Träumt von einer starken Rückrunde von Arminia Bielefeld: Rapper Casper Foto: Pr/Chris Schwarz

Casper tritt in der Porsche-Arena in Stuttgart auf. Vor seinem Konzert spricht er über die Zusammenarbeit mit Max Rieger von der Band Die Nerven - und seine heimliche Leidenschaft für Schwaben.

Rapper Casper alias Benjamin Griffey ist Fan von Arminia Bielefeld und trotzdem in den Charts erfolgreich. Im Interview spricht er über Wege aus dem Gedankenkarussell und den richtigen Umgang mit Social Media.

 

Casper, Max Rieger von der Stuttgarter Band „Die Nerven“ hat Dein aktuelles Album produziert, Tua mit seinen Reutlinger Wurzeln supportet Dich auf der Tour. Bewirbst Du Dich aktuell um den Titel „Schwabe der Herzen“?

Scheinbar habe ich eine Schwäche für schwäbische Musikmacherei. Als Dreibierkistenhoch, mit 16 oder 17, habe ich meine ersten Demokassetten an alle Plattenfirmen der Stunde verschickt. Geantwortet hat damals nur das Stuttgarter Label Kopfnicker Records. Das war bei uns der Talk auf dem Dorf, dass der Benjamin von einer Plattenfirma aus Stuttgart eine Rückmeldung bekommen hat! Das Schreiben war sehr lieb gemeint, wenn ich mich richtig erinnere, so nach dem Motto: Wir finden es Katastrophe, aber mach weiter so.

So sind wir, brutal ehrlich und motivierend. Wie war es, mit Max Rieger zusammenzuarbeiten?

Er hat einen absolut positiv gemeinten Pragmatismus und hält sich nicht zu lange mit einer Sache auf, das liebe ich an ihm. Er wollte abends immer ein Ergebnis haben. Das hängt bestimmt mit seinem schwäbischen Arbeitsethos zusammen. Ich dagegen kann mich Tage, Monate, Jahre an einem Song aufhalten. Bei Max gab es Momente, in denen er aufgestanden ist und gesagt hat: Das ist doch jetzt nur blödsinniger Aktionismus, dann machen wir lieber Feierabend!

Erdet Dich diese schwäbische Schaffer-Mentalität?

Das trifft es ziemlich gut. Ich könnte mich endlos lang an einem Sound aufhalten, während Max sagt, das macht es jetzt nicht besser oder schlechter, es ist auch so schon sehr gut. Bei ihm habe ich gelernt, dass es innerhalb eines Songs Kämpfe gibt, die es sich zu kämpfen lohnt, und dass es Kämpfe gibt, die ein Stück nicht besser machen.

Hat es deshalb funktioniert, weil Ihr musikalisch unterschiedliche Backgrounds habt?

Das war gut, weil ich mich sonst verloren hätte in Insiderwissen. Max meinte einmal zum Beispiel, ich verstehe nicht, warum das Layout des Songs so und so klingt, dabei war das gedacht als eine Referenz an eine bestimmte Hip-Hop-Gruppe aus den Nuller Jahren. Da sagte er: Ich kenne die Referenz jetzt nicht, für mich klingt es aber einfach unnötig stressig.

Auf Deinem aktuellen Album „Alles war schön und nichts tat weh“ rappst Du darüber, dass Du zu viel nachdenkst. Wie kommst Du dem Gedankenkarussell wieder heraus?

Wenn ich eine Downer-Phase habe, hilft es mir sehr, das einfach zuzulassen. Außerdem merke ich in solchen Phasen, dass es nicht besser wird, wenn man viel aufs Handy guckt. Man kommt dann in so eine Vergleichsspirale. Wenn es einem selbst nicht so gut geht, sieht das Leben der anderen fünfmal so gut aus. Generell habe ich meinen ganzen Social-Media-Konsum sehr heruntergeschraubt. Pro-Tipp: Es hilft.

