Caroline von Kretschmann ist Hotelière des Jahres. Ihr Europäischer Hof in Heidelberg zählt zu den letzten privat geführten Fünf-Sterne-Luxushäusern in Deutschland.
Sie hat ihre Ur-Großmutter noch erlebt: Luise Gabler, eine Frau mit eherner Disziplin. Klein, drahtig, kraftvoll, streng. Die absolute Autoritätsperson. Privater Luxus war ihr verpönt, sie trank lieber Wasser als Champagner. Punkt 13 Uhr speiste sie zu Mittag im Hotel. Betrat sie den Raum, war es eine Selbstverständlichkeit, dass man aufstand. Viel gegessen hat sie nie. Mal eine kleine Wurst und einen halben Gurkensalat. Großen Wert legte sie auf tadellose Tischmanieren. Die lernte Caroline von Kretschmann schon als kleines Kind.
Am Ende, als Luise Gabler nicht mehr gut laufen konnte, trug man sie immer von der benachbarten Parkvilla auf ihrem Stuhl wie in einer Sänfte rüber ins Hotel. Die Ur-Enkelin erinnert sich noch, wie das Familienoberhaupt am 90. Geburtstag die Honneurs der hohen Stadtherren entgegennahm. „Beeindruckend, dass es schon damals starke Frauen gab, die ein Unternehmen führen konnten.“
Heute ist Caroline von Kretschmann die Chefin des Europäischen Hofs in Heidelberg – und Hotelière des Jahres 2022. „Der Oscar unserer Branche. Ich hab mich so gefreut“, sagt sie. „Jeder Hoteldirektor will das gerne mal werden in seinem Leben.“ Ihre Eltern bekamen die Auszeichnung 2006 für ihr Lebenswerk. Eine Familienangelegenheit.
„Jeder Euro steckt im Haus“
Die 54-Jährige lenkt eines der letzten privat geführten Fünf-Sterne-Häuser in Deutschland. „Die meisten haben ja einen kapitalstarken Industriellen im Hintergrund. Herr Kühne beim Hamburger Fontenay, Familie Oetker im Brenners Parkhotel in Baden-Baden, Würth fürs Schlosshotel Friedrichsruhe. Bei uns ist da nur die Familie. Jeder Euro, der je verdient wurde, steckt im Haus.“
Auf dem Dach wehen an diesem Tag die Flaggen von Deutschland, Europa, den USA und den Vereinigten Golfstaaten. Vor dem Entrée parken nonchalant ein Bentley Bentayga, ein Porsche 911 Carrera 4 und ein VW Polo. Draußen empfängt ein Concierge in dunkler Livree, drinnen ein Duft von Lilien, die Lieblingsblumen der Senior-Chefin. Die Eltern sind beide über 80 und noch aktiv. Die Mutter kümmert sich um das Interieur. Der Vater um alles, was die Immobilien angeht.
Caroline von Kretschmann sitzt im Kaminzimmer auf einem uralten, frisch aufgepolsterten Sofa. „Das hat unser Herr Arnold gemacht.“ Vor Kurzem trug das Sofa noch Leopardenmuster, jetzt ist es dunkelgrau. „Meine Mutter meinte: ,Dunkelgrau ist schick.“ Die Stühle dazu wurden zur Abwechslung mal lindgrün und samtartig bezogen. Herr Arnold, der Polsterer, mahnte: „Das ist ein ganz empfindlicher Stoff.“ Aber genau der sollte es sein. Und so bringt die Schneiderin jetzt alle paar Tage mit einer Bürste die Fasern wieder zum Stehen. Es gibt auch einen Haus-Schreiner, zwei Maler, zwei Elektriker. Hier wird alles selber gemacht. Schon immer.
Weil der Platz im Heidelberger Schloss mit seinen Festen oft nicht für alle geladenen Gäste reicht, wird 1865 das „Gasthaus zum Europäischen Hof“ gebaut, wo sich die Noblesse auch in den städtischen Niederungen an fürstlichem Flair weiden kann. Die Kurfürstenstube mit ihrer mächtigen Kassettendecke aus Nussbaum und den Wandtäfelungen ist heute noch wie vor 150 Jahren. Nur, dass man damals vielleicht keine gebackene Praline vom kanadischen Hummer schmauste. Über die Sommermonate wird das Restaurant immer in den Gartensaal verlegt und das Holz der alten Stube gepflegt und eingeölt.
