Ein Lautsprecher war Sami Khedira nie. Auch nach seinem bisher größten Erfolg wirkte der Champions-League-Sieger von Real Madrid in sich gekehrt. Dafür hofft Bundestrainer Joachim Löw, dass der Ex-VfB-Profi bei der WM explodiert.

Ein Lautsprecher war Sami Khedira nie. Auch nach seinem bisher größten Erfolg wirkte der Champions-League-Sieger von Real Madrid in sich gekehrt. Dafür hofft Bundestrainer Joachim Löw, dass der Ex-VfB-Profi bei der WM explodiert.

Lissabon/St. Leonhard - Zum Glück ist am Wohnzimmertisch im Hause Khedira in Fellbach-Oeffingen immer ein Platz frei. Genauer: an der Lampe über dem Wohnzimmertisch. Dort hängen die Medaillen, die Sami, der mittlere Sohn der Familie, über die Jahre auf den Fußballplätzen dieser Welt errungen hat – sie dokumentieren eine mittlerweile stolze Titelsammlung: deutscher B-Jugendmeister (2004), A-Jugendmeister (2005) und deutscher Meister mit dem VfB Stuttgart (2007), U-21-Europameister (2009) sowie spanischer Pokalsieger (2011 und 2014), spanischer Meister und Supercupsieger (2012) mit Real Madrid.

Demnächst soll auch die Plakette dort hängen, die Uefa-Präsident Michel Platini dem Sohn eines tunesischen Vaters und einer deutschen Mutter am Samstagabend im Estadio da Luz in Lissabon freudestrahlend umgehängt hat: für den Champions-League-Sieg mit Real Madrid.

Wenn es eine Auszeichnung für das erstaunlichste Sport-Comeback des Jahres gäbe, dann hätte Sami Khedira (27) gleich noch eine Goldmedaille verdient. Denn der Sieg über Atletico Madrid war für ihn vor allem ein Sieg über alle Zweifel , die ihn bis zuletzt umgaben. „Es ist nicht selbstverständlich, dass ich heute auf dem Platz stehen durfte“, sagte er nach seinem 59-Minuten-Einsatz – genau sechs Monate und neun Tage nach seinem Kreuzbandriss.

Es waren ergreifende Momente – vor allem für Sami Khedira selbst. Ein paarmal griff er bei der Siegerehrung zaghaft nach dem Henkelpott, doch immer wieder kam ihm ein Mitspieler zuvor. Auf dem Rasen stand er dann zwischen den singenden und tanzenden Kollegen und schien doch nicht so recht zu ihnen zu gehören. Khedira stand einfach da, eine deutsche Fahne achtlos in die kurze weiße Hose gestopft, ohne große Regung, aber innerlich aufgewühlt, er feierte einen stillen Triumph: „Ich musste das erst mal verarbeiten.“

Die unglückliche Verletzung im November im Testspiel der Nationalmannschaft gegen Italien, die schmerzliche Diagnose Kreuzbandriss, die Angst um die WM-Teilnahme und die vielen Wochen harter Schufterei in der Reha – all das kam in diesen Minuten in Khedira wieder hoch. „Von daher ist das ein unglaubliches Gefühl und erfüllt einen sehr mit Stolz“, sagte er und versicherte: „Innendrin ist eine riesengroße Freude.“

Nicht nur bei ihm. In Stuttgart freute sich Sportvorstand Fredi Bobic mit dem verlorenen Sohn des VfB Stuttgart: „Wir alle in der VfB-Gemeinde können stolz sein. Sami hat unglaublich viel Hartnäckigkeit und Akribie gezeigt. Dass er fit geworden ist, zeigt seine professionelle Einstellung. Sein Wille ist sein großes Plus. Wir sind alle sehr stolz, dass ein Deutscher mit Real Madrid die Champions League gewonnen hat. Dass es ein Stuttgarter ist, ist umso schöner.“

Auf der Terrasse des Mannschaftshotels in St. Leonhard/Südtirol beobachteten die deutschen Nationalspieler den Auftritt ihres lange und schmerzlich vermissten Kollegen. „Das macht uns Mut, dass Sami, wenn die WM beginnt, bei 100 Prozent ist“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff, der zu Recht einschränkte: „Das ist er jetzt noch nicht.“

Khedira kämpfte und rackerte, ein Stratege war er aber noch nicht. Und am 0:1 war er ebenfalls beteiligt, wobei den aus dem Tor stürmenden und plötzlich abstoppenden Real-Schlussmann Iker Casillas mehr Schuld traf. „Es war natürlich noch nicht der Sami, den wir alle kennen, für die Nationalmannschaft ist aber allein schon seine Präsenz wichtig. Und in den nächsten Wochen wird er sich mit dem Team gut einspielen“, sagte Fredi Bobic, „allerdings: Man darf von ihm jetzt aber auch nicht zu viel erwarten.“

Gerade das fällt aber schwer. Die Not auf der Sechser-Position ist nach dem WM-Aus für Lars Bender und den Fragezeichen hinter Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm groß, Khedira wird dringend benötigt. „Vor der WM haben wir ja noch zwei, drei Spiele“, sagte er, „die werden mir reichen, um körperlich in Schuss zu kommen. Jetzt haben wir erst einmal ein, zwei Tage zum Feiern, und dann beginnt die neue Arbeit.“

Die soll der deutschen Elf am 13. Juli zum WM-Titel verhelfen. Über dem Wohnzimmertisch im Hause Khedira ist jedenfalls noch der eine oder andere Platz frei.

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