Schauspieler Lars Eidinger hat kürzlich seinen Instagram-Account gelöscht, weil ihn am Ende selbst das positive Feedback gestresst hat.

Ich hatte auch schon oft den Wunsch, alles zu löschen, bin aber nicht so Boomer-mäßig, dass ich sage, ich will das alles nicht mitmachen. Wenn ich an meine Eltern oder Großeltern denke, als ich plötzlich Kabelfernsehen in meinem Jugendzimmer hatte, da hieß es: Jetzt hängt er nur noch vor der Glotze und verblödet…

… und bekommt viereckige Augen…

… so ähnlich sehen das die Alten bei Social Media heute. Man muss es so bespielen, wie es für einen gut ist, mit einer Mischung, die Spaß macht und zum Ziel führt, ohne dass man sich zum Affen macht.

Kürzlich bist Du 40 geworden. In Deiner schwäbischen Herzensheimat sagt man, dass man mit 40 gescheit wird. Wie ist es Dir ergangen?

Ich hatte vor der 20 Angst, weil ich das Gefühl hatte, dass meine Jugend vorbei ist und ich jetzt erwachsen sein und am Fließband arbeiten muss. Dann hatte ich vor der 30 Angst, weil ich einen enormen Druck verspürt habe: Wo stehe ich im Leben, hätte ich mehr erreichen müssen? Am Tag meines 40. Geburtstag ist mir auf einen Schlag eine Last von den Schultern gefallen. Nicht so trotzig, sondern eher so wow: Bis hierhin habe ich es geschafft. Ich fühle mich noch fresh, habe eine tolle Frau, tolle Freunde und mache beruflich das, was ich liebe.

Also bist Du im Herzen Schwabe! Anderes wichtiges Thema bei uns: Häusle bauen. Du stellst auf dem aktuellen Album die Frage: „Wann ist ein Haus ein Heim?“ Deine Antwort darauf?

Ein richtiges Zuhause ist nicht die Summe aus dem, was man hineinstellt. Es geht um die Anhäufung von Erlebnissen und Erinnerungen, positiv wie negativ, von Geschichten. Dass man einen Raum, egal wie luxuriös oder spartanisch, mit sich und mit anderen mit Leben gefüllt hat.

Und wie würdest Du Heimat für Dich definieren?

Ich glaube, dass jeder Mensch den einen Ort hat, an dem er innerhalb von Sekunden dieses wohlige Gefühl im Bauch kriegt, weil er dort viel erlebt hat, von wunderschön über euphorisch bis schlecht, aber verzeihlich. Dieses Gefühl habe ich, wenn ich nach Bielefeld fahre. Das ist der Ort, an dem ich so richtig laufen gelernt habe. Ich bin aus einem zerworfenen Verhältnis aus dem ostwestfälischen Dorf nach Bielefeld gezogen, hatte keinerlei Unterstützung, bin aber alleine klargekommen, hatte die erste richtig große Liebe, das erste Mal ein gebrochenes Herz, ganz viele Triumphe, ganz viele Niederlagen.

Ist Literatur für Dich auch eine Heimat? Deinen aktuellen Albumtitel „Alles war schön und nichts tat weh“ hast Du von Kurt Vonnegut geborgt.

Absolut. Ich habe seit fünf, sechs Jahren die Challenge mit mir selbst, dass ich 30 Bücher pro Jahr lese. Letztes Jahr, auch Pandemie-bedingt, bin ich auf 22 gekommen, dieses Jahr liege ich bei 15, müsste also einen Endspurt hinlegen, das schaffe ich auf Tour aber nicht. Dabei nehme ich immer fünf, sechs Schinken mit, weil ich denke, da ist ja manchmal auch Leerlauf und ich könnte abends in meiner Koje noch mal 15 Seiten lesen, aber es passiert nie.

Deine aktuellen Favoriten?

