Gymnasium, Realschule, Werkrealschule oder Gemeinschaftsschule? In den nächsten Tagen kommen die Grundschulempfehlungen. Dann müssen sich Eltern und Kinder für eine weiterführende Schule entscheiden. Die Schulpsychologin Corinna Ehlert gibt Tipps.
Stuttgart - Für Viertklässlerinnen und Viertklässler sowie für ihre Eltern beginnt eine aufregende Zeit. Spätestens am 10. März müssen sie sich an einer weiterführenden Schule anmelden. Die Diplom-Psychologin Corinna Ehlert von der Schulpsychologischen Beratungsstelle in Stuttgart hilft bei der Entscheidungsfindung.
Was gilt es, beim Wechsel zu beachten?
Wie selbstständig und konzentriert arbeitet mein Kind? Wie geht es mit Herausforderungen und Veränderungen um? Bei der Klärung dieser Fragen sollte die Einschätzung der Lehrerin oder des Lehrers eine wichtige Rolle spielen. „Die Lehrkraft hat ein Gesamtbild und den Vergleich, weil sie schon viele Kinder gesehen hat. Außerdem schaut sie neutraler auf das Kind als Eltern“, sagt Corinna Ehlert, die seit 20 Jahren als Schulpsychologin arbeitet. Sie ermuntert die Eltern aber auch, kritisch nachzufragen, wenn sie die Einschätzung nicht nachvollziehen können.
Lässt sich eine zweite Meinung einholen?
Wer eine zusätzliche Entscheidungshilfe braucht oder mit der Grundschulempfehlung nicht einverstanden ist, kann bis zu vier Schultage nach der Ausgabe der Grundschulempfehlung ein besonderes Beratungsverfahren beantragen. Dabei redet ein Lehrer oder eine Lehrerin von einer anderen Schule mit den Eltern und dem Kind, macht eventuell Begabungstests und beurteilt das Kind erneut.
Wie kann man sich in Pandemiezeiten ein Bild von der neuen Schule machen?
Viele Schulen bieten virtuelle Rundgänge auf ihren Websites. Ehlert rät: „Wer sich unsicher ist, sollte einfach mit den Experten vor Ort reden.“ Rektorinnen und Rektoren beraten gut und ehrlich: „Die können sagen, was sie einem bieten. Und sie können einschätzen, ob ein Kind, das so oder so gestrickt ist, Erfolg auf ihrer Schule haben kann.“
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Welche Schulform passt zu welchem Kind?
„Kinder machen uns oft einen Strich durch die Rechnung“, sagt Ehlert, darum lasse sich nicht schablonenhaft sagen, welche Schulform zu welchem Kind passe. Anhaltspunkte gibt es dennoch. Nicht jedes Kind, das problemlos durch die Grundschule marschiert, feiert auch im Gymnasium Erfolge. Die entscheidende Frage ist: Hat das Kind schon gelernt zu lernen? „Wenn einem bisher alles zugeflogen ist, hat man das nicht gelernt“, erklärt Ehlert. Das könne dem Kind im Gymnasium, wo Niveau und Stofffülle enorm ansteigen, „um die Ohren fliegen“. Ein Kind, das sich schon in der Grundschule etwas strecken musste, kann dagegen im Gymnasium einen Vorteil haben, weil es bereits Lern- und Arbeitstechniken beherrscht.
Die Realschule bietet sich an, wenn Eltern Sorge haben, dass es im Gymnasium zu schnell vorangeht. Da die Stofffülle nicht so gewaltig ist, kommt die Schulform Kindern entgegen, die noch sehr verspielt sind, in einem Hobby aufgehen oder viel Bewegung brauchen.
Auch die Gemeinschaftsschule ist eine Alternative zum G-8-Gymnasium. Bietet sie eine gymnasiale Oberstufe an, entspricht sie formal einem G-9-Gymnasium, von dem es im Südwesten es nur wenige gibt. Die Gemeinschaftsschule eignet sich gut für Kinder, die ihr eigenes Tempo gehen wollen. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten ihre Aufgaben Stück für Stück ab, bekommen eine Rückmeldung und nehmen die nächste, auf sie zugeschnittene Hürde in Angriff. „Wenn ich merke, mein Kind ist der Stoffmenge gewachsen, braucht aber dafür etwas mehr Zeit und somit weniger Druck, könnte das Konzept der Gemeinschaftsschule gut passen“, sagt Ehlert. Kindern aber, die Mühe haben, sich zu strukturieren, komme dieses selbstverantwortliche Lernen nicht entgegen.
Und wenn man zwischen zwei Schularten oder zwei Schulen schwankt?
„Es klingt banal, aber ich würde schauen, was in meiner Nähe liegt“, sagt Corinna Ehlert. Ein zu langer Schulweg ist nicht zu unterschätzen. „Die Zeit fehlt den Kindern dann für Hausaufgaben oder andere Aktivitäten, die ihnen dabei helfen abzuschalten“, sagt Ehlert. Und noch etwas betont die Schulpsychologin: „Der Wechsel auf die weiterführende Schule ist keine Entscheidung für den Rest des Lebens! Ein Kind, das erst einmal auf der Werkrealschule anfängt, kann jederzeit auf eine andere Schulform wechseln und immer noch alles erreichen.“
Wie lange dauert die Eingewöhnungs-phase an der weiterführenden Schule?
Viele Kinder kommen erst Ende der fünften Klasse richtig an ihrer neuen Schule an. Der Wechsel ist eine große Umstellung, die verunsichert. Manche Kinder werden weinerlich, trotzig oder schmusen viel. Oft rutschen auch die Noten ab. „Das gehört dazu. Darum sollte man nicht gleich an der Schulwahl zweifeln“, sagt Corinna Ehlert, „die Klassen fünf und sechs gelten als Orientierungsstufe. Da kann man noch mal schauen, ob es die richtige Entscheidung war.“ Um die Kinder zu unterstützen, rät die Psychologin: „Nicht nur auf die Note schauen, sondern unbedingt auch die Anstrengungsbereitschaft loben!“
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Zahlen zum Schulübertritt
Besonderes Beratungsverfahren
Nur sehr wenige Eltern im Land zweifeln die Grundschulempfehlung ihrer Kinder an. Im Schuljahr 2020/21 haben die Eltern von rund 93 800 Viertklässlern bei 1700 Kindern ein besonderes Beratungsverfahren beantragt, das sind nur 1,8 Prozent. Dabei begutachtet eine psychologisch geschulte Lehrkraft einer anderen Schule das Kind und empfiehlt dann einen Wechsel ins Gymnasium, in die Realschule, Werkrealschule oder Gemeinschaftsschule. Vor dem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung haben jährlich rund 2,8 Prozent der Eltern das Angebot in Anspruch genommen. 2021 haben 46,2 Prozent der Viertklässler im Land eine Empfehlung fürs Gymnasium erhalten, 27,9 Prozent für die Realschule und 23,9 Prozent für die Werkrealschule.
Wahl der Schulform
Im Schuljahr 2020/2021 sind 92 624 Grundschulkinder auf die weiterführende Schule gewechselt. 6,3 Prozent haben sich für die Werkrealschule entschieden, 13, 6 Prozent für die Gemeinschaftsschule, 34,6 Prozent für die Realschule und 42,5 Prozent fürs Gymnasium.