Die künstliche Intelligenz ChatGPT setzen Lehrkräfte bereits im Unterricht ein. Wie sieht das aus? Und was halten Schülerinnen und Schüler des Stuttgarter Schickhardt-Gymnasiums von der neuen Möglichkeit?
In Raum 112 des Schickhardt-Gymnasiums im Stuttgarter Süden sind 13 Schülerinnen und Schüler der Kursstufe II und zwei Lehrer bereit für ein Experiment unter Beobachtung: Wie kann moderner Unterricht mithilfe des künstlich intelligenten Sprachmoduls ChatGPT aussehen? Darum geht es an diesem Morgen in den ersten beiden Schulstunden mit Physiklehrer Harald Hochwald und Englischlehrer Claus Blanz. Die Anwendung, die auf Anweisung Texte verfasst und diese wie ein Mensch formuliert, erfreut Schüler und beschäftigt Bildungsexperten wie Lehrkräfte.
Die einen sorgen sich wegen der neuen Betrugsmöglichkeit bei Hausaufgaben, andere sehen die Chancen, die der Einsatz von Künstlicher Intelligenz bedeutet: wegzukommen vom „Bulimielernen“ hin zu einem Unterricht, in dem das Reflektieren und Diskutieren im Vordergrund stehen. Claus Blanz und Harald Hochwald gehören zu denen, die die Chancen sehen. Zudem helfe es ja nichts: „Es wird benutzt, wir kommen nicht daran vorbei. Jetzt müssen wir überlegen, was machen wir damit“, meint Hochwald.
Für den Englischunterricht durchaus eine Bereicherung
Haben alle ihre Tablets oder ein Smartphone am Start? Dann kann es losgehen – und zwar mit Englisch, dem Fach, in dem ChatGPT als amerikanisches Produkt am stärksten sein dürfte. Die meisten der Zwölftklässler im Raum haben Anfang März die mündliche Englischprüfung im Abitur. Lehrer Blanz zeigt ihnen, wie sie sich darauf mit ChatGPT vorbereiten können. Die Anwendung sieht er als Bereicherung für den Sprachunterricht. Vor allem die Kompetenzen Hörverständnis und Sprechen könne man damit verbessern. Mit ChatGPT kann man schließlich Gespräche führen – „auf allen Niveaus“, wie Blanz betont, mündlich wie schriftlich.
Der 50-Jährige hat als Vorbereitung auf die Stunde einen sogenannten Prompt geschrieben, eine Eingabe bei ChatGPT. Je genauer diese formuliert ist, desto besser sind die Antworten. In Blanz’ Prompt steht auf Englisch, wie die Unterhaltung ablaufen soll. Übersetzen kann man ihn verkürzt so: Stelle mir Fragen zum Brexit, erlaube mir, selbst Fragen zu stellen, beziehe mich so viel wie möglich ein, beantworte nicht alles auf einmal. Den Prompt teilt Blanz über sein Tablet, damit alle die gleiche Ausgangsbasis haben. Und schon geht es los, alle fangen an zu tippen.
