Ein alltäglicher Anblick für die Pendler auf der Filstalbahn – nach wie vor. Foto: Detzer

Mit der „kleinen“ Fahrplanänderung Anfang Mai hatte vieles, wenn auch nicht alles, besser werden sollen. Doch das Ausfall- und Verspätungschaos auf der Filstalbahn hält an. Die DB Regio sieht dennoch Fortschritte – die Pendler nicht.

Kreis Göppingen - Es ist Freitagmorgen, ein Brückentag in den Pfingstferien: eineinhalb Stunden auf dem Göppinger Bahnhof genügen, um den Zorn der verhinderten Fahr-„Gäste“ hautnah mit zu bekommen. Der Interregio um 7.02 Uhr nach Stuttgart fällt aus. Die Regionalbahn, die wenig später hätte fahren sollen, hat eine halbe Stunde Verspätung. Beim Interregio verschiebt sich die planmäßige Abfahrt von kurz vor halb acht um 20 Minuten. Es ist 8.15 Uhr. Die Regionalbahn in Richtung Landeshauptstadt setzt sich „nur“ acht Minuten verspätet in Bewegung. Dafür wartet man auf den Interregio in die Gegenrichtung vergeblich: Ausfall. Das gleiche Schicksal teilen einige Zeit später zwei Regionalbahnen von und nach Stuttgart.

Eine junge Frau aus Rechberghausen schimpft. „Da muss sich doch niemand wundern, wenn die Leute lieber ins Auto sitzen und die B 10 verstopfen.“ Dem Eislinger Frank Keller graust es bereits davor, „wenn am Montag wieder alle zur Arbeit oder in die Schule müssen“. Ein Jugendlicher beantwortet die Frage, was er von dem Fiasko hält, mit dem gestreckten Mittelfinger und eher nicht-zitierfähigen Worten. Sein Begleiter löscht just in diesem Moment die Fahrplan-App der Bahn von seinem Smartphone. „Wenn du da was abrufst, stimmt es doch eh nicht. Da kannst du auch einfach so auf den Bahnhof gehen und warten, ob irgendwann überhaupt ein Zug fährt.“

640 Verspätungen und 55 Zugausfälle in sechs Wochen

Gelöscht hat Sven Detzer seine „Verspätungs-App“ zwar noch nicht. Aber die Erfahrungen des Berufspendlers, der im Donzdorfer Stadtteil Reichenbach lebt und in Stuttgart arbeitet, sind ähnlich. Jeden Morgen sei es das gleiche Theater. „Du gehst aus dem Haus. Und bis du am Bahnhof bist, ist alles schon wieder anders als noch ein paar Minuten vorher.“ Zunächst habe er den Eindruck gehabt, dass die seit Anfang Mai um einige Minuten vorgezogenen Abfahrtszeiten mancher Frühzüge auf der Filstalbahn etwas gebracht hätten. Aber der Eindruck habe getrogen.

Bei der DB Regio sieht man das anders. Erst unlängst erklärte deren Sprecher Werner Graf, „dass die Maßnahme langsam greift und sich die Pünktlichkeit im Durchschnitt um fünf bis sieben Prozent erhöht hat.“ Detzers Buchführung spricht eine andere Sprache. In den ersten sechs Wochen nach der Fahrplanänderung hat der Pendler 640 Verspätungen zwischen fünf und 65 Minuten sowie 55 Zugausfälle auf der Filstalbahn notiert. Die so genannten Großlagen, wie etwa ein Oberleitungsschaden nahe des Göppinger Bahnhofs, eine Störung im Ulmer Stellwerk, oder diverse Notarzteinsätze an den Gleisen sind bei der Aufstellung noch nicht einmal mit einbezogen.

Detzer: Ich habe noch keinen einzigen Ersatzzug gesehen

Ohnehin seien seine Zahlen unvollständig, die tatsächliche Lage also eher noch schlechter. „Mir ist es ja gar nicht möglich ist, alle Ereignisse zu erfassen. Außerdem war ich zwischendurch ein paar Tage im Urlaub“, betont der 53-Jährige. Dass die geringfügigen Fahrplankorrekturen keine Wirkung zeigen, verwundert ihn jedoch nicht: „Man versucht zwar, etwas besser zu machen. Aber da ist keine schnelle Lösung möglich, weil das Wagenmaterial genauso schlecht und störanfällig ist wie zuvor.“ So gebe es, auch wenn nun mehr Waggons zur Verfügung stünden, bei jedem zweiten Zug Probleme mit den Türen.

„Auch die anderen Defekte und Schäden sorgen ja nicht zum ersten Mal für Behinderungen. Sie haben sicher etwas mit den technischen Mängeln zu tun, obwohl die Bahn ganz schnell andere Gründe dafür findet.“ So sei unlängst in Göppingen bei der kaputten Oberleitung die Schuld auf eine Taube geschoben worden, die dazu ja nix mehr habe sagen können, erklärt er sarkastisch. „Und von den Ersatzzügen, die der Bahn-Sonderbeauftragte des Landes, Gerhard Schnaitmann, versprochen hatte, habe ich ohnehin noch keinen einzigen gesehen“, ergänzt der erboste Pendler.

Was ihn allerdings am meisten ärgere, sei die Ignoranz der Verantwortlichen. Entschuldigungen auf seine Beschwerden bekomme er gar nicht mehr. „Die scheinen das auszusitzen zu wollen“, vermutet er. Dabei geht es Detzer nicht allein um seine eigene Situation. „Mir geht es vor allem um die Sicherheit. Wenn man sieht, unter welchem Stress das Zugpersonal steht, ist es fast schon ein Wunder, dass noch nichts wirklich Schlimmes passiert ist“, sagt er.

Bahn kündigt „Verbesserungen noch vor dem Fahrplanwechsel im Dezember“ an

Dass sich auf der Filstalbahn irgendwann doch noch ein gewisse Verlässlichkeit einstellt, hofft derweil die Politik. Viele Kommunen entlang der Strecke haben bereits eine Resolution mit der Forderung „Bessere Verbindungen auf der Filstalbahntrasse“ unterzeichnet. Ergebnis: offen.

Der Göppinger SPD-Landtagsabgeordnete Peter Hofelich wiederum hat auf eine Anfrage hin vor einigen Wochen ein Schreiben der Bahn erhalten, in dem das Unternehmen „Verbesserungen auf der Filstalbahn noch vor dem Fahrplanwechsel im Dezember“ ankündigt. Diese sollen unter anderem durch eine veränderte Zugwende in Stuttgart erreicht werden. Neben Hofelich sieht aber auch Sven Detzer deshalb keinen Grund zur Entwarnung. Gut zu verstehen. Ankündigungen hat es in der Vergangenheit schließlich viele gegeben.

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