CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel spricht in Holzgerlingen zu seiner Stammwählerschaft. Dabei geht es fast ausschließlich um eines: Die Wirtschaft.
Den Ort für ihren Wahlkampf-Höhepunkt dürfte die CDU-Kandidatin Regina Dvořák-Vučetić mit Bedacht gewählt haben: Die Werkstatthalle und zugleich der ehemalige Stammsitz des Holzgerlinger VW-Autohauses Maurer direkt an der B 464. Ein Ort, in dem schwäbischer Fleiß und die Liebe zum Automobil groß geschrieben werden. CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel fühlt sich darin sichtlich wohl und erscheint pünktlich. Allerdings versaut er dem Gastgeber Thomas Maurer gleich die erste Pointe.
„Eigentlich wollte ich sagen, Sie sind uns herzlich willkommen, auch wenn Sie mit dem Mercedes kommen“, scherzt der. Tatsächlich fuhr Hagel in einer schwarzen Audi-Limousine vor. Auch recht. Der 37-Jährige ist neun Tage vor der Wahl zu Scherzen aufgelegt, zeigt keine Anzeichen von Nervosität. Die allerdings grassiert durchaus in der Südwest-CDU, haben sich die Grünen doch auf zwei Prozentpunkte in den Umfragen herangearbeitet.
Nur noch zwei Prozent Abstand zwischen CDU und Grünen
Demoskopen sehen die Ökopartei mit Kandidat Cem Özdemir bei 25 Prozent Zustimmung, Hagels CDU bei nur noch 27. Dieses Dahinschmelzen des einst satten Elf-Prozent-Polsters so kurz vor der Wahl lässt die Alarmglocken schrillen. Doch Hagel ist die Ruhe selbst. Angekündigt war ein Gespräch zum Thema Ausbildung und der Stärkung von Handwerk und Mittelstand, konservative Kernthemen, sicheres Terrain.
In der Werkshalle bringt Hagel das viele Sympathien ein, den ersten Applaus gibt es hierfür: „Benz und Daimler haben das Auto nicht erfunden, weil ihnen einer eine Kutsche verboten hat. Wenn Politik beginnt, Moral in Gesetze zu gießen, dann ist das ein Irrweg.“ Dieser Seitenhieb ging klar in Richtung des Noch-Koalitionspartners von den Grünen. Überhaupt lässt Hagel an denen kaum ein gutes Haar.
„Wir sind doch mit der Muffe gepufft, wenn wir die beste Technologie verbieten, und dann wird sie in Indien oder einem anderen Schwellenland gebaut“, sagt er und meint hochmoderne Verbrennungsmotoren. Die konnte Bundeskanzler Friedrich Merz jüngst bei seinem Staatsbesuch in Indien erleben, erzählt Hagel. Es treibe ihn um, dass die Politik der Wirtschaft viel zu sehr misstraue: „Nicht Verbote von Technologie sind die Lösung, sondern Gebote.“
Baden-Württemberg müsse sein Potenzial endlich wieder entfesseln, dieses fleißige, sparsame und damit einst so erfolgreiche Land, sagt er. „Aus einer Rezession kann man sich nicht herausschrumpfen, sondern nur herausarbeiten.“ Hagel fordert „endlich wieder eine positive Erzählung von unserer Zukunft.“ Im Automobilsektor seien in diesem Jahr bereits tausende Arbeitsplätze vernichtet worden. „Wenn das so weitergeht, fallen bis Ende des Jahrzehnts bis zu 60 weitere Prozent im Sektor Auto und Maschinenbau weg“, sagt er. Der großen Sorge des weiteren Abschmelzens automobiler Industriezweige begegnet er mit Erfolgsgeschichten – aus der Verteidigungsindustrie.
„Rolls-Royce Power Systems in Friedrichshafen stellt massenhaft Leute ein, die haben sich diversifiziert im Verteidigungssektor.“ Dort brumme das Geschäft. Überhaupt sei die Branche in Baden-Württemberg stark im Wachsen mit Namen wie Heckler und Koch, Diehl oder Hensoldt.
Meister und Master gleichstellen
Ein Schlüssel sei außerdem die Stärkung der Ausbildung und der handwerklichen Berufe im Land: „Der Meister muss dem Master gleichgestellt werden“, fordert Kandidatin Dvořák-Vučetić. Die Meister-Ausbildung solle zudem gebührenfrei werden, Azubis Vergünstigungen erhalten über ein Herzensprojekt von Hagel: die Azubi Card. Die funktioniert wie ein Studentenausweis. Im Saal sitzen einige Auszubildende, auch aus anderen Betrieben, sie applaudieren kräftig.
Die Stärkung von Mittelstand und beruflicher Bildung sei sein erklärtes Ziel, schwört Hagel das Publikum ein: „Ich habe genug von der Grünen Jugend, die – ohne einen Tag gearbeitet zu haben – dem Land erklären will, wo es langgehen soll.“ Wieder brandet Applaus auf. Es ist seine Strategie, vor allem auf Wirtschaftsthemen zu setzen, wenngleich das Wirtschaftsministerium seit zehn Jahren fest in schwarzer Hand ist. In Holzgerlingen verfängt sie.
Zu der aktuellen Aufregung um das acht Jahre alte Video, in dem er nach eigenen Worten „Mist“ erzählt habe, verliert der Spitzenkandidat (fast) kein Wort. Nur, als er eine klare Empfehlung für Dvorak-Vucetic abgibt, macht er eine Bemerkung: „Ich bitte um Ihre Stimme für Regina, weil sie sich nicht die Frage stellt, was funktioniert in der Schlagzeile gut, sondern, was macht das Leben besser?“ Das mit den Schlagzeilen, das „ mache ich ja gerade auch ein bisschen mit.“
In der CDU zählt man jetzt schon die Stunden bis zum Wahlabend. „Helfen Sie mit, dass wir die 200 Stunden bis zur Wahl noch bestmöglich nutzen“, sagt CDU-Kandidat Albrecht Stickel zum Abschluss. Er kämpft im benachbarten Wahlkreis Leonberg-Herrenberg um das Direktmandat. So ganz frei von Nervosität scheint man bei den Christdemokraten also doch nicht zu sein.