Das Lieblingsmotiv von Peter Gaymann ist das Huhn. Nun widmet das Neue Kunstmuseum Tübingen dem erfolgreichen Cartoonisten eine Ausstellung. Warum sich ein Besuch lohnt.
Fragt er abends im Ehebett: „Hast du Lust auf Sex?“ Antwortet sie: „Nö“. Und schon hellt sich seine Mine auf, und er sagt erleichtert: „Gott sei Dank.“ Die Nacht ist gerettet – und die Ehe im Lot. Auch Peter Gaymann widmet sich wie so viele Komödianten, Kabarettisten und Karikaturisten gern dem Eheleben, denn nichts scheint so dankbar zu sein wie das langjährige Miteinander von Mann und Frau und die Fallhöhe zwischen großer Liebe und den Niederungen des Alltags.
Und so könnten sich im Neuen Kunstmuseum Tübingen manche Eheleute wiederentdecken auf den Cartoons von Peter Gaymann, dem in dem neuen privaten Ausstellungshaus eine große Jubiläumsausstellung gewidmet ist, die schon aus einem Grund besonders ist: Irgendwo hört man immer jemanden kichern.
„Lachen in verrückten Zeiten“ heißt die Schau
Aber Peter Gaymann ist nicht umsonst einer der bekanntesten Cartoonisten Deutschlands, weil er in seinen Zeichnungen die menschlichen Marotten zwar gallig, aber nie bösartig auf den Punkt bringt – und dabei oft eher lustig ist. Das liegt sicher auch an seinem liebsten Motiv: dem Huhn. Hühner wurden zu seinem Markenzeichen. Sie machen Yoga und gehen zum Arzt, hocken am Tresen oder liegen im Whirlpool – „Legst du noch Eier oder spielst du schon Golf?“
„Lachen in verrückten Zeiten“ nennt sich die zweite Ausstellung im NKT, das die IT-Experten Bernhard Feil und Stephen Hamann im März eröffnet haben; mit Udo Lindenberg konnten sie schon mehr als 50 000 Besucher in den Neubau im Gewerbegebiet locken. Mit Peter Gaymann wird das populäre Programm nun fortgesetzt, wobei sein Name nicht jedem sofort etwas sagen mag, doch vermutlich kennt jeder und jede seine Cartoons.
Überregional bekannt wurde Gaymann durch Veröffentlichungen im „Zeit“-Magazin und in der „Brigitte“. Seine Postkarten wurden bald zu Bestsellern, seit den 1980er Jahren verkauft er pro Jahr bis zu zwei Millionen Stück. Inzwischen sind auch schon weit mehr als hundert Bücher erschienen – zu Liebesglück und Traumpaaren, Kindern oder Katzen.
Die Tübinger Ausstellung folgt den Büchern und den darin verhandelten Themen, darunter auch dem Wein. Da stapeln sich auf dem edel gedeckten Esstisch zahllose Weinflaschen, weil es dem Weinkenner am Ende doch vor allem um den Alkohol geht. Und als der Junge seiner Mama erklärt, er wolle Winzer werden, entgegnet diese trocken: „Dann musst du in Chemie gut aufpassen.“
Gaymann legt den Finger in die Wunde, deckt manchen Selbstbetrug auf und widmet sich den Eitelkeiten – weshalb der Koch in der Küche schnell noch den Teller signiert, eh der raus zum Gast geht. Neben Petitessen aus dem Alltag blitzen aber auch große gesellschaftliche Themen auf wie Machtmissbrauch, Überwachung und Kirche. Sie werde fortan nicht mehr so oft kommen, erklärt da eine Frau im Gotteshaus einer Marienfigur. „Ich habe jetzt eine Therapie angefangen und die hilft mehr als beten.“
Geboren wurde Peter Gaymann in Freiburg. Als er an der Fachhochschule für Sozialwesen studierte, sei er oft ausgebüchst und habe sich auf den Schlossberg auf eine Bank gesetzt und gezeichnet, verrät er im Begleitbuch zur Ausstellung. Dabei erlebte er den Wandel seiner Heimatstadt hautnah. Die Wälder seiner Kindheit wichen Hochhäusern, die Steilhänge wurden terrassiert und Alteingesessene aus ihren Häusern geekelt. Das politisierte ihn, sodass er sich in der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung engagierte. In seinen Zeichnungen bewahrt er sich aber auch bei diesen Themen Leichtigkeit. Da umarmt jemand ein Windrad – „bisschen Energie tanken“.
Peter Gaymann ist viel rumgekommen und greift auch gern regionale Eigenheiten auf – ob zu Köln, zu „Typisch Bayerisch“ oder Italien. Er hat lange in Rom gelebt, wo die Touristen nicht für die „Sixtinische Kapelle anstehen, sondern an der Eisdiele, wie man auf einer Zeichnung sieht. Dann wieder beichtet ein Mann dem Pfarrer, dass er im Supermarkt Olivenöl gekauft habe – die Flasche für 2,99 Euro. In Italien unverzeihlich. „Zur Buße“, sagt der Pfarrer, „rutsche auf den Knien von hier bis in die Toskana“.
Das Huhn hat sich für ihn entschieden – nicht umgekehrt
Die große Ausstellung zeigt die vielen Facetten von Peter Gaymann, der bei seinen zahllosen Reisen auch ganz traditionelle Skizzen fertigt, die nicht komisch sind, sondern Stadt- und Landschaftseindrücke von Ischia und Porto, Kuba oder England wiedergeben. Vermutlich wird er bei seinen Reisen nicht nur einmal dem typischen Urlauber von heute begegnet sein, der auf einem Cartoon vor einem riesigen Berg steht und fragt „Was wollen wir denn da oben?“ Klare Antwort: „Ein Selfie machen.“
Hauptakteur dieses umfassenden Streifzugs durch das Schaffen von Peter Gaymann ist freilich das Huhn. Nicht er habe sich für das Huhn entschieden, sondern das Huhn für ihn, heißt er in der Ausstellung, warum, müsse er „mal mit einem Psychologen besprechen“.
Ironie, Kritik – und eine Spur Traurigkeit
In einem Interview, das Gaymann dieser Tage zu seinem 75. Geburtstag gab, erzählt er dann doch eine andere Geschichte. Seine ersten Zeichnungen veröffentlichte er in der „Badischen Zeitung“: Gaymanns tierische Blätter. Im Lauf der Zeit stellte er fest, dass die Hühner mit ihren Schuhen und Ketten bei den Menschen besonders gut ankamen. So verselbstständigte sich das Motiv, das ihm viel Spielraum lässt für Ironie und Kritik, für gesellschaftliche wie psychologische Aspekte – und manchmal auch für eine Spur Traurigkeit, etwa wenn das Huhn das Grillhähnchen anfleht: „Alfons, sag doch was.“
Neues Museum in Tübingen
Unternehmen
Das NKT befindet sich auf dem Firmengelände der Art 28 GmbH & Co. KG nahe der Neckarauen. Das Unternehmen verlegt Editionen von Künstlern und vergibt im Auftrag von Künstlern Lizenzen und betreut die Produktion von Konsumartikeln. Art 28 besitzt auch die größte Sammlung von Janosch.
Info
Ausstellung bis 3. August, Schaffhausenstr. 123, Tübingen. Geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr, Eintritt 15 Euro, ermäßigt 12 Euro.