In einem Showcar zeigt Bosch, wie Autofahrer sich künftig immer stärker über das Internet vernetzen können. Foto: Bosch

Der Megatrend der CES 2016 in Las Vegas ist die Vernetzung von Gebrauchsgütern, Häusern und Autos mit dem Menschen. Dazu nutzt der Verbraucher sein Smartphone – oder zieht sich die passende Technik über die Haut.

Stuttgart/Las Vegas -

US-Elektroautos

Das Batmobil: Elektroauto-Neuling Faraday Future bietet mit dem Supersportwagen Zero 01 einen einsitzigen futuristischen Prototypen. Er soll auf eine Leistung von 1000 PS kommen. Foto: dpa

Seit dem letzten Jahr, als Daimler seinen futuristischen Protoypen F015 autonom nach Las Vegas fahren ließ, haben die Autobauer auf der Unterhaltungselektronik-Show CES den größten medialen Aufschlag. In diesem Jahr erregt ein Elektrowagen Auf­sehen – der Supersportwagen Zero 01 von Faraday Future. Das kalifornische Unternehmen, das sich vor allem mit Geldern aus China finanziert, stellte die Studie eines extrem flachen Einsitzers vor, der binnen drei Sekunden auf 100 Stundenkilometer beschleunigen soll. Das Auto folgt dem Trend zur Vernetzung und soll auch diverse autonome Fahrfunktionen bieten, Genaueres teilte der Hersteller nicht mit. Doch auch wenn die Markteinführung „ein paar Jahre“ dauern werde, erwächst mit Faraday Future ein Konkurrent im überschaubaren Elektroauto-Geschäft und nach Tesla, Apple und Google ein vierter Neuling der Autobranche aus dem Silicon Valley. In einigen Wochen sei Baubeginn für die rund eine Milliarde Dollar (930 Millionen Euro) teure Fabrik in der Nähe von Las Vegas.

General Motors prescht in der Zukunft des Fahrens vielleicht am weitesten vor. Die Opel-Mutter steigt für 500 Millionen Dollar (463 Millionen Euro) beim Start-up Lyft ein, das mit dem Fahrdienstvermittler Uber ­konkurriert. Ziel ist es, bis in zehn Jahren eine Flotte von autonom fahrenden Fahr­zeugen aufzubauen, die gemietet werden können. Die laut Medienberichten erwartete Kooperation zwischen Ford und Google bei selbstfahrenden Autos wurde nicht verkündet. Ford-Chef Mark Fields betonte, man wolle das eigene Testprogramm mit Roboterautos massiv ausbauen. Für Google wäre es die erste weitreichende Zusammenarbeit mit einem Autobauer gewesen.

VW-Elektroauto

Der Internet-Bulli: Die VW-Studie Budd-e bietet ein Elektroauto, dessen Akku für rund 500 Kilometer Fahrstrecke reichen soll. Foto: AP

Volkswagen-Markenchef Herbert Diess stellte einen Elektrowagen vor, der den legendären Bulli ins Internet-Zeitalter führen könnte. Budd-e ist er genannt, was auch an „buddy“ (englisch für Kumpel) erinnert. ­Natürlich folgt auch er dem Trend, Autos zu rollenden Smartphones zu machen, und ist umfassend über das Internet vernetzt. So könne man aus dem Cockpit in den Kühlschrank schauen oder sehen, wer zu Hause an der Tür klingle. Postpakete könnten von dem Boten in einem speziellen Fach unter dem Kofferraum abgelegt werden, so Diess. Die Akkus sollen bis zu 500 Kilometer halten. Das Auto könnte zum Ende des Jahrzehnts auf die Straße kommen.

Auch BMW setzt auf Vernetzung im Wageninneren. Die Bayern experimentieren mit Kameras als Ergänzung oder Ersatz für die Spiegel. So können anstelle von Außen- und Rückspiegel drei Kameras den Rückraum des Wagens beobachten und deren Bilder auf einem Monitor zusammengefügt werden. Der Innenspiegel würde damit zum Bilder-Screen, auf der auch Warnhinweise eingeblendet werden könnten.

Totale Vernetzung

Sensoren-Gigant: Bosch ist Weltmarktführer bei Sensoren. So werden Beschleunigungssensoren in vielen mobilen Fitnessanwendungen genutzt. Foto: Bosch

Autos über das Internet vernetzt, sondern auch immer mehr Haushaltsgeräte, Heizungen, Industrieanlagen und sogar ganze Städte. Bosch möchte in der vernetzten Welt weltweit zu einem der führenden Anbieter werden. „Wir decken alles ab – und wir bieten dafür ein Betriebssystem aus einem Guss“, heißt es. Tatsächlich hat der Konzern in seiner jüngst ausgegliederten Tochter für das vernetzte Heim eine App am Start, die Backofen, Kühlschrank, Kaffeevollautomat und viele weitere Haushaltsgeräte verbindet. Mit einer weiteren App sollen sukzessive weitere Alltagsanwendungen mit dem Smartphone steuerbar sein. Künftig, erklärt ein Sprecher, sehe der Verbraucher auf der Autofahrt von Stuttgart nach Karlsruhe über die Navi-App in Echtzeit, ob ein Sturm aufkomme. Meldete jetzt das vernetzte Heim, dass die Wohnzimmerfenster noch gekippt sind, könnten diese über das Internet geschlossen werden.

