Keine leichte Aufgabe für Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir in Ellwangen, der bei einer Bauernkundgebung eine Rede hält. Er sei schon ein Schaffer, hieß es hinterher im Publikum – und irgendwie auch „eine arme Sau“.
Ellwangen ist nicht gerade ein Mekka für Politiker der Grünen. Mit sechs Mitgliedern ist die Gemeinderatsfraktion gerade einmal halb so groß wie die der CDU, und als Parteivorsitzende Ricarda Lang im Sommer vor zwei Jahren vorbeikam, da wurde sie von aufgebrachten Menschen so bedrängt, dass man sie durch den Hinterausgang eines Lokals in Sicherheit bringen musste. Es ist also alles andere als ein Heimspiel, das sich Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir ausgesucht hat, um zu den Bauern zu sprechen. Wobei im Augenblick kaum ein Politiker ein Heimspiel hat, wenn er auf Bauern trifft. Fast keiner, doch dazu später mehr.
Künftiger Landesvater?
Aber es passt halt so schön. Am Mittwoch ist in Ellwangen der letzte Tag des Kalten Marktes gewesen, eine Mischung aus Volksfest, Krämermarkt und Pferdeschau mit vielen hundert Jahren Tradition. Und Özdemir, so scheint es zumindest, tourt im Augenblick noch lieber durchs Ländle als ohnehin. Bei der Sektion Ostalb des Landesbauernverbandes war man sich daher die ganze Zeit über sicher, dass der Minister auf keinen Fall einen Rückzieher machen werde. Schließlich strebe der nach Höherem, sagt der Geschäftsführer. Eine Bestätigung dafür, dass Cem Özdemir ganz gerne Winfried Kretschmann in der Rolle als Landesvater beerben will, ist das freilich nicht. Aber es ist ein Stück weit ein Einblick darin, was man im Volk so denkt.
Die größte Demo, die Ellwangen je gesehen hat
Und das Volk will wissen, was der Minister so denkt. Die 700 Plätze in der Stadthalle waren schon eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung picke packe voll, und als die Sicherheitsmannschaft die Türen schloss, sammelten sich draußen noch einmal so viele Menschen, vielleicht sogar ein wenig mehr. Dort hat Anton Wagner eine Demonstration angemeldet. Wohl die größte, die Ellwangen jemals gesehen hat, wird er später sagen. Der Kartoffelbauer hatte jedenfalls keine Schwierigkeiten seine Kollegen herbeizurufen. Die Whats-App-Gruppe sei mit 1024 Teilnehmern binnen eines Tages voll gewesen, erzählt Wagner. Mehr lasse die Technik nicht zu. Bei der zweiten Gruppe dauerte es nicht viel länger, ehe die elektronischen Pforten schlossen.
„Ihr braucht uns doch“
Wenn Bauern wollen, dann können sie dank eben dieser Vernetzung innerhalb weniger Stunden das öffentliche Leben lahmlegen. In Ellwangen ging auf den Hauptachsen nicht viel an diesem Mittwochmorgen, das Hariolf-Gymnasium beschloss, auf den regulären Unterricht zu verzichten – und ermöglichte so einer Gruppe von angehenden Abiturienten , den Altersschnitt in der Stadthalle massiv zu senken. Die Bauern können sich aber auch absprechen, dass alles in geordneten Bahnen verläuft. Dass Rettungsgassen frei bleiben und der Zufahrtsweg für den Minister. Auch das hat geklappt, bestätigt die Polizei am Nachmittag. „Aus polizeilicher Sicht: ruhig, entspannt, friedlich und extrem kooperativ“, so die Einsatzleitung.
