Künstler gegen Kämpfer: Cristiano Ronaldo (Real/Mi.) im Duell gegen die Atlético-Abwehr Foto: dpa

Establishment gegen Arbeiterklasse, Privilegierte gegen Außenseiter: Wenn Real Madrid und Atletico Madrid um die Krone des europäischen Clubfußballs streiten, treffen zwei gegensätzliche Fußball-Philosophien aufeinander.

Mailand - Das Duell „zwischen einem Flugzeugträger und einem Fischkutter“ – so charakterisiert der frühere italienische Erfolgstrainer Arrigo Sacchi (70) die Begegnung, die an diesem Samstag (20.45 Uhr/ZDF, Sky) weltweit Millionen Fußballfans in den Bann zieht. Anders gesagt: Größer könnte der Unterschied nicht sein, weder zwischen den Schiffstypen auf den Meeren noch zwischen den Rivalen in diesem Endspiel. Nur der Titel zählt – vor allem für die Königlichen.

„Ein Scheitern kommt mir gar nicht in den Sinn“, sagt der dreimalige Weltfußballer Cristiano Ronaldo (31). Real träumt nach nur knapp fünf Monaten unter Chefcoach Zinédine Zidane von „La Undécima“, dem elften Titel in der Königsklasse – und steht gewaltig unter Druck. „Damit es für die Öffentlichkeit eine gute Saison wird, müssen wir dieses letzte Spiel gewinnen. So ist das Selbstverständnis von Real: Der größte Club muss auch das Größte gewinnen“, sagt der deutsche Nationalspieler Toni Kroos (26).

Atlético strebt den ersten Triumph in der Königsklasse an. Die 1:4-Finalniederlage nach Verlängerung von 2014 gegen Real stachelt den Ehrgeiz zusätzlich an. „Es gibt im Leben keine Revanche, aber man bekommt immer neue Möglichkeiten, und das ist so eine“, sagt Trainer Diego Simeone, „in einem einzigen Spiel hat jeder eine Chance.“ Das Duell im Vergleich:

Die Rivalität: „/“, die „Schande des Landes“ – so schallt es bei Spielen gegen Real von den Tribünen des Estadio Vicente Calderon. Es geht um Ruhm, Ehre und um die Aufarbeitung der spanischen Historie. Diktator Franco hatte Real einst zum Aushängeschild seines Regimes erkoren und sich mit den Titeln der Königlichen geschmückt. Bei Atlético haben sie das nicht vergessen. Die Abneigung gegen den reichen Rivalen aus dem Norden könnte im ärmeren Süden der Stadt nicht größer sein, auch wenn Atlético längst ebenfalls dreistellige Millionensummen umsetzt. Umgekehrt halten sich die Real-Anhänger kaum mit den Atlético-Fans auf, für sie zählt in erster Linie die Rivalität mit dem FC Barcelona. Die Spielphilosophie:Real Madrids Fußball steht für Schönheit und Eleganz. Die Grundausrichtung ist offensiv, Ballstafetten und Kombinationsfußball haben nur den Zweck, möglichst schnell das gegnerische Tor zu erreichen. Das „weiße Ballett“ liefert dem Operetten-Publikum im Bernabeu die Show, das Spektakel steht über dem schnöden Ergebnisfußball. Atlético dagegen arbeitet Fußball. Der aggressive Fußball basiert auf einer starken Defensive und ist für die Gegner extrem unangenehm. Die Tugenden der Arbeiterklasse finden sich eins zu eins auf dem Platz wieder: sich wehren, aufmüpfig sein und das Establishment ärgern.

Die Trainer: Zinédine Zidane (43) stieß auf große Vorbehalte, als er vor fünf Monaten ohne Trainer-Vorkenntnisse im Top-Fußball Real übernahm. Seither hat er das Team zu 21 Siegen in 26 Spielen, auf Platz zwei in der Primera División und ins Königsklassen-Finale geführt. Im Schnitt hat die Mannschaft 2,73 Tore pro Spiel erzielt. „Für uns ist der Schlüssel, guten Fußball zu spielen“, sagt Zidane, der als Profi Pässe wie Kunstwerke aussehen ließ. 2002 schoss er Real mit einem Volleytreffer gegen Bayer Leverkusen zum Champions-League-Titel. Mit einem Sieg könnte der einst weltbeste Fußballer Geschichte schreiben. Zidane wäre erst der siebte Ex-Profi, der als Trainer die Königsklasse gewinnt – nach Miguel Munoz, Giovanni Trapattoni, Johan Cruyff, Carlo Ancelotti, Frank Rijkaard und Pep Guardiola.

Diego Simeone verkörpert alle Tugenden von Atlético – Kampf, Leidenschaft, Wille und Laufbereitschaft. Grätschen sind nicht verpönt, sondern gehören zum Standardrepertoire. Schon als Spieler war Simeone mehr Malocher als Künstler. In dieser Saison warf Atlético den FC Barcelona und Bayern München aus der Champions League. Die Psychologie: Simeone zieht alle Register. Er provozierte unter anderem Zidane mit der Aussage, Real werde in Mailand sicher aus einer verstärkten Abwehr heraus agieren. Vielmehr ist zu erwarten, dass Atlético sich vor dem eigenen Tor einigeln und mit den schnellen Spitzen Fernando Torres und Antoine Griezmann auf Konter setzen wird. Der abergläubische Simeone berücksichtigt auch die Sternzeichen seiner Schützlinge. Sein Antrag, in den vermeintlich glückbringenden blauen Ersatztrikots auflaufen zu dürfen, wurde von der Uefa abgelehnt.

Der Deutsche : Die Nationalmannschaft schaut das Finale im Trainingslager in Ascona live an. „Wir drücken Toni die Daumen, dass er mit dem Pott nachkommt“, sagt Bundestrainer Joachim Löw. Kroos steht als achter deutscher Profi in einem Champions-League-Endspiel. Vor ihm gewannen Rudi Völler (1993/Olympique Marseille), Bodo Illgner (1998/Real Madrid), Dietmar Hamann (2005/FC Liverpool), Sami Khedira (2014/Real Madrid) sowie Marc-Andre ter Stegen (2015/FC Barcelona) den Titel. Jens Lehmann (2006/FC Arsenal) und Michael Ballack (2008/FC Chelsea) scheiterten. Kroos wäre der 13. Profi, der mit zwei Vereinen die Königsklasse gewinnt – 2013 war er schon mit Bayern München erfolgreich.

Die Fans: Aus Madrid starten mehr als 200 zusätzliche Flüge in die Lombardei und zurück, 46 000 Fans mehr unterstützen so die Real-Stars. Ein Zimmer mit Blick auf den Mailänder Dom kostet rund ums Endspiel so viel wie ein Kleinwagen, die Tickets auf dem Schwarzmarkt sind ähnlich überteuert. Die Prämien: Real zahlt im Falle des Sieges jedem Spieler 600 000 Euro. Atlético soll der Triumph 350 000 Euro pro Mann wert sein.

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