Die Fluggäste bekommen das Flugchaos zu spüren – auch in Stuttgart. Foto: dpa

Mehr als 16 000 von gut 71 000 Starts und Landungen waren in Stuttgart in diesem Jahr bis Ende August verspätet. Die Misere kennt man in ähnlicher Form auch an anderen Flughäfen. Die Debatten darüber weiten sich aus.

Stuttgart - Das Sommerchaos im Flugverkehr zieht immer weitere Kreise. Die Fluggesellschaften und die anderen Akteure an den Flughäfen weisen sich gegenseitig die Verantwortung für die teils heftigen Verspätungen und Ausfälle zu.

Die Betreibergesellschaft des Flughafens Stuttgart fühlt sich weniger stark betroffen als andere Flughäfen. Stuttgart sei mit Abstand der Flughafen mit der größten Pünktlichkeit, sagt Johannes Schumm, Sprecher der Flughafen Stuttgart GmbH. Aber auch hier sind die Verhältnisse schlechter als 2017. Bis Ende August hätten insgesamt 1741 Starts und Landungen gestrichen werden müssen (Vorjahreszeitraum 2017: 979), heißt es. Und 16 725 der insgesamt 71 216 Flugbewegungen, die stattfanden, hätten sich um mehr als 15 Minuten verzögert. Das sind knapp 24 Prozent. Handelt es sich um ein überwiegend importiertes Problem? Die eingehenden Flüge seien jedenfalls unpünktlicher als die ausgehenden Flüge, sagt Schumm.

Eurowings: Nur zwei Prozent Flüge ausgefallen

Wie sehr die Lufthansa-Tochter Eurowings in Stuttgart Anteil an den Problemen hat, will die FSG nicht verraten. Die Airline, der in den vergangenen Monaten bundesweit und vor allem am Drehkreuz Berlin teils heftig Unzuverlässigkeit vorgeworfen wurde, dürfte aber eine gewichtige Rolle spielen. Sie hat inzwischen einen Marktanteil in Stuttgart von mehr als 40 Prozent der Passagiere. Die Airline hält dagegen, nur fünf Prozent der 17 200 Flüge in Stuttgart seit Jahresanfang hätten Verspätungen gehabt – „unter 60 Minuten“. Man habe rund 1,73 Millionen Passagiere von und nach Stuttgart befördert. „Wir haben nur zwei Prozent der Flüge nicht abbilden können – so viel wie fast alle anderen europäischen Airlines auch“, so die Sprecherin Laura Karsten. Auch in Stuttgart habe man Maßnahmen für mehr Stabilität im Flugverkehr ergriffen. Wie die ganze Branche habe man auch signifikante Personalengpässe bei Europas Flugsicherungen, Fluglotsenstreiks und viele Unwetter im Frühsommer zu spüren bekommen.

Allerdings hat Eurowings-Chef Thorsten Dirks zuvor schon „einen schwierigen Start in den Sommer mit ungewöhnlich vielen Flugausfällen“ zugegeben. Man werde noch einmal zusätzliche Mittel und Mitarbeiter mobilisieren. Die Hoffnungen gründen darauf, dass vor kurzem das letzte von 77 Flugzeugen aus dem früheren Air-Berlin-Bestand übernommen wurde.

Will sich Deutschlands wichtigste Airline Marktanteile sichern?

Beobachter sehen die Lage kritischer. Eurowings sei zwar – Stichwort europäische Fluglotsen und Unwetter – nicht für die komplette Misere verantwortlich; mit der Übernahme von Air-Berlin-Teilen habe die Fluggesellschaft aber auch einen aufgeblähten Flugplan aufgestellt, der ihre Kräfte übersteige, aber einem Zweck diene: Die Airline wolle keine der Slots, also der Flugzeiten, verlieren, die sie mit den Flugzeugen übernahm. Eine neue Initiative von Lufthansa-Chef Carsten Spohr könnte in diesem Sinne verstanden werden. Nämlich so, dass die Lufthansa sich mit dem Eurowings-Flugplan ein großes Stück vom Kuchen des Markts in Deutschland sichern wollte und an der Grenze der Leistungsfähigkeit nun versuche, den Kuchen nicht zum Vorteil der Konkurrenten größer werden zu lassen. Einem Bericht der Nachrichtenagentur dpa zufolge, beantragte die Lufthansa rund eine Woche vor einem geplanten Luftverkehrsgipfel in Hamburg, die Kapazitäten im deutschen Luftraum und an den Flughäfen zu senken. So wolle Spohr ein neuerliches Chaos wie in diesem Sommer verhindern – und die Zahl der maximalen Flugbewegungen pro Stunde senken.

Verband der Flughäfen widerspricht der Lufthansa

Die Flughäfen würden aber um das Geschäft mit den Passagieren fürchten. Der Flughafenverband ADV halte dagegen, die Flugbewegungen seien mancherorts sogar zurückgegangen, die Pünktlichkeit der Flüge aber auch. Der ADV halte stabilere Flugpläne der Airlines, mehr Kapazität bei der Flugsicherung, schnellere Sicherheitskontrollen am Boden und den Ausbau der Infrastruktur für sinnvollere Hebel, um die Pünktlichkeitsprobleme zu bewältigen.

Am Flughafen Stuttgart hat man dem Einwand wenig hinzuzufügen. Höchstens so viel: Der Eckwert für die Flugbewegungen sei hier nicht das Problem.

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