Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir wirft der Kanzlerin Planlosigkeit vor und attackiert den Chef-Liberalen Lindner als „Zauberlehrling“ der Außenpolitik. Den Standort Deutschland will er ökologisch modernisieren. Wie, das verrät er im Interview.

Berlin - Cem Özdemir setzt im Wahlkampf auf ökologischen Reformeifer gepaart mit ökonomischer Vernunft.

Herr Özdemir, sind Sie sauer, weil die Kanzlerin nach der Rückkehr aus dem Urlaub den zweiten Diesel-Gipfel angekündigt und den Autobossen die Leviten gelesen hat?
Nein, das war höchste Zeit. Wir haben schon lange gefordert, dass Frau Merkel den Diesel-Skandal zur Chefinnensache macht und das Thema ihrem überforderten Verkehrsminister Dobrindt entzieht. Es war von vorne herein klar, dass dieser erste Gipfel nur ein Einstieg sein kann. Wir brauchen bessere Luft in den Städten und eine Perspektive fürs abgasfreie Auto.
Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite heißt: Jetzt wo Merkel sich kümmert, muss kein Mensch mehr die Grünen wählen.
Merkel handelt bei der Diskussion um das Aus für den fossilen Verbrennungsmotor – wie übrigens auch beim Atomausstieg – nach der Devise: Zu wenig, zu spät und dann planlos. Wir dagegen fangen rechtzeitig an und gestalten den Wandel zum emissionsfreien Fahren mit einem klaren Ordnungsrahmen. Damit fährt die Wirtschaft, die Menschen und das Klima besser. Ich habe eine parteiübergreifende Zukunftskommission für saubere Automobilität vorgeschlagen, die sich nicht nur um die Altlasten kümmert, sondern nach vorne schaut. Mein Wort gilt. Frau Merkel ist eingeladen, einzuschlagen, wenn sie es ernst meint, dann können wir sofort loslegen.
Die Bürger kreiden Merkel das Holterdipolter nicht an.
Angesichts von Trump, Erdogan, Putin und den rechtsnationalen Nachbarregierungen wie in Polen oder Ungarn kann ich verstehen, wenn Angela Merkel manchem fast wie eine Lichtgestalt erscheint. Aber wenn man an der Oberfläche kratzt, ist der Lack schnell ab.
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