1906 kaufen Fritz und Luise Gabler das Hotel d’Europe. Damit beginnt, wenn man so will, Caroline von Kretschmanns Geschichte. 1945 beschlagnahmt die US-Armee das Haus und macht es zum Headquarter Europe. Fritz Gabler stirbt 1953. Da ist nur noch seine Frau Luise, als das Hotel 1955 in Familienhand zurückfällt. Keiner traut ihr das zu. Sie sich schon. Der alte Glanz kehrt zurück.
Ihre Eltern übernehmen in den 60er Jahren
Arthur von Kretschmann, der Mann ihrer Tochter Edith, fällt in Stalingrad. Edith kommt, was den Geschäftssinn betrifft, weniger nach ihrer Mutter. Der Enkel umso mehr. Ernst-Friedrich von Kretschmann und seine Frau Sylvia überspringen eine Generation und übernehmen in den 60ern die Geschäftsführung. Carolines Eltern mieten sich ein Haus auf der anderen Neckarseite. „Aber auch dort saß das Hotel immer mit am Tisch“, erinnert sie sich. „Wie ein Geschwisterteil, das sehr viel Energie einforderte.“ Sie lernt Bankkauffrau, studiert Betriebswirtschaft in St. Gallen, promoviert, fängt bei einer Consulting-Firma an – und gründet ihr eigenes Unternehmen. Das Hotel ist gar kein Thema.
Eine Frau mit Kopftuch und orientalischem Gewand sitzt im Salon. Sie guckt ins Leere, ihr Mann liest eine Autozeitschrift. Später ist hier noch Tea-Time mit Pianist. An der Wand hängen alte Stadtansichten neben Ölschinken wie dem Porträt von Prinzessin Sophie von Preußen. „Wie es hierherkam, wissen wir nicht. In den Wirren des Weltkriegs ging viel verloren, manches wurde dann wieder zurückgekauft. Eine Dokumentation gibt es nicht“, sagt Ming Peduto, die einen Hotelrundgang vorbereitet hat. Vor 20 Jahren kam sie von China nach Heidelberg. Eigentlich ist sie Kunsthistorikerin. Zwischenzeitlich arbeitete sie mal in einem Modeladen. Dort fiel sie Sylvia von Kretschmann auf, die sie kurzerhand abwarb. Seit fünf Jahren gehört sie dazu, sie ist jetzt im Marketing-Team.
„Ich mag alte Grands Hotels sehr. Wenn man manchmal noch die Unebenheiten des Bodens spürt oder die Treppe leise knarzt: Das finde ich so beruhigend“, sagt sie. „Sehen Sie die Vorhänge, die sind aus Italien, ganz fester Stoff, da kaufen wir 1000 Meter und machen alles Mögliche daraus.“ Der Sessel an der Treppe präsentierte sich früher in englischem Karo. Jetzt kommt er in schreiendem Pink daher. Auch eine Idee der Senior-Chefin. „Erst dachten wir, das geht doch nicht! Aber er kommt super an, vor allem bei den Frauen. Ein beliebtes Fotomotiv.“ Hat sich Sylvia von Kretschmanns Stilsicherheit doch wieder bewährt. „Sie ist eine Ikone. Die eleganteste Frau im Rhein-Neckar-Kreis“, sagt Ming Peduto. „Sie kommt immer noch täglich um 5.30 Uhr und macht ihre Tour durchs Haus.“ Was ihr dann auffällt, kann oft noch gerichtet werden, bevor die ersten Gäste auf der Bildfläche erscheinen.
Mehr als 2000 Euro pro Nacht
Über 200 Quadratmeter streckt sich die größte Suite. Viel Platz für private Cocktailempfänge. Zwei Schlafzimmer, Marmor-Bäder, Blick aufs Schloss, mehr als 2000 Euro pro Nacht. Oft bleiben Gäste gleich mehrere Monate. „Man kann sich nicht vorstellen, wie viel Geld sie haben“, sagt Ming Peduto. Manche wären trotzdem lieber bei sich zu Hause in Saudi Arabien oder Katar, meint sie. „Gäste aus dem arabischen Raum mögen auch die Kälte und Nässe nicht so.“ Aber sie sind hier, weil sie schwer krank sind und Heidelberg mit dem Krebsforschungszentrum, der Uniklinik sowie Koryphäