Ein Car2Go-Smart ist in einer Straße abgestellt. Er wird aber vor allem in der Innenstadt gebraucht. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Vom 2. November an reduziert der Carsharinganbieter Car2Go sein Geschäftsgebiet um rund ein Drittel. Besonders in den Stuttgarter Stadtteilen im Außenbereich gibt es dagegen Proteste. Doch was soll die Stadt tun?

Stuttgart - Mit Wirkung von diesem Donnerstag ist das Geschäftsgebiet des Carsharing-Unternehmens Car2Go in Stuttgart und den vier Städten Gerlingen, Böblingen, Sindelfingen und Esslingen um ein Drittel auf ein Kerngebiet reduziert. Diese Einschränkung, die in den Stuttgarter Stadtbezirken mittlerweile auf große Proteste stößt, ruft nun auch die Politik auf den Plan. Die Grünen im Gemeinderat fordern, dass Car2Go seine Pläne im Ausschuss für Umwelt und Technik erläutert. Das Ziel ist für die Stadträte Björn Peterhoff und Andreas Winter klar: „Wir finden, dass es in Stuttgart ein stadtweites Angebot braucht“, sagen sie. Manche fordern bereits, dass die Stadt das Car2Go-Angebot in Außenbezirken bezuschusst. „Subventionen sind für uns nicht das erste Mittel der Wahl“, sagt Car2Go-Sprecher Daniel Hörer, „gleichwohl stehen wir den Städten jederzeit für einen Dialog zur Verfügung.“

Ziel: Mehr Fahrzeuge in der City

Dass die sogenannte Optimierung notwendig ist, daran hält die Daimler-Tochter fest. „Das Ziel ist, den Kunden dort mehr Mietfahrzeuge zur Verfügung zu stellen, wo sie gebraucht werden“, sagt Hörer – und das sei das Kerngebiet Stuttgarts mit der Innenstadt. Dort herrsche eine deutlich höhere Nachfrage als Fahrzeuge zur Verfügung stehen. In den Außenbereichen, die jetzt nicht mehr zum Geschäftsgebiet gehörten, seien dagegen Fahrzeuge „gestrandet“ und über Stunden, manchmal auch Tage nicht genutzt worden. Diese Autos hätten dann von Mitarbeitern in die City zurückgeholt werden müssen. Lediglich acht Prozent der Mieten hätten mehr als 300 Meter außerhalb des neuen Geschäftsgebiets begonnen und geendet, nur gut zwei Prozent der mehr als 100 000 Kunden wohnten in den betroffenen Gebieten. „Unser Konzept funktioniert nur dann, wenn die Fahrzeuge regelmäßig genutzt und von den Kunden selbst in der Stadt verteilt werden“, sagt Hörer, „und wir sind davon überzeugt, dass es uns mit der Geschäftsgebietsoptimierung gelingen wird, das Konzept nachhaltig und langfristig in Stuttgart zu etablieren.“ Die Firma will aber auch die Kosten der teuren und aufwendigen Rückholaktionen verringern.

Die Reaktion der Kunden seien „durchaus gemischt“, muss der Sprecher einräumen. Einerseits bedauerten viele Kunden die Maßnahmen, zeigten aber Verständnis, wenn Sinn und Zweck erklärt werde. Es gebe jedoch auch Zuspruch dafür, dass im Kerngebiet zukünftig mehr Autos zur Verfügung stünden, so Hörer. In den Stuttgarter Stadtbezirken und den Städten, die von den Einschränkungen betroffen sind, gibt es aber laute Proteste. „Eine Firma baut eine Infrastruktur auf, auf die man sich verlässt. Und weil es plötzlich nicht mehr passt, wird einfach ohne Rücksicht auf die Nutzer abgebaut“, klagt ein Kunde aus Stammheim, der seinen Vertrag kündigen will. Auch andere sprechen von einer „völlig falschen Unternehmensstrategie“, es ist von „kaltgestellten Kunden“ die Rede.

Unmut in den Bezirksbeiräten

Längst hat der Unmut die politische Ebene erreicht. Im Bezirksbeirat Degerloch will man nicht akzeptieren, dass das Gewerbegebiet Tränke und der Stadtteil Hoffeld abgehängt werden. Die Stadt soll mit anderen Carsharing-Firmen in Kontakt treten, damit die Randbezirke versorgt würden. Auch in den Filderstadtbezirken stoßen die Pläne auf Widerstand. Die Stadt, die Car2Go unterstützt habe, müsse Car­sharing-Angebote aus- und eine gleichmäßige Versorgung vorschreiben. Weil die E-Autos in manchen Stadtteilen das nicht optimale ÖPNV-Angebot ergänzten, heißt es, das Unternehmen hätte zuerst die Standorte verbessern und grundsätzlich einen längeren Atem beweisen sollen.

Im Stuttgarter Norden, wo Giebel, Stammheim, Zazenhausen und Bergheim betroffen sind, gibt es ebenfalls Beschwerden. „Wir sind höchst unglücklich über die Entwicklung“, sagt Bezirksvorsteherin Susanne Korge, „ich würde mir eine Förderung durch die Stadt wünschen.“ Axel Ueberschär, Vorsitzender des Handels- und Gewerbevereins Stammheim, mahnt aber auch das Rathaus: „Man kann nicht von Fahrverboten und Feinstaub sprechen und nichts an Alternativen anbieten.“

Immerhin haben die Grünen das Thema aufgegriffen. Der Beschluss von Car2Go, das Geschäftsgebiet ausgerechnet zu Beginn der Feinstaubsaison zu verkleinern, sei „ein falscher Schritt“, heißt es in dem Antrag. Carsharing sollte als flexible Ergänzung gerade die eher schlecht an den Nahverkehr angebundenen Gebiete abdecken. Die Stadträte Peterhoff und Winter bringen für die Grünen auch andere Lösungen als die Gebietsverkleinerung ins Gespräch: Extratarife und zentrale Abstellorte in den Randgebieten. Wann die Car2Go-Sitzung stattfindet, steht noch nicht fest.

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