millionen Euro Handelsvolumen an einem einzigen Tag. Die Bison-App ist seit dem Start vor rund fünf Jahren auf mittlerweile rund 850000 aktive Nutzer gewachsen, seit Jahresbeginn gab es eine Steigerung um etwa zwölf Prozent. Und da sind die Novemberzahlen – also der jüngste Bitcoin-Ansturm seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten – noch gar nicht enthalten. Mit Blick auf das, was gerade passiert, gehe ich im Gesamtjahr von einem noch höheren Zuwachs an Kunden aus.
Glauben Sie, dass Trump den Kryptomarkt durch Deregulierung entfesselt?
Ich habe keine Standleitung zu Donald Trump. Aber anhand dessen, was ich aus der Branche und von meinem Netzwerk in den USA höre, gehe ich stark davon aus, dass er zwei Gänge hochschaltet. Das ist natürlich nicht sicher, aber in den USA werden Dinge auch eher mal gemacht als in Deutschland. Wir können uns da warm anziehen, was die Dynamik der amerikanischen Wirtschaft anlangt – gerade im Bereich neuer Technologien, und dazu zählt die Kryptotechnologie.
Das heißt, Sie sehen weiter Luft nach oben für Bitcoin und Co.?
Ich möchte keine Prognose abgeben. Einiges spricht für weiteres Aufwärtspotenzial, aber nach dem jüngsten Kursfeuerwerk – plus 30 Prozent beim Bitcoin allein in den letzten Tagen – ist auch schon viel eingepreist. Der Kurs ist gestiegen in der Annahme, dass viele von Trumps angekündigten Maßnahmen auch umgesetzt werden. Also selbst wenn alles so kommt, heißt das nicht, dass es automatisch den nächsten Preisanstieg gäbe. Das kann passieren, aber es muss nicht.
Investieren Sie selbst in Kryptowerte?
Seit über fünf Jahren, ja. Da war ich noch gar nicht bei der Börse Stuttgart.
Was war der günstigste Kurs, zu dem Sie je Bitcoin gekauft haben?
Ich würde sagen ungefähr 8000 Euro.
Und es wird Ihnen bei den aktuellen Rekordkursen nicht zu bunt?
Das ist keine Anlageberatung, aber ich kann Ihnen sagen: Ich bleibe investiert.
Wie schätzen Sie Krypto als Anlageklasse generell ein, ist es nicht sehr riskant?
Ja, es ist eine Hochrisikoanlageklasse. Aber es ist natürlich auch so, dass ein ausgeprägtes Risiko mit sehr viel Potenzial einhergeht. Allerdings würde ich kein Geld anlegen, das ich nicht habe, dessen Verlust ich nicht verschmerzen könnte. Wenn man aber Geld zum Investieren übrig hat, dann denke ich, dass Krypto eine Beimischung in jedem Portfolio sein kann.
Sie meinen nicht zur Spekulation, sondern als Baustein zur Altersvorsorge, zum langfristigen Vermögensaufbau?
Das hängt vom Anlagehorizont ab. Junge Menschen, deren Renteneintritt noch lange hin ist und die einen gewissen Risikoappetit mitbringen, können auch einen gewissen Teil – nicht den Großteil – in Kryptowährungen anlegen. Hier kann eine gewisse Beimischung sinnvoll sein. Je näher der Renteneintritt rückt, desto mehr bietet es sich an, in risikoärmere Anlageklassen umzuschichten. Aber viele Menschen in Deutschland sparen sich mit vermeintlich sicheren, aber renditeschwachen Finanzprodukten arm. Kryptowährungen, aber auch Aktien, ETFs und andere renditestärkere Anlageklassen in breiter Streuung können Teil der Lösung sein.
Was läuft grundsätzlich falsch bei der Altersvorsorge in Deutschland?
Ein großes Problem in Deutschland sind die unzureichende finanzielle Bildung und das fehlende Verständnis, dass Anlageklassen mit geringen Renditen nach Abzug von Kosten und Inflation nicht nur das Risiko von Wertverlust haben, sondern mit ziemlicher Sicherheit zum Wertverlust führen. Die Finanzbildung ist erschreckend niedrig in Deutschland. Gerade bei der Altersvorsorge ist ein Anlageverhalten verbreitet, mit dem man weniger herausbekommt, als man eingezahlt hat. Das sind die Konsequenzen von gesellschaftlichen Diskussionen, die wir in Deutschland seit Jahrzehnten in einer bestimmten Art und Weise führen – kapitalmarktfeindlich, risikoavers, bewahrend, überregulierend.
Ist die Reform der privaten Altersvorsorge – Stichwort kapitalmarktnahe Rente – mit dem Ampel-Aus gestorben?
Ich hoffe nicht, es wäre eine Katastrophe. Wir sind hier als Land ohnehin sehr spät dran, wir alle kennen die demografischen Herausforderungen. Es ist völlig klar, dass ein umlagebasiertes Rentensystem nicht mehr funktionieren wird. Es kommt jetzt darauf an, dass die Politik auch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht wird. Da geht es nicht um links oder rechts, um oben oder unten, sondern einfach nur darum, das Richtige zu tun. Andere Länder wie Schweden oder die Schweiz, wo wir ebenfalls Börsen betreiben, machen Deutschland vor, wie es besser funktionieren könnte.
Große Regionalbörse
Person
Matthias Voelkel ist seit dem 1. Januar 2022 Chef der Gruppe Börse Stuttgart. Zuvor war der promovierte Jurist seit 2006 bei McKinsey, seit 2013 dann als Partner und von 2014 an als Leiter der globalen Kapitalmarktinfrastruktur- und Börsen-Practice.
Börse
Die Gruppe Börse Stuttgart ist nach eigenen Angaben die sechstgrößte Börsengruppe in Europa mit Standbeinen im Kapitalmarktgeschäft sowie im Digital- und Kryptogeschäft. Sie betreibt Börsen in Deutschland, Schweden und der Schweiz und ist Marktführer im Handel mit strukturierten Wertpapieren in Europa und mit Anleihen in Deutschland. Als Vorreiter hat die Börse Stuttgart das größte Digital- und Kryptogeschäft aller europäischen Börsengruppen aufgebaut. Dazu zählt die Trading-Plattform Bison. Die Gruppe Börse Stuttgart beschäftigt 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Standorten in Stuttgart, Berlin, Frankfurt, Ljubljana, Mailand, Stockholm und Zürich. (red)