Bosch ist Weltmarktführer bei Sensoren und fertigt rund vier Millionen Stück täglich – etliche stecken auch in Produkten, die in Las Vegas präsentiert werden. Viele Her­steller zeigen Neuheiten, die nicht jeder für so relevant halten wird wie etwa einen elektronisch aufgerüsteten Backofen. Der Duschkopf ­Hydrao des französischen Unter­nehmens Start&Blue blinkt rot, wenn man mehr als 50 Liter Wasser verbraucht. Der Geruchs­wecker Sensorwake bietet zum ­Aufwachen sechs Düfte an, darunter Dschungel, Kaffee und Schokolade – und als traditionelle Alternative noch den akustischen Alarm. Ob etwas davon auch den Weg in die Region findet? Nach Branchenschätzungen werden bis zum Jahr 2020 voraussichtlich in einer Million deutscher Haushalte intelligente und vernetzte Sensoren oder Geräte eingesetzt.

Technik zum Anziehen

Technik-Schmuck: Frauen sind die neue Zielgruppe, was die Wearables angeht. Die schnöden Fitnessarmbänder und Foto: Wisewear

Die Technik zum Anziehen – Wearables genannt – wird schon seit einigen Jahren zum Branchentrend ausgerufen, hat es bisher aber nur ansatzweise in den Massenmarkt geschafft. Spezialanbieter wie Fitbit oder Smartphone-Produzenten wie Samsung versuchen in Las Vegas Fitnessarmbänder, Computeruhren und intelligente Textilien unter die Kunden zu bringen. Die Präsentation von Apples eleganter Computeruhr im Herbst vergangenen Jahres hat der als technik- und männerlastig geltenden Branche Schwung verliehen. Auch deshalb umwerben die Anbieter Frauen als Zielgruppe mit besonders schicken Produkten.

Das Armband von Wisewear kann wie viele andere Bänder auch Schritte, Kalorien und Wegstrecke messen sowie – mit dem Smartphone gekoppelt – Text- und E-Mail-Nachrichten anzeigen. Es lässt sich vor allem von einem hochwertigen Schmuckband kaum unterscheiden. Huawei kooperiert mit Swarovski, um seine neuen Computeruhren „Jewel“ und „Elegant“ an das Frauen­handgelenk zu bringen – Dutzende von glänzenden Zirconia-Steinen umranden die Smartwatch. Ein britischer Analyst hat dafür das Wort „Jewellification“ geschaffen – was man mit „Verschmucklichung“ übersetzen ­könnte. Wearables erreichen im Übrigen immer mehr Körperteile: Neben den fast schon gängigen Fitness-T-Shirts, die unter anderem die Herzfrequenz messen, gibt es den smarten Büstenhalter der kanadischen Firma OmSignal. Dieser misst neben der Atmung auch die verbrauchten Kalorien.

Nach Bitkom-Daten lag der Absatz für Smartwatches und Fitnesstracker in Deutschland im vergangenen Jahr bei 1,72 Millionen Geräten und brachte Umsätze von 240 Millionen Euro.

Virtuelle Realität

Virtuelle Brillen: Nur wenige Foto: dpa

Nachdem das Geschäft mit den Wearables Fahrt aufgenommen hat, versucht die Branche, bei den Kunden das Verlangen nach speziellen 3-D-Brillen zu steigern. Mit diesen können die Nutzer bildlich in virtuelle Räume eintreten. Mit Augen und Kopfbewegungen lassen sich diese ausmessen. Die Hersteller versprechen einen Sprung aus dem Alltag und den Eintritt in neue (Fantasie-)Welten. In Las Vegas sind Sonys Playstation VR und die Vive von HTC im Gespräch. Eine günstige Alternative hat bereits Samsung mit der Gear VR entwickelt, bei der das Smartphone als Bildschirm dient. Facebooks Brille Oculus Rift kann seit Mittwoch vorbestellt werden. Die Rechenleistung der Brillen ist enorm gestiegen, doch etliche Nutzer haben schon nach kurzer Zeit ein leichtes Schwindelgefühl beim Tragen, auch weil das virtuelle Sehen und reale Stehen nicht so einfach auszubalancieren sind. Deshalb wird es eine besondere Herausforderung sein, auch ein längeres Seherlebnis benutzerfreundlich zu gestalten. Das Rennen um die passende Software ist schon im Gang. Facebook lässt bereits in einem ­eigenen Studio Kurzfilme für seine Brille drehen.

Ob die Branche aus dem Hype auch ein Geschäft machen kann, wird sich in diesem Jahr zeigen. Die Marktforscher von Juniper Research sprechen von einer „Wasserscheide“ und erwarten einen Dreikampf zwischen Facebook, Sony und HTC. Das Software­angebot werde zunehmen, und die Preise würden fallen – bis 2020 könnten weltweit 30 Millionen Brillen verkauft werden.

Hintergrund: Die CES in Las Vegas

Die Technikmesse in Las Vegas wurde offiziell am Mittwoch eröffnet. Mehr als 3600 Aussteller zeigen noch bis 9. Januar mehr als 20 000 Neuheiten. Nicht alle von ihnen kommen in den Handel. Die Messe rechnet in diesem Jahr mit einem neuen Besucherrekord. Im vergangenen Jahr kamen rund 170 000 Fachbesucher.

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