Ministerpräsidenten-Kandidat Cem Özdemir betont beim Wirtschaftsdialog in Sindelfingen das Potenzial regionaler Unternehmen. Und: Der Grüne distanziert sich vom Stil des Bundeskanzlers.
Mercedes-Benz, IBM oder Ritter – im Kreis Böblingen sind große Namen der Wirtschaft angesiedelt. Die Frage, ob sie und die zahlreichen kleinen und mittelständischen Firmen, die den Kreis zu einem der wirtschaftsstärksten Deutschlands machen, auch in Zukunft bestehen können, beschäftigt nicht nur die Firmen selbst und Lokalpolitiker. Auch Ministerpräsidenten, oder solche, die es werden wollen, müssen Antworten präsentieren, wie sie demografische Veränderungen, die Klimakrise oder die Digitalisierung meistern wollen.
So war es auch am Mittwochabend in der Stadthalle Sindelfingen. Der Spitzenkandidat der Grünen für die Landtagswahl 2026, Cem Özdemir, betont beim „Wirtschaftsdialog“ das Potenzial der baden-württembergischen Unternehmen, sich im globalen Wettbewerb zu behaupten. Damit wollte der Ex-Grünen-Chef vor lokalen Unternehmern und Verbänden nicht nur seine Verbundenheit mit dem Wirtschaftsstandort verdeutlichen, er wollte auch signalisieren: Wir Grünen haben Wirtschaftskompetenz. In Umfragen ist Özdemirs Partei derzeit klar hinter dem Koalitionspartner, der CDU.
Baden-Württemberg als Batterie-Produktionsort?
„Wenn ich ausländische Unternehmen sehe, die Zukunftstechnologien verkaufen, denke ich, das können wir in Baden-Württemberg auch“, sagt Özdemir. Der Bad Uracher schlägt deshalb vor: „Das nächste Technologieprojekt soll hier entstehen. Das könnten Batterien sein. Die werden aktuell in China gebaut. Warum machen wir das nicht?“ Mit politischer Unterstützung könnten zukünftig wieder Erfolgsmodelle aus dem Ländle kommen, ist der Grünen-Spitzenkandidat sicher: „Wir dürfen nicht vergessen: Bosch, Porsche, Mercedes – das sind Firmen, die hier starteten, praktisch auch als Start-ups“, so Özdemir. Gerade die deutsch-französische Kooperation bei Airbus hätte gezeigt, dass Konkurrenten auch aus den USA wirtschaftlich Paroli geboten werden könne.
Die Arbeitsplätze der Zukunft müssen allerdings nicht nur in global agierenden Konzernen, sie können auch beim Handwerks- oder Einzelhandelsbetrieb um die Ecke liegen. Viele kleinere Firmen sind mittlerweile ein wichtiges Zahnrad im globalisierten Getriebe – so zum Beispiel Handwerksbetriebe bei der Energiewende. Nicht nur Vertreter von IHK und Handwerkskammer, sondern auch der Unternehmer Harald Grumser wünschen sich mehr Aufmerksamkeit für zukunftsträchtige Wirtschaftszweige. Angesichts des Personalabbaus, den Mercedes-Benz vollzieht, sieht Grumser auf den Kreis Arbeitslosenzahlen von mindestens fünf Prozent plus zukommen: „Eines ist klar: Die Automobilbranche wird nicht mehr wachsen. Wir müssen Start-ups länger fördern. Hier liegt im Hinblick auf Beschäftigung und Wohlstand Potenzial.“
Klimaschutz hilft auch der Wirtschaft
Bereits jetzt gebe es im sogenannten Green Tech-Bereich lokale Start-ups, die nach Aufbau und Konsolidierung mehr politische Unterstützung bräuchten, sagt die gerade von der Weltklimakonferenz in Brasilien zurückgekehrte Landesumweltministerin Thekla Walker (Grüne). „Klimapolitik ist auch Wirtschaftspolitik und eine Investition in Wohlstand und Lebensqualität. Wenn wir bei der Energiewende immer nur die Kosten sehen, statt die Chancen, werden wir es nicht schaffen“, beklagt Walker. Hier könnten auch Unternehmen aus dem Kreis Böblingen eine Vorreiterrolle übernehmen: „Wir sind eine globale Marke.“
Das positive Image, das Deutschland weltweit habe, wurde in Brasilien allerdings getrübt. Verantwortlich dafür sei die „ehrabschneidende“ Äußerung des Bundeskanzlers Friedrich Merz (CDU) gewesen. Dieser hatte bei der Weltklimakonferenz die Gastgeberstadt Belém als Ort bezeichnet, von dem alle weg wollten. „Wir von der baden-württembergischen Delegation haben uns dafür bei den Brasilianern entschuldigt. Wieso stößt man Menschen, mit denen man kooperiert, so vor den Kopf?“, fragt Thekla Walker. Auch Cem Özdemir macht deutlich, dass er den Kommunikationsstil des Kanzlers nicht nachvollziehen könne: „Solche Äußerungen zahlen nur beim politischen Rand ein. Ich wäge immer jedes einzelne Wort ab. Ich verstehe nicht, wie man in den heutigen Zeiten solche spaltenden Kommentare abgeben kann.“
Gesellschaftspolitisch auf Distanz zum politischen Gegner
Doch nicht nur von Friedrich Merz distanziert sich der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister, auch das kürzlich geäußerte Plädoyer von Ministerpräsidenten-Konkurrent Manuel Hagel (CDU), mehr Syrer abzuschieben, kritisiert Özdemir: „Ich teile das nicht. Wir hätten ein massives Problem im Handwerk, in der Industrie, im Gesundheitswesen, wenn wir die Menschen einfach wegschicken würden. Und ich spreche nicht von straffällig gewordenen Personen und Schwerverbrechern. Die entziehen sich oft der Abschiebung. Das können und müssen wir besser machen. Oft trifft es nämlich die Falschen.“