Er spricht mit Bäumen, baut Biogemüse an und schätzt alternative Medizin: Prinz Charles gilt als Kauz – und als ewiger Thronfolger. Jetzt wird der ungewöhnliche Royal 70 Jahre alt.
London - Mit 70 lassen es die meisten Menschen locker angehen, widmen ihre Zeit den Hobbys und genießen den Ruhestand. Ganz anders Prinz Charles. Der britische Thronfolger, Sohn von Königin Elizabeth II. (92) und Prinz Philip (97), arbeitet unermüdlich. Pflichtbewusst, mit „stiff upper lip“, sprich stets um Haltung bemüht. 14-Stunden-Tage sind die Regel. Sein Sohn Prinz William (36) wünschte sich kürzlich „mehr Familienzeit“ mit ihm, „um mit den drei Enkeln herumzutoben“, denn als Großvater sei er „brillant“.
Mit mehr als 600 Terminen im Jahr gilt Charles, der am 14. November seinen 70. Geburtstag feiert, als das fleißigste Mitglied des Königshauses. Offenbar will er keinesfalls als nutzlos, als Taugenichts erscheinen. Seine Frau Camilla (71) plauderte denn auch in einem BBC-Interview mit Freuden aus, er schlafe manchmal nach Mitternacht am Schreibtisch ein. Am Morgen klebe dann schon mal „ein Notizzettel an seiner Stirn“, wie sie augenzwinkernd hinzufügte.
Bis zum Tod der Queen bleibt Charles in der Warteschleife
Dabei steht Charles seine Hauptaufgabe noch bevor: Eines Tages wird er König des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland und startet damit ins eigentliche Berufsleben. Wann das sein wird? Unklar. Denn eine Abdankung – gute Güte! – kommt der Queen nicht in den Sinn. Königin zu sein sei ein Job fürs Leben, betont sie immer wieder. Bis zu ihrem Tod bleibt Charles somit in der Warteschleife. Was ihm gar nicht so unrecht zu sein scheint.
Auch wenn er zuweilen als „die ewige Prinzenrolle“ verspottet wird, wirkt der Thronfolger mit sich und der Welt im Reinen. In der Öffentlichkeit tritt der einst unbeholfene, gehemmte Prinz inzwischen entspannt, ja geradezu befreit auf. Was vermutlich auch daran liegt, dass er seit 2005 seine große Liebe, die lebenslustig-burschikose Camilla, als Ehefrau an seiner Seite hat. Dass er mit ihrer Vorgängerin, der 1997 tödlich verunglückten Prinzessin Diana, keine Märchenehe führte, verzieh ihm das Volk lange nicht. Doch zum Geburtstag macht es ihm nun ein großes Geschenk: Laut Umfrage hält eine Mehrheit der Briten Charles für die Krone geeignet.
Der Prinz galt als weinerlich
Das war nicht immer so. Charles galt der Klatschpresse und dem Volk als weinerlich. Denn er zeigte – im Gegensatz zu seiner unnahbaren Mutter – Gefühle. Als erster Royal ging er auf eine öffentliche Schule. „Mutti, es ist die Hölle hier, vor allem nachts“, schrieb er in einem Brief. „Die Leute in meinem Schlafsaal sind garstig.“ Der herzzerreißende Hilferuf verhallte, fünf Jahre lang musste der Junge auf dem Internat in Schottland durchhalten. Später beklagte er sich über die mangelnde Liebe seiner Eltern. Beim Studium immerhin durfte der Kunstinteressierte – er malt gern Aquarelle – seinen Neigungen wenigstens zum Teil nachgeben: In Cambridge belegte er Archäologie und Anthropologie, dann Geschichte. Wie es sich für ein Mitglied des Königshauses gehört, folgte eine Offiziersausbildung.
