Beim VfB Stuttgart hat sich einmal mehr gezeigt, dass die emotionalen Führungspersönlichkeiten fehlen. Es gibt viele Mitläufer, aber keine Mitreißer beim Fußball-Zweitligisten. Das wirft viele Fragen auf.
Stuttgart - Pellegrino Matarazzo empfiehlt den Spielern den Blick in den Spiegel. Nicht um die Frisur zu überprüfen. Sondern: um sich zu hinterfragen. „Sind wir in der Lage, nach Rückschlägen im Spiel groß und stark zu bleiben?“, hat der Trainer des VfB Stuttgart nach der Niederlage beim SV Wehen Wiesbaden ein Thema aufgeworfen, dass den Fußball-Zweitligisten schon lange begleitet.
Widerstände überwinden und gerade dann Charakter zu zeigen, wenn es nicht läuft. Im Falle des VfB müsste man wohl sagen: Nicht mehr läuft. Denn die Spiele gleichen vor allem auswärts einem Muster. Häufig beginnen die Stuttgarter gut. Sie lassen jedoch nach, sobald sie das Gefühl der spielerischen Überlegenheit beschleicht. Der vermeintlich schlechtere Gegner kommt auf, bekämpft den Favoriten mit allem, was er zu bieten hat, gleicht den Unterschied durch Hingabe aus – und am Ende verlassen die gestutzten Stuttgarter zu oft den Rasen als Verlierer.
Doppeltes Déjà-vu droht
So lief es schon in Osnabrück, Sandhausen, Fürth und jetzt wieder in Wiesbaden. Nun droht am Sonntag (13.30 Uhr) in Kiel gar ein doppeltes Déjà-vu. Erstens: Die Auswärtsschwäche könnte sich fortsetzen. Zweitens: Wie zuletzt gegen das Team von SVWW-Trainer Rüdiger Rehm könnte der VfB sowohl das Hin- als auch das Rückspiel verlieren. Mit der Folge, dass sich die Gefahr erhöht, den Aufstieg zu verpassen. Zumal jede Begegnung nach der Corona-Pause die letzte sein könnte, wenn die Saison aufgrund der Pandemie noch abgebrochen werden müsste.
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Somit sind vor dem Auftritt im hohen Norden die Erklärungsansätze für den Mangel an Leidenschaft und Punkten zwar weiter komplex, aber der VfB benötigt schnelle und einfache Antworten. „Wir müssen die Jungs finden, die die Persönlichkeit haben, sich auf dem Platz gegen alles zu wehren und sich gegenseitig maximal zu unterstützen“, sagt Sven Mislintat. Der Kader, den der Sportdirektor zusammengestellt, verfügt dabei über viel Erfahrung, reichlich Talent und genügend Mentalität. Nur: es mangelt offenbar an Spielern, die als emotionale Leader fungieren, wenn sich die Elf in dem Irrglauben bewegt, alles spielerisch lösen zu können.
Vereinfacht ausgedrückt: der VfB sucht Siegertypen. Dabei verbietet es sich fast, langgedienten Profis wie Mario Gomez, Gonzalo Castro oder Daniel Didavi, zu unterstellen, sie seien nicht erfolgshungrig genug. Diese These wird allein durch die Vita der Routiniers (zu ihnen zählt auch Holger Badstuber) mit vielen Titeln, Triumphen und Toren widerlegt. Allerdings sind sie bei genauerer Betrachtung damals in ihren Clubs in anderer Rolle unterwegs gewesen als beim VfB und jetzt stille Anführer.
Kann Holger Badstuber helfen?
Badstuber ist zwar in der Ansprache laut und unbequem, aber der Innenverteidiger saß zuletzt nur auf der Bank. Dagegen reißen nicht Gomez, nicht Castro und auch nicht Didavi ein Spiel an sich – und damit ihre Kollegen mit. In der Brita-Arena präsentierten sie sich als Mitläufer. Gomez kommt nur noch selten in eine Abschlussposition. Der Stürmer vergab anfangs die beste Chance und damit die Möglichkeit, das Geschehen in die Stuttgarter Richtung zu drehen. Castro kann man wohl nachts um drei Uhr wecken, er wäre immer anspielbar. Ganz gleich auf welcher Position. Sein Spiel wirkt jedoch gleichmütig und beinhaltet kaum Tempowechsel. Und Didavi schüttelt noch immer feine Pässe aus dem linken Fußgelenk. Er fühlt sich aber in seiner Kunst gestört, wenn ihm ein Zweitligarabauke dazwischen grätscht.
Rüde Tacklings sind ja auch die Mittel der einfachen Leute. Der VfB bevorzugt trotz der zwei Bundesliga-Abstiege in drei Jahren jedoch immer noch den technischen Stil. Emotionalisieren und provozieren gehört da nicht zum Repertoire der Spieler, die sich zu Höherem berufen fühlen und die grundlegenden Tugenden für überschätzt halten. Eine Haltung, die im Verein verankert scheint und gegen die oft angekämpft wurde.
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Auch Mislintat versucht es wieder. „Wir müssen das Mindset des VfB wieder aktivieren“, sagt der anglophile Sportdirektor. Das Selbstverständnis also, welches das Handeln prägt. „Der VfB war in der Vergangenheit nicht nur ein Club der guten Fußballer, sondern auch ein Gewinnerclub“, sagt Mislintat. In der Gegenwart ist der VfB jedoch ein Club, der sich auf einer Gratwanderung befindet. Das Team muss mit der vorhandenen Qualität weiter wachsen und gleichzeitig den Sprung nach oben bewerkstelligen. Allein der kritische Blick in den Spiegel wird da nicht reichen. Können und Charakter sollten sich auf dem Platz schon dauerhaft verbinden.