Machen sich verschiedene Carsharing-Modelle in einer kleinen Gemeinde Konkurrenz? Reichenbach will es ausprobieren.
Grüner Hirsch neben rotem Flitzer? Die Gemeinde Reichenbach strebt an, neben Stadtmobil – mit seinen meist knallroten Autos – auch noch den Anbieter deer ins Boot zu holen. Damit hätte die 8600-Einwohner-Gemeinde zwei Carsharing-Angebote parallel. Die Fraktionen im Gemeinderat sehen das aufgrund der unterschiedlichen Konzepte nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung. Rainer Wolfer, der sich schon lange vor Ort für Carsharing engagiert, ist dagegen skeptisch und auch enttäuscht über den Beschluss.
Schwierig, wirtschaftlich zu bleiben
Wolfer spricht in einer Stellungnahme gegenüber unserer Zeitung die Befürchtung aus, dass es mit einem weiteren Anbieter vor Ort schwieriger wird, die Wirtschaftlichkeit zu erreichen. Diese ist aber auch bei Stadtmobil als vereinsgetragenem Angebot die Voraussetzung dafür, dass längerfristig ein Fahrzeug vor Ort bleibt; zwei oder noch mehr wären besser. Wobei Wolfer schon seit eineinhalb Jahren kämpft, die Nutzerzahl aber nur sehr verhalten gewachsen ist. „Ich komme einfach nicht an die Leute ran“, sagt er. Dabei sei Carsharing eine feine und finanziell attraktive Sache. Aber man habe „schmerzhaft feststellen müssen, dass die Existenz eines Fahrzeugs allein keine Nachfrage generiert“.
Wünschen würde er sich eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit mit der Gemeinde – nicht speziell für Stadtmobil, sondern für alle Alternativen zum Privatauto, vom Fußweg bis zum Ortsbus. Das hatte er bereits im Frühjahr angeregt, aber aus der gewünschten Kampagne wurde bislang nichts. Das frustriert den Reichenbacher, zumal er in der Frage „deer in den Ort holen oder nicht“ gern vorab angesprochen worden wäre.
Stadtmobil arbeitet mit stationsbasiertem Auto
Das Modell des „grünen Hirsch“ – die Symbolfigur von deer – und der roten Stadtmobil-Flitzer unterscheiden sich deutlich, aber letztlich geht es doch immer darum, dass sich Menschen ein Auto teilen. Stadtmobil stellt aktuell in Reichenbach ein Fahrzeug mit Verbrenner-Motor und arbeitet mit einem stationsbasierten Modell, bei dem das Auto nach der Nutzung wieder am Ursprungsort abgestellt wird. Deer setzt ausschließlich auf E-Autos und ein „stationsflexibles Modell“: Jedes Auto kann an jedem der mittlerweile rund 1300 Ladepunkte wieder abgegeben werden. Während hinter Stadtmobil (zumindest im ländlichen Raum) ein gemeinnütziger Verein steht, wird deer von einem Wirtschaftsunternehmen gefördert, nämlich der Energie Calw GmbH. Auch die Kosten für die Kunden folgen unterschiedlichen Systemen, was der Gemeinderat allerdings nicht thematisiert hat. Stadtmobil bietet unterschiedliche Tarife, je nach Nutzerverhalten, bei deer wird ein Stundensatz von knapp 13 Euro abgerechnet, unabhängig von den gefahrenen Kilometern.
Durch verschiedene Angebote soll die Nutzung steigen
Die Ratsfraktionen sind überzeugt, dass damit unterschiedliche Zielgruppen angesprochen werden und argumentieren: Je mehr Carsharing-Autos vor Ort stehen, desto attraktiver wird die Nutzung – denn dadurch erhöht sich die Chance, dass bei Bedarf auch ein Auto frei ist.
Für deer ist die Präsenz vor Ort daran gekoppelt, dass die Gemeinde eine Ladesäule für deer mitfinanziert. Im Fall Reichenbach besteht aber Aussicht, dass der Ladepunkt eines anderen Anbieters umgewidmet werden kann. Stadtmobil bekommt derzeit von der Gemeinde einen Stellplatz zur Verfügung, ist aber in Reichenbach noch immer auf die Zuschüsse anderer Standorte angewiesen.
Rainer Wolfer will dennoch nicht aufgeben: Beim Reichenbacher Herbstmarkt werben er und weitere Unterstützer am Stadtmobil-Stand für ihr Modell.