Die Rasselbande von Ajax Amsterdam feiert ihren Coup von Turin. Foto: AP

Das Fußballmärchen der jungen Wilden von Ajax Amsterdam in der Champions League geht weiter, die Mannschaft verzaubert Fußball-Europa mit ihren tollen Auftritten und lehrt die Favoriten das Fürchten – Grund genug für eine Lobeshymne.

Stuttgart - Danke, immer wieder: danke! Wer sich am Tag danach ein bisschen umschaute in den Zeitungen und Online-Portalen, auch und vor allem in manchen seriösen, der fand es immer wieder, dieses eine Wort, garniert mit zwei weiteren: Danke, Ajax Amsterdam!

Sich bei einem Fußballclub für ein gutes Spiel zu bedanken – ist das angebracht? Wir haben da eine recht klare Meinung. Und denken, dass ein „Danke“ hier völlig deplatziert ist. Hundert, ach was: Tausendmal Danke, das ist viel besser! Denn bei Ajax, da muss die große Schwärmerei gerade einfach mal drin sein.

Es ist ja immer leicht, sich auf die Seite des Außenseiters zu schlagen – selten war es leichter als jetzt. Denn das Ajax Amsterdam in dieser Saison, das ist nicht weniger als die erfüllte Sehnsucht eines jeden Fußball-Romantikers. Der sich nach dem dritten Champions-League-Titel nacheinander von Real Madrid mit seinem Schurken-Anführer Sergio Ramos nach etwas Neuem auf der großen Bühne der Königsklasse sehnte. Der nach der jüngsten Gala von Lionel Messi vom Mittwochabend dachte: Der Kerl ist immer noch unfassbar – aber beim 187. Mal wird’s irgendwann langweilig. Erst recht, wenn das Gefälle zwischen den Barcelonas und den bemitleidenswerten Manchester Uniteds dieser Welt immer noch größer wird.

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Jetzt also kommt der Traum von Amsterdam dazwischen. Endlich. Ajax ist ein Außenseiter, der mit seinem aus ehemaligen Jugendspielern des Vereins gespickten Team die Platzhirsche Real Madrid und nun auch Juventus Turin rausgekegelt hat. Aber der Clou ist: Amsterdam ist im Grunde gar kein Außenseiter. Denn es stellt sich nicht hinten rein. Es mauert nicht. Es schießt kein Zufallstor vorne und hofft, dass hinten der liebe Gott hilft. Nein, das Ajax Amsterdam von 2019 tritt auf wie ein federleichter Favorit, der weiß, dass er besser ist als der eigentlich viel größere Gegner – wenn er denn nur sein Spiel auf den Platz bringt.

Aber was heißt hier „nur“. Denn dieses Spiel, es ist nicht weniger als, na klar: „Totaalvoetbal.“

Fußball total, das war ja schon der Ajax-Fußball in den Siebzigern, zu der Zeit also, als das Team um den genialen Taktgeber, Einfädler und Vollstrecker Johan Cruyff von 1971 bis 1973 dreimal nacheinander den Europapokal der Landesmeister holte. Der totale Fußball wurde vorher und hinterher von Ajax, der niederländischen Nationalelf und vom FC Barcelona auf den Platz gebracht. Am schönsten und erfolgreichsten setzte aber wohl Ajax alles um.

Ajax macht die alte Vereinsphilosophie wieder frisch

Die wichtigsten Voraussetzungen, die die Mannschaft damals benötigte, waren Geschwindigkeit und die Fähigkeit, das Spiel zu beschleunigen. Amsterdam spielte damals in den Siebzigern Pressing, klar, und mit kurzen, schnellen Pässen sollte das Mittelfeld überbrückt werden. Das gelang formidabel – mit Cruyff, der später als Spieler und Trainer des FC Barcelona mit seiner „Totaalvoetbal“-Idee weitere Maßstäbe setzte.

Jetzt, fast 50 Jahre später, spielt Ajax wieder „Totaalvoetbal“. Es macht die alte Vereinsphilosophie wieder frisch, es entstaubt sie, es setzt sie neu um, es haucht ihr neues Leben ein. Das Ajax von gestern ist das Ajax von heute. Es ist nicht weniger als der Traum von Amsterdam. Oder kurz: Es ist fast zum Heulen schön. Und zwar nicht nur für notorische Nostalgiker.

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Die Leichtigkeit und Eleganz der Offensivspieler, der bedingungslose Einsatz in der Verteidigung, diese Mischung aus Wucht und dem Mut, auch mal Fehler zu machen – all das war schon in den Siebzigern zu sehen. Und jetzt wieder. Wie wunderbar ist das denn: Wenn ein Verein selbst die Brücken von der glorreichen Vergangenheit zur Gegenwart schlägt. Wenn vielleicht der Ajax-Opa seinem Ajax-Enkel jetzt mit leuchtenden Augen erzählt, dass es das alles schon mal gab.

Ach, wie schön kann Fußball sein.

So wunderschön wie die jüngsten Ajax-Auftritte in Europas Königsklasse. Vor ein paar Wochen demontierte Amsterdam Real Madrid mit 4:1 im Bernabeu. Jetzt, am Mittwochabend, spielte das Team die alte Dame Juventus in der zweiten Hälfte an die Wand. Und wenn die TV-Kameras den Turiner Superstar Cristiano Ronaldo nicht immer wieder aus alter Gewohnheit im Großformat eingefangen hätten – er wäre in dieser zweiten Hälfte unsichtbar gewesen. Mehr Ajax-Dominanz geht nicht. Und mehr Vorfreude auch nicht. Aufs Halbfinale. Und womöglich auch aufs große Finale in Madrid Anfang Juni.

Aber, wie das oft so ist im Sport bei den schönen Geschichten, irgendwann kommt das Drama hinzu. Irgendwann wird es traurig. Manchmal sogar tragisch.

Der Ausverkauf wird wohl kommen

In diesem Sommer ist es wahrscheinlich schon so weit. Denn die großen Geldbeutel der großen Clubs werden kommen und diesen famosen jungen Ajax-Kader aufkaufen. Wie es so ihre Art ist, wie sie das übrigens auch schon beim bisher letzten große Ajax-Team der Mittneunziger um Kluivert, Davids, Seedorf und van der Sar getan hatten.

Aber wer weiß, vielleicht schaffen die Ajax-Jungs von heute vorher noch eine ähnliche Sensation wie damals die Kluiverts und van der Sars: Die gewannen 1995 in ihren jungen Jahren unter einem gewissen Louis van Gaal die Champions League – und begannen anschließend ihre großen internationalen Karriere bei den ganz großen Clubs.

Also, liebe junge, mutige, herzerfrischende Ajax-Bande: Holt euch das Ding, jetzt und hier, in dieser Saison, bevor ihr als Mannschaft auseinanderfallen werdet. Schafft den Moment für eure Ewigkeit. Zeigt der Welt, dass ihr zusammen besser seid als Messi. Zumindest in einem Spiel.

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