Charles, der sich für Polo und Pferde begeistert, galt damals als einer der begehrtesten Junggesellen Europas und ließ angeblich nichts anbrennen. Irgendwann musste er aber auch in Beziehungsdingen der Pflicht nachkommen – und 1981 heiraten: Lady Diana Spencer, später vom Volk als Königin der Herzen verehrt. Schon bei der Verlobung löste das Paar Stirnrunzeln aus. Auf die Frage eines Journalisten, ob sie sich liebten, platzte Diana mit „Ja, natürlich!“ heraus, er brummelte dagegen: „Was auch immer Liebe bedeuten mag.“
Der Wunsch, ein Tampon Camillas sein zu wollen
In den Jahren der Ehe stand Charles im Schatten seiner beliebten Frau. Nach der Scheidung 1995 sank seine Popularität weiter, auch weil pikante Details aus der Beziehung mit seiner Dauergeliebten Camilla an die Öffentlichkeit gelangten. So äußerte er in einem heimlich aufgenommenem Telefonat den Wunsch, ein Tampon Camillas sein zu wollen. Wer auf den genauen Wortlaut des Gesprächs achtet, merkt: ein Späßchen, da albern Verliebte herum. Doch für viele Briten war danach klar, dass eine derartige Lachnummer nicht König werden kann.
Überhaupt wurde Charles in den Klatschmedien lange als Kauz dargestellt. Gut, seine Angewohnheit, sich mit Pflanzen zu unterhalten, um sie „zu besänftigen“, wie er sagt, ginge als Marotte durch. Und dass er sich als Fan von wachsweichen Frühstückseiern angeblich jeden Morgen gleich sieben Eier abkochen lässt, um dann nur das perfekteste zu verspeisen, würde man ihm wohl ebenfalls verzeihen. Doch Charles eckte an. In den 80ern leistete er – damals noch belächelt – Pionierarbeit in der ökologischen Landwirtschaft. Seine Ansichten zu Umweltschutz, alternativen Heilmethoden und Architektur wurden als belanglos abgetan. Heute gehören diese Themen zum Zeitgeist. Unmut bereitet allerdings, dass der Prinz Stellung bezieht – obwohl von den Royals Neutralität erwartet wird. In Sachen Klimawandel etwa fand er deutliche Worte: „Die Erde ist in Gefahr. Sie verliert ihre Balance – und daran sind wir Menschen schuld.“ Seit Jahren spricht er sich gegen Fehlentwicklungen in der modernen Architektur aus und sagt: „Halb London ist so hässlich, dass es abgerissen gehört!“
Charles wäre der älteste britische Monarch, der je gekrönt wurde
Inzwischen nennt ihn der „Daily Telegraph“ das „am härtesten arbeitende Mitglied der Königsfamilie“. Er gilt als humorvoller Gesprächspartner und ist als erfolgreicher Unternehmer anerkannt. Mit dem Bio-Label Duchy Originals erlöst er Millionen, die in soziale Projekte fließen. Seine von ihm gegründeten Wohltätigkeitsorganisationen arbeiten ebenfalls produktiv. Camilla bezeichnet ihn ob seines Engagements als „Weltverbesserer“. In einer BBC-Dokumentation anlässlich seines Geburtstags beschwichtigt Charles allerdings. „Ich bin nicht so dumm“, sagt er zu dem Vorwurf, er werde als König Einfluss auf die Politik nehmen. Als Thronfolger leiste er sich gewisse Freiheiten. „Die Vorstellung, dass ich genauso weitermache, wenn ich der Queen nachfolge, ist aber totaler Blödsinn“, nimmt er Kritikern den Wind aus den Segeln.
Somit ist klar: Charles zweifelt nicht an seiner Amtsübernahme. Mit dem Ruhestand wird’s also nichts. Er wird der älteste britische Monarch sein, der je gekrönt wurde – auch wenn er möglicherweise mit über 80 am Rollator in die Westminster Abbey zur Krönungszeremonie einrollen muss.