In Rick’s Café in „Casablanca“: Die Beziehung von Rick (Humphrey Bogart, li.) zu seinem schwarzen Pianisten (Dooley Wilson) war revolutionär für Hollywood. Foto: Warner Bros.

„Casablanca“ ist Hollywoods größter Klassiker. In Stuttgart ist er endlich mal wieder im Kino zu sehen. In Zeiten von „Black Lives matter“ sollte man nicht nur auf Ingrid Bergman und Humphrey Bogart achten.

Stuttgart - Es ist so weit, endlich: „Casablanca“ ist in Stuttgart mal wieder auf der großen Leinwand zu sehen. Kein anderer Film des alten Hollywood hat die Zeiten so gut überstanden, wird noch immer so geliebt. Humphrey Bogart als Amerikaner im Exil, der in Casablanca eine Bar nebst illegalem Spielcasino führt: immer noch einer der größten Leinwandauftritte überhaupt. Dasselbe kann man von Ingrid Bergmans Rolle sagen: In diesem 1942 gedrehten, bissig-witzigen Schwarzweiß-Melodram scheint selbst in dunklen Innenräumen auf Bergmans Gesicht eine freundlichere Sonne zu scheinen als auf uns andere Menschen draußen im Freien.

Schlag gegen den Rassismus

Es ließen sich noch tausend gute Gründe anführen, warum man die „Casablanca“-Vorführung am 14. Juni um 13.30 Uhr nicht verpassen sollte. In diesen Tagen der heftigen Unruhe in den USA aber gibt es noch einen ganz besonderen Grund: Dieser Film galt Afroamerikanern, vor allem jenen, die selbst mit der tief rassistischen Filmindustrie zu tun hatten, als gewaltiger Durchbruch.

„Kein farbiger Bürger der USA“, schrieb etwa die „New York Amsterdam News“, eine der wenigen Zeitungen von Afroamerikanern für Afroamerikaner, „sollte es sich entgehen lassen, diesen Film zu sehen: Kein Film zuvor hat eine schwarze Figur so wohlwollend und herausgehoben dargestellt.“

Gemeint war die Figur von Sam, Klavierspieler in „Rick’s Cafe Américain“, Zentrum des berühmtesten Zitats aus „Casablanca“, das so im Film gar nicht vorkommt: „Play it again, Sam“. (Das Phänomen des populären falschen Zitats wiederholte sich später bei „Star Trek“ mit „Beam me up, Scotty“.)

Kein grinsender Dienstbote

Gespielt wurde Sam nicht von einem Klavierspieler, sondern von einem singenden Drummer: Arthur „Dooley“ Wilson (1886-1953). Der hatte in den 20er Jahren eine eigene Band gehabt, sich dann aber auf die Schauspielerei am Theater in schwarzen Ensembles verlegt. Dort gab es zwar interessante Rollen und ein interessiertes schwarzes Publikum, aber stets zu wenig Geld. Also klopfte Dooley an die Studiopforten in Hollywood und bekam das geboten, was alle schwarzen Darsteller geboten bekamen, egal, ob sie mehr Shakespeare-Stücke komplett aufsagen konnten als ein Studioboss Flüche ausstoßen: dialoglose Dienstbotenrollen, devot grinsende Zugschaffner, treuherzig ergebene Dienstmädchen, einfältig wirkende Straßenkehrer, irgendwelche Naivlinge, die ulkig-krauses Zeug redeten.

Die Figur des Sam ist komplett anders. Ja, sie ist Rick untergeordnet, aber nur so wie die weißen Kellner und Barleute hier: Rick ist der Chef und in seinem Panzer des Zynismus eine imposante Erscheinung. Wilson ist auch Freund, Ratgeber und Gesprächspartner. Und ein Entertainer, der mit seiner Band zwar den Saal zum Swingen bringt, aber nicht um den Preis seiner Würde.

Dooley oder nicht?

Der „Casablanca“-Regisseur Michael Curtiz, ein gebürtiger Ungar, war einer der besten und produktivsten Arbeiter in der damaligen Traumfabrik – und galt wegen seines unerbittlichen Perfektionismus, seines Kommandotons, seiner das Englische enorm strapazierendem Kauderwelsch-Wutanfälle am Set als einer der größten Menschenschinder Hollywoods. Aber der aus einer jüdischen Familie stammende Curtiz verdammte vielleicht menschliche Schwächen zu früh, aber nie Hautfarben. Er wusste genau, was mit Sams Rolle möglich war und was er unbedingt vermeiden wollte.

Der hochkompetente, herrschaftsbewusste, von maßloser Eitelkeit durchdrungene „Casablanca“-Produzent Hal Wallis bildete sich auch darauf etwas ein, für alle seine Filme die Rollenbesetzung zu bestimmen. Für die Rolle des Sam hatte er den schwarzen Schauspieler Clarence Muse (1879-1979) vorgesehen. Nach Testaufnahmen mit Muse und Wilson leistete Curtiz heftigen Widerstand: Er wollte letzteren als Sam.

Ungewohnter Streit

Streit um Rollenbesetzungen zwischen Produzenten und Regisseuren war Alltag, gerade Curtiz hatte sich da einen heiklen Ruf als extrem bockiger und eigensinniger Widersacher erarbeitet. Aber Streit, ja, auch bloß Kopfzerbrechen um die Besetzung einer afroamerikanischen Nebenfigur – das gab es in der weißen Filmindustrie eigentlich nicht. Aber Curtiz erkannte die besondere Qualität der Figur Sam. Zum Glück: Dooley Wilson jedenfalls kann man heute noch ohne jedes Nervzucken zuschauen. Im Gegenteil, man sieht, wenn man den Hintergrund kennt, wieder ein bisschen Rassismus bröseln.

Kleine Fußnote: Ursprünglich hatte Hal Wallis gar keinen Mann für diese Rolle gewollt, sondern eine schwarze Nachtlcub-Sängerin, Hazel Scott oder Lena Horne. Nach kurzem Nachdenken ging aber allen auf, dass das – schließlich begleitet Sam Rick schon seit Jahren, war schon vor der Station in Casablanca an seiner Seite – eine erotische Komponente in die Beziehung gebracht hätte. Und das – weißer Mann hat Affäre mit schwarzer Frau – war damals absolut undenkbar für einen Hollywoodfilm.

Termin: „Casablanca“ in Stuttgart im Metropol, Sonntag, 14. Juni 2020, 13.30 Uhr

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