Chesy Leonards Gruppe, das Zentrum für Politische Schönheit, machte zuletzt mit dem Holocaust-Mahnmal vor Björn Höckes Haus Schlagzeilen. Foto: factum/Granville

Wie positioniert man sich als Künstler in Zeiten von AfD und Pegida? Cesy Leonard vom Zentrum für Politische Schönheit hat dazu einen Workshop für Erstsemester an Filmakademie, Animationsinstitut und Akademie für Darstellende Kunst organisiert.

Ludwigsburg - Die Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg, das Animationsinstitut sowie die Akademie für Darstellende Kunst haben ihren Erstsemestern in der Einführungswoche institutsübergreifende Workshops geboten. Die Konzeption und Leitung kommt von Cesy Leonard, die Mitglied des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS) ist, einer Gruppe, deren öffentliche Wahrnehmung, je nach politischem Standpunkt des Betrachters, zwischen Aktionskünstlern und Polit-Aktivisten schwankt. Sie selbst haben sich die Verteidigung der Demokratie mit ihren Freiheiten auf die Fahnen geschrieben. Für die Redaktion verwunderlich war allerdings, dass eine so freiheitlich denkende Gruppe bei der Autorisierung des Interviews so frei war und viele ihrer ursprünglichen Formulierungen geändert hat.

Frau Leonard, warum brauchen Erstsemester in Ludwigsburg Workshops zum Thema „Haltung zeigen“?

Es geht darum, sich die Frage zu stellen: Wie positionieren wir uns zu antidemokratischen Verhältnissen, wann müssen wir als Bürgerinnen und Bürger Haltung zeigen? 26 Jahre nach Lichtenhagen werden in Chemnitz wieder Leute von Nazis durch die Straßen gejagt. Dabei geht es uns nicht nur um die gegensätzlichen politischen Lager, sondern genereller: unsere demokratischen Werte, unsere Meinungsfreiheit, unsere Pressefreiheit, unsere Religionsfreiheit.

Aber es geht schon auch um Kunst?

Natürlich geht es um die Kunst. Das Zentrum für Politische Schönheit macht politische Aktionskunst. Wir überschreiten dabei die Grenzen zwischen Kunst und Politik, Kunst scheint uns als das geeignetste Mittel, unsere Haltung zu zeigen. Was uns an den Studierenden in Ludwigsburg interessiert, ist, eine künstlerische Position zu entwickeln, in der eine Haltung zu sich und zu der Gesellschaft zum Ausdruck kommt. Natürlich geht es in diesem Workshop für die Studenten im ersten Semester auch darum, sich Studiengang übergreifend gegenseitig kennenzulernen und durch neue Begegnungen die Grenzen der eigenen Kunstform auszukundschaften. Es können Arbeitsbeziehungen entstehen, die im besten Fall das ganze Studienleben und darüber hinaus halten.

Sind die jungen Leute von heute denn zu unpolitisch?

Um es mit Rosa Luxemburg zu sagen: „Unpolitisch sein heißt politisch sein, ohne es zu merken.“ In einer Zeit wie der unseren gleichgültig zu sein, bleibt nicht folgenlos.

Man hört allerorten Klagen, dass die jüngere Generation zu wenig engagiert sei.

Ich finde es schwierig, von „der jüngeren Generation“ zu sprechen. Uns sind auch hier in Ludwigsburg ganz unterschiedliche Menschen begegnet. Das Aushalten von Dissonanzen und Nicht-Gefallen ist in einer Demokratie absolut notwendig. Wir müssen lernen, uns konstruktiv zu streiten. Ja, wir leben heute eher in einer Like-Gesellschaft.

Kam der Workshop-Titel wegen der aktuellen Ereignisse, sprich Chemnitz, zustande?

Der Auslöser für den Titel – die Planung der Workshops hat Minimum einen Jahr Vorlauf – war ein Artikel der Schriftstellerin Jana Hensel bei Zeit online: „Habt ihr nichts zu sagen?“. Darin fragt sie, wo der Aufschrei im intellektuellen Deutschland bleibt, wie viele Grenzen noch überschritten werden müssen, bis jemand Stopp ruft.

Wie sieht so ein Workshop denn konkret aus?

Ein Team vom Zentrum für Politische Schönheit macht die Leitung und wir bekommen viel Unterstützung von der ADK, der Filmakademie und dem Animationsinstitut. Wir haben drei Impulsgeber eingeladen, drei Menschen, die Haltung gezeigt haben: Anna Hunger, Redaktionsleiterin bei Kontext, Stuttgarter Wochenzeitung, deren Artikel über die menschenverachtende Sprache eines AfD-Mitarbeiters verboten wurde, weil der Richter beim Prozess sich angeblich nicht die Zeit nehmen wollte, das umfangreiche Beweismaterial zu sichten. Auch dabei ist Diana Henniges, die die Bürgerinitiative zur Unterstützung von Flüchtlingen „Moabit hilft“ gegründet hat und bis heute leitet. Dafür wurde sie von Nazis mehrfach bedroht. Und dann haben wir noch den Kulturwissenschaftler und Aussteiger aus der Nazi-Szene, Christian Weissgerber, eingeladen.

Und was müssen die Studenten machen?

Sie sollten sich auf das Gespräch mit den Impulsgebern vorbereiten und im Anschluss ein künstlerisches Projekt erarbeiten. Das Hauptaugenmerk des Workshops liegt aber auf Recherche. Denn wer in der Öffentlichkeit mit kontroversen Themen auftritt, muss sicher sein, dass die Fakten stimmen, sonst wird man zerpflückt.

Sie haben selbst einen interessanten Werdegang, der in Stuttgart beginnt.

Ich bin in Stuttgart aufgewachsen als Tochter eines Australiers und einer Magdeburgerin. Wie so viele habe ich aber 2003 das Schwabenland Richtung Berlin verlassen.

Haben Sie auch einen Bezug zu Ludwigsburg?

An der Filmakademie habe ich in Studentenfilmen mitgespielt und Musik für Filme komponiert. Für mich war Ludwigsburg ein inspirierender Ort – und die Studierenden ein Kontrast zu meinem Stuttgarter Umfeld.

Woher nehmen Sie und die Mitglieder des Zentrums den Mut für Ihre Aktionen?

Aus dem Gefühl heraus, dass man etwas tun muss. Der Mut wird natürlich unterstützt durch die Größe des Kollektivs, die das ZPS ausmacht. Und wir haben auch ein Vertrauen in den Rechtsstaat. Unsere Aktionen sollen Mut machen. Trotz Morddrohungen, die wir nach der Höcke-Aktion vielfach erhalten haben, fühle ich mich in Deutschland als Künstlerin geschützt. Unser Mut ist nicht zu vergleichen mit beispielsweise den Aktivist*innen von Pussy Riot, die in einem Unrechtsstaat künstlerische Aktionen machen. Unsere Aktion sollen Mut machen, auch aktiv zu werden.

Wie gehen Sie persönlich mit den Morddrohungen um?

Die Morddrohungen sind immer anonym, trotzdem bringe ich jede zur Anzeige. Meine Arbeit als Künstlerin beeinträchtigen sie nicht.

Würden Sie für Ihre Aktionen auch ins Gefängnis gehen?

Wenn die AfD das Land regieren würde, weiß ich nicht, wozu ich alles bereit wäre.

Die Aktion um den AfD-Rechtsausleger Björn Höcke in Thüringen hat dem Zentrum für Politische Schönheit auch viel Kritik eingebracht, weil Sie den Politiker beschattet haben sollen. Würden Sie das so noch einmal machen?

Unsere Behauptung, ihn beschattet zu haben, sollte die Arbeit des Verfassungsschutzes kritisieren, die den NSU so lange hat schalten und walten lassen. Eine Gesellschaft muss eine Antwort darauf finden, wie sie mit rechtsradikalen Kräften umgeht. Und diese Kritik würde ich auch heute noch so äußern.

Künstlerische Provokationen am Rande der Legalität

Vita
Cesy Leonard (35) ist Künstlerin, Filmemacherin und Chefin des Planungsstabs des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS). Migration ist ein Thema, das sich durch ihre Biografie zieht: ihre Mutter stammt aus Magdeburg, ihr Vater aus Melbourne. Beide flohen aus der DDR und ließen sich in Stuttgart nieder, wo Leonard geboren wurde, aufwuchs und in der Hip-Hop- und Graffiti-Szene aktiv war. Später studierte sie Schauspiel in Berlin und arbeitete als Schauspielerin in Theater und Film, ehe sie selbst anfing, Regie zu führen. Ein kritisches Internetvideo auf Youtube zu Praktiken der Deutschen Bank („Schuld. Die Barbarei Europas“) gewann im Jahr 2012 den Web Video Award.

Gruppe
Das Zentrum für Politische Schönheit ist ein Zusammenschluss von Aktionskünstlern rund um den deutsch-schweizerischen Philosophen Philipp Ruch, die politisch brisante Themen provokativ aufgreifen. In der Öffentlichkeit sind ihre Aktionen zum Teil hoch umstritten, da sie nicht selten am Rande der Legalität operieren. Kritiker werfen ihnen daher Polit-Aktivismus vor. Dennoch bezeichnen sich die Mitglieder des Zentrums selbst als Künstler, nicht als Aktivisten.

Aktionen
Das ZPS schaffte es mit vielen Aktionen in die öffentliche Wahrnehmung. So montierten die Mitglieder Kreuze ab, die neben dem Reichstag in Berlin an die deutschen Mauertoten erinnern, und verlegten sie an die Außengrenze der Europäischen Union („Erster europäischer Mauerfall“); oder sie brachten die Leichname anonym verscharrter Flüchtlinge nach Deutschland und begruben sie hier („Die Toten kommen“). Die wohl bekannteste Aktion dürfte aber jene gewesen sein, bei der sie Ende November 2017 vor dem Haus des AfD-Rechtsauslegers Björn Höcke in Thüringen eine verkleinerte Reproduktion des Berliner Holocaust-Mahnmals errichteten. Die Mitglieder des ZPS gaben an, bereits Monate zuvor mit der Überwachung von Höcke begonnen zu haben. Inwiefern sie das tatsächlich getan haben, ist bis heute unklar.

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