Norbert Röttgen, Friedrich Merz und Foto: AFP/Michael Kappeler

Der Dreikampf um den CDU-Vorsitz nimmt Fahrt auf – und ist für Überraschungen gut. Ein Sieg Norbert Röttgens hätte wohl die von der Mehrheit der Partei als Vorteil eingeschätzte Folge, auf eine komplikationsarme Entscheidung für CSU-Chef Markus Söder als Kanzlerkandidat hoffen zu können, meint StN-Kommentator Wolfgang Molitor.

Berlin - Kennen Sie Hermann Hesse? Auf die Frage reagieren viele in der CDU immer öfter mit einem gequälten Lächeln. Denn sie wissen genau, was danach kommt. Oft Zitiertes. Es ist das Dichter-Wort, wonach jedem Anfang ein Zauber innewohne, „der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“. Mitte Januar müssen sich die Christdemokraten auf einem virtuellen Parteitag entscheiden, was das für ein Anfang ist, der für die Partei aufrüttelnd und verstörend zugleich sein dürfte. Denn soviel zeichnet sich ab: Für wen sich die 1001 Delegierten auch entscheiden – der neue Vorsitzende wird eine Partei zu führen haben, die nicht so recht weiß, wo ihre Reise im Bundestagswahljahr eigentlich genau hingehen soll.

 

Kramp-Karrenbauer greift Merz an

Vordergründig geht es um bisher drei Personen, die durchaus unterschiedliche Akzente setzen. Friedrich Merz, der Wiedereinsteiger, steht für einen behutsamen, aber sichtbaren konservativen Schwenk, für Wirtschaftskompetenz und Werte. Und ja, auch für eine fein formulierte Renitenz gegen den bisherigen, mit einem Schuss Kramp-Karrenbauer gewürzten Parteiapparat Merkel’scher Prägung. Womit er sich jüngst den spitzen Hinweis der ansonsten untergetauchten Überbrückungsvorsitzenden einhandelte, der neue Vormann müsse Antworten auf die Fragen von 2021 und nicht aus den 80er Jahren geben. Verbunden mit dem wohl nur formal alle drei Kandidaten betreffenden Verdruss, dass aus einem fairen ein rückwärtsgewandter, geradezu „zerstörender“ Wahlkampf geworden sei. Eine Sichtweise, die nicht nur bei einem wie Wolfgang Schäuble auf Unverständnis stößt.

Laschet will Merkels-Kurs fortsetzen

Noch gilt Merz als Favorit. Doch es kommt Bewegung auf. Armin Laschet verliert in Umfragen an Boden und Norbert Röttgen Scheint es zu gelingen, wieder Wahrnehmung und Anschluss zu finden. Nur: Was bedeutet das das für die Zukunft der CDU? Und ihre Bündnisoptionen? Noch gelingt es der Partei, den Kampf um den Auswahlprozess nicht als Richtungswahl plakatieren zu lassen. Doch es ist fraglich, ob sie das durchhalten kann.

Armin Laschet jedenfalls wirbt – wenngleich vom Vorwurf lädiert, sein Sohn habe die politische Stellung seines Vaters zu einer millionenschweren Schutzmaskenkungelei ausgenutzt – tapfer und ohne klaren Gedanken, doch mit Jens Spahn zu tauschen, um die Fortsetzung des Merkel’schen Kurses. Der Ministerpräsident preist sich als „die Kraft der Mitte“, gegen Polarisierung, für Zusammenhalt statt Spaltung für das Wiedersichtbarmachen der ganzen Partei-Bandbreite. Und mit Blick nach Sachsen-Anhalt als entschiedener Gegner jedweder Verständigungsnähe zur AfD – selbst bei ähnlicher oder gar nachvollziehbarer Interessenlage wie bei der Anhebung der Rundfunkgebühren.

CSU-Chef Söder als Kanzlerkandidat?

Norbert Röttgen, der Biden-beschwingte Traditions-Transatlantiker, weiß diese Lage geschickt nicht nur mit dem Hinweis zu nutzen, man dürfe es sich nicht erlauben, nur noch Pandemie-Politik zu machen. Als erster platziert er im Wettbewerb mit der Vorstellung der 38-jährigen Ellen Demuth so etwas wie einen jungen, weiblichen und neuen Teamgedanken – und mit der Jobgarantie für Generalsekretär Paul Ziemiak obendrein das Versprechen von frischer Kontinuität. Ein Sieg Röttgens hätte zudem wohl die von der Mehrheit der Partei als Vorteil eingeschätzte Folge, auf eine komplikationsarme Entscheidung für CSU-Chef Markus Söder als Kanzlerkandidat hoffen zu können.

Die nächsten fünf Wochen werden für die Union spannend. Hermann Hesse weist ihr dabei mit klugen Worten die Richtung: „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“

wolfgang.molitor@stuttgarter-nachrichten.de