Mein Buch des Jahres ist „Tränen im Asia-Markt“ von Michelle Zauner, der Sängerin von Japanese Breakfast. Dabei geht es um eine Tochter von koreanischen und amerikanischen Eltern. Die Erzählerin arbeitet das Verhältnis zu ihrer Mutter auf, die gestorben ist, in Kombination mit den Gerichten, die sie immer gekocht hat. Klingt jetzt zäh, ist aber ultra gut geschrieben, ein Zehn-von-zehn-Buch. Meine Frau hat es kürzlich angefangen und ich bin neidisch, dass sie das von vorne erleben darf.

Wie bist Du bisher durch Corona gekommen?

Da war alles dabei. Der erste Lockdown verbunden mit dem Gedanken, das geht doch nur zwei, drei Wochen, war noch aufregend. Dann wurde es zäh, ich hatte Lagerkoller. Beruflich war es bereichernd – wohl wissend, dass ich sehr privilegiert bin: Ich war zum ersten Mal seit zehn Jahren nur Musiker. Je größer der Beruf des Musikers wird, desto weniger Zeit hat man für die Musik selbst. Seit Ende August bin ich nur am Planen der Tournee, weil ich immer noch extrem dankbar dafür bin, wenn die Leute Geld für mich ausgeben. Da steckt ihre Arbeitszeit dahinter. Deshalb will ich bei allem, was ich mache, egal ob Album, Liveshow oder Shirt, dass es spektakulär ist.

Zum Schluss noch zu einem wirklich wichtigen Thema…

… Maultaschen!

Endlich sagts mal einer. Bist Du ein Maultaschen-Ultra?

Ja! Ich bin über jeden Tipp dankbar, wo ich in Stuttgart die besten Maultaschen erwischen kann.

Meiner Meinung nach in der Weinstube Fröhlich im Leonhardsviertel in Stuttgart.

Das kam wie aus der Pistole geschossen!

Eigentlich wollte ich aber gar nicht über Maultaschen sprechen, sondern fragen, wie Dein Herzensverein Arminia Bielefeld kürzlich gegen den VfB Stuttgart gespielt hat?

6:0 verloren (lacht).

Blutet Dein Arminen-Herz derzeit?

Es überrascht mich nicht. Mir war klar, dass wir gegen den Abstieg spielen werden, weil viele Schlüsselspieler gegangen sind. Man merkt, dass eine Stellschraube in der Kabine angezogen werden muss, damit der Kampfgeist aufs Feld zurückkehrt.

Diese Antwort schreit danach, dass Du bei der Arminia Verantwortung übernimmst. Vielleicht als Sportdirektor?

Ich wäre eher der Typ, der aus vollem Halse eine motivierende Ansprache hält, wie in einem guten Sportfilm, in dem die Mannschaft gegen alle Hürden doch noch ins Finale kommt.

Würde Dein Freund Fabian Klos, Arminia-Legende im Sturm, auf Dich hören, um die entscheidenden drei Prozent mehr auf den Platz zu bringen?

Fabi Klos kann keine drei Prozent mehr liefern, weil er immer schon 180 bringt.

Hätte er als Stürmer für Deutschland zur WM mitgemusst?

Der soll sich ausruhen und in der Rückrunde angreifen. Dann rollen wir das Feld von hinten auf.

Tour mit Tua

Album
„Alles war schön und nichts tat weh“, das fünfte Studioalbum des deutsch-amerikanischen Rappers Casper, ist am 25. Februar 2022 erschienen und direkt auf Platz 1 der deutschen Album-Charts eingestiegen. Neben Lena Meyer-Landrut hat auch Rapper Tua von den Orsons einen Gastauftritt auf der Platte.

Konzert
Tua ist außerdem der Support-Act auf Caspers aktueller Tour, die ihn am 29.11. in die Porsche-Arena nach Stuttgart führt. Konzertbeginn ist um 20 Uhr.