„Wie ein echter Gesprächspartner“
„Bei mir will er die Diskussion lieber mit sich selber führen“, ruft Finn nach ein paar Minuten konzentrierten Arbeitens in den Raum. Bei Sinthujan hat es dagegen geklappt. Der Austausch der Argumente von Bot und Schüler ist erstaunlich lang. Könnte sich das Verhältnis von Großbritannien und der Europäischen Union ähnlich entwickeln wie zwischen Norwegen und der EU? Oder sind die Differenzen zu groß? „Interessante Fragen“, schreibt Sinthujan auf Englisch. Er hält das für möglich, glaubt aber nicht wirklich daran, dass die EU Großbritannien ähnlich weit entgegenkommen wird wie Norwegen. Der Chatbot agiere tatsächlich wie ein „echter Gesprächspartner“, zeigt sich der 17-Jährige beeindruckt. Wird er mit dem Sprachmodell für seine Kommunikationsprüfung lernen? „Ganz bestimmt“, sagt Sinthujan. Ivan, der hinter ihm sitzt, sieht es genauso: „Das ist perfekt zur Vorbereitung.“ Man könne Themen zusammenfassen lassen, Pros und Kontras erstellen. „Das ist voll gut, so etwas brauchen wir.“
Auch andere Lehrkräfte aus der Schule setzen das Sprachmodell ein
Emma wiederum findet, dass ChatGPT origineller und weniger floskelhaft antworten könnte („Da gibt es mehrere Perspektiven“). Mit Bewertungen tue sich die Anwendung schwer. Dass Schule wegkommt vom reinen Faktenlernen, findet die 17-Jährige wichtig. Natürlich brauche man ein Grundverständnis, aber ansonsten gelte doch: „Wenn ich etwas wissen will, kann ich Google fragen.“ Andere Kompetenzen seien wichtiger: „Dass man Dinge verknüpfen und bewerten kann, das ist die Zukunft.“
Die Zwölftklässler sind froh, dass sie an ihrer Schule so technikaffine Lehrkräfte haben. Auch ihre Gemeinschaftskundelehrerin habe den Chatbot bereits eingesetzt, erzählt Finn. In der Stunde ging es um Migration und Bildung, sie hätten mithilfe von ChatGPT ein Planspiel erstellt. Das habe „sehr gut“ funktioniert. Harald Hochwald kann sich auch spannenden Geschichtsunterricht unter Einbezug der Künstlichen Intelligenz vorstellen. Dass Schülerinnen und Schüler ChatGPT für eine GFS, also ihre individuelle Jahresleistung, nutzen, findet er legitim. „Es ist auch legitim, sich mithilfe von Google und Wikipedia vorzubereiten“, das Sprachmodell sei nur eine Weiterentwicklung.
Alle rechnen lieber selbst
Doch nicht für jedes Fach eignet sich die Anwendung gleich gut. Das wird an diesem Vormittag in Raum 112 deutlich. Der Chatbot mag Uni-Examen in Medizin und Jura erfolgreich absolviert haben. Mit Physikaufgaben fürs Abi tut er sich schwer. Hochwald zeigt den Schülern einen Chatverlauf mit dem Bot bei der Lösung einer Abi-Aufgabe. „Das Ergebnis ist richtig, aber der Ansatz ist falsch“, erklärt er. Doch wo liegt der Fehler? Das herauszufinden ist gar nicht so einfach. „Dafür muss man Spezialist im Thema sein“, erklärt er. Die Erfahrung sollen die 13 Schülerinnen und Schüler in der Folge selbst machen und zum einen ChatGPT mit Physikaufgaben testen, aber auch in die Fehleranalyse mit dem Sprachmodell gehen. Fazit: Das sei „zäh“ und teils „verwirrend“, wie einer der Schüler sagt. Die Aufgaben hätte er wohl schneller selbst gelöst. Bei einer weiteren Aufgabe stellt Hochwald frei, diese mit oder ohne ChatGPT zu bearbeiten. Was passiert? Alle rechnen lieber selbst.
Fortbildungen am Landesmedienzentrum
Erklärung
ChatGPT ist eine Anwendung, die das auf Künstliche Intelligenz spezialisierte amerikanische Unternehmen Open AI im November auf den Markt gebracht hat. Es handelt sich um einen Chatbot, der Texte verfassen kann, die einzigartig sind. Die Daten, mit denen die Anwendung trainiert wurde, sind auf dem Stand von 2021. ChatGPT ist die am schnellsten wachsende Anwendung, die je veröffentlicht wurde. Im Januar 2023 erreichte ChatGPT bereits mehr als 100 Millionen Nutzer.
Fortbildungen
Vor allem für Schulen bedeutet ChatGPT eine Herausforderung. Das Landesmedienzentrum hat Lernmaterialien auf einer Themenseite zusammengestellt und bietet Online-Informationsabende an: Das Anfängerseminar heißt „ChatGPT, Open AI, . . . Was ist das denn?“ und findet am 1. März von 19 bis 20.30 Uhr statt. „Wie moderne Tools das Lernen für immer verändern werden“ ist der Abend für Fortgeschrittene überschrieben (14. März, 19 bis 20.30 Uhr). Auf der auf der Startseite des Zentrums verlinkten Themenseite finden sich die Links zu den Veranstaltungen. Mehr unter www.lmz-bw.de.