Ein überfüllter Zug am Donnerstagvormittag zwischen Hauptbahnhof und Vaihingen. Foto: Kai T.

Weil im öffentlichen Nahverkehr gestreikt wird und eine wichtige Strecke der S-Bahn störungsbedingt ausfällt, kommt es zum Chaos in überfüllten Zügen. „Wenn halb Stuttgart bald Corona hat, liegt’s an diesem Donnerstag“, sagt ein Fahrgast.

Stuttgart - Am Donnerstag wollte der Arbeitserzieher Kai T. wie immer um 7.30 Uhr mit der S-Bahn von der Schwabstraße nach Vaihingen zur Arbeit fahren. Doch es ging nix. „Signalstörung“, war zu lesen. Der Tunnel war gesperrt – ausgerechnet am Tag, an dem der öffentliche Nahverkehr bestreikt wird und noch viel mehr Menschen als sonst auf S-Bahnen angewiesen sind. „In einem vollen Zug mussten wir zum Hauptbahnhof fahren“, berichtet er, „dort sollte die S-Bahn nach Herrenberg über die Gäubahnstrecke fahren.“ Es habe ein „Riesenandrang“ geherrscht. Der Zug sei so voll gewesen, „dass wir einen Mindestabstand von fünf Zentimetern hatten“, berichtet Kai T. Die meisten trugen Maske, aber waren so sehr zusammengepfercht, dass der Arbeitserzieher nun sagt: „Wenn bald halb Stuttgart Corona hat, wissen wir warum: Es liegt an diesem Donnerstagvormittag.“

„Man hätte ja Busse einsetzen können“

Wenn er seine Fotos betrachtet, fragt sich der 31-Jährige: „Warum bin ich da eigentlich eingestiegen?“ Doch am früheren Morgen sei er von dem Drang angetrieben, rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Kai T. kann nicht verstehen, warum gerade beim Anstieg der Corona-Zahlen der Berufsverkehr bestreikt wird und dazu noch die S-Bahn es nicht schaffe, eine Signalstörung rasch zu beheben. Während das Land die zweite Pandemiestufe verkündet, müsse alles unternommen werden, um solche chaotischen Szenen im Berufsverkehr zu verhindern. „Die Stadt hätte ja Busse einsetzen können“, findet der Arbeitserzieher.

Auch eine Mitarbeiterin der Wirtschaftsministeriums berichtet von drangvoller Enge in der S-Bahn. „Normalerweise fahre ich nur mit der Stadtbahn, weil die pünktlich fährt“, sagt die Frau, wegen des Streiks habe sie aber die S-Bahn von Sommerrain zur Stadtmitte genutzt. Schon im Fahrzeug sei man eng an eng gestanden: „Wir hatten regelrecht Tuchfühlung“. Und da die S-Bahnen im Hauptbahnhof oben hielten, sei es dort auf den Bahnsteigen proppevoll gewesen. „Wir hatten Körperkontakt“, sagt sie. Seit Schulbeginn seien die Stadtbahnen so voll, dass von Mindestabstand keine Rede sein könne. Es müssten mehr Fahrzeuge eingesetzt werden – zumal nun auch Tariferhöhungen angekündigt seien.

„Die Kapazitäten der S-Bahn waren erschöpft“

Den Grund für die Signalstörung, von der nur der Verkehr stadtauswärts betroffen war, kennt man noch nicht. „Das wird gerade untersucht“, sagt ein Sprecher der S-Bahn. Möglicherweise könnten Bauarbeiten dafür verantwortlich sein. „Wenn eine Hauptschlagader wie die Tunnelstrecke zwischen Schwabstraße und Vaihingen ausfällt, kommt es natürlich zu Problemen“, erklärt er. Man habe längere Züge als sonst eingesetzt und die Kapazität voll ausgeschöpft. „Mehr geht leider nicht“, fuhr er fort. Die Störung war um 12.30 Uhr behoben, sodass sich das Chaos im Feierabendverkehr nicht wiederholen dürfe. Der Bahnsprecher wies darauf hin, dass die S-Bahnen in Stuttgart etwa alle zweieinhalb Minuten halten, dann würden alle Türen geöffnet und es komme zu einem Luftaustausch.

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