Man hat sich daran gewöhnt. Was die Bauern wollen, was sie bedrückt, das steht wie immer an ihren Traktoren. Mal mit humoristischer Freiheit „Keine Flugsteuer, dafür Pflugsteuer“, mal fast schon flehentlich „Ihr braucht uns doch“. Wie viele andere auch ist Johannes Meyer aus dem benachbarten Bayern herübergekommen. Und wie der Landwirtschaftsminister schon am Vorabend bei einer Veranstaltung in Heilbronn erklärt, so sieht es auch der Landwirt: Die Sache mit der Dieselsteuer, die habe das Fass nur zum Überlaufen gebracht. Düngemittelverordnung, Umbauten für den Tierschutz, Ausgleichsmaßnahmen, weniger Zuschuss für die Krankenversicherung, dafür immer mehr Bürokratie – jetzt reiche es einfach.
Das Wort, das im Saal und davor immer wieder die Runde macht: Planungssicherheit. Ein neuer Stall koste so viel wie manch ein Eigenheim, sagt der Milchbauer aus Bayern, das rechne sich nur auf 30 Jahre. Wenn sich dann nach zwei Jahren die Vorschriften wieder ändern, dann stehe man dumm da. Das wolle er gar nicht dem Landwirtschaftsminister anlasten, auch nicht der Ampel. Und dann fällt der Name des Mannes, der die Bauern wohl versteht: Hubert Aiwanger.
Özdemir verspricht für die Bauern zu kämpfen
Wer sich umhört im Foyer, der hört den Namen immer wieder. Alles mache der auch nicht richtig, sagt Johannes Meyer, aber für die Landwirte, da sei er schon recht. Abends zuvor war der bayerische Wirtschaftsminister bei Sandra Maischberger im Fernsehen. Am 20. Januar wird er nach Ellwangen kommen. Auf Einladung von Anton Wagner. Der Kartoffelbauer, der die Demo vor der Halle ins Leben gerufen hat, ist sich sicher: „Wenn wir hier einen wie den Aiwanger hätten, dann wüßten wir, wen wir wählen sollen.“ Zur Vollständigkeit sei gesagt, dass auch Wagner bei den Freien Wählern engagiert ist.
Und Cem Özdemir? Der aktuelle Landwirtschaftsminister des Bundes wurde in der Stadthalle von einer Minderheit mit Buh-Rufen und Trillerpfeifen empfangen, eine noch kleinere Minderheit versuchte es mit Applaus. Die Klatscher bekamen im Laufe der Veranstaltung die Oberhand, die Buh-Rufe gingen nahezu auf Null zurück. Und nach dem Ende gab es in der bitteren Kälte des Kalten Marktes durchaus vereinzelt Anerkennung und gelegentlich Mitleid für den Minister zu hören. Er sei schon ein Schaffer hieß es da, und irgendwie auch „eine arme Sau“ – weil er ja auch nichts für das könne, was da aus Brüssel komme.
Özdemir hatte immer wieder erklärt, dass er nicht mit den geplanten Subventionskürzungen einverstanden sei, dass er davor gewarnt habe, aber nicht gehört worden sei. Er versprach für die Bauern zu kämpfen, ohne all deren Forderungen erfüllen zu können. Und er blieb nach der Veranstaltung im Saal noch eine halbe Stunde reglos in der Kälte stehen, um sich die Sorgen, Nöte, Forderungen und Wünsche der demonstrierenden Bauern anzuhören. Da ging es sehr detailliert um den Platz für Sauen im Stall oder die Feinheiten der Geruchsemissionsrichtlinie.
Die Szenerie warf ein Schlaglicht darauf, wo gerade das eigentliche Problem ist in Deutschland. Die Bauern standen auf einem Lastwagen mit improvisierter Bühne, der Minister auf einem noch improvisierteren Podium, rund 80 Meter davon entfernt. Dazwischen die Menschen, um die es geht – ein Gespräch über Lautsprecher und hunderte Köpfe hinweg. Noch einmal argumentierte Özdemir, dass auch er viele Probleme geerbt habe und seine Möglichkeiten beschränkt seien. Aber mehr als einmal war im Publikum zu hören: „Ach die in Berlin, sind doch eh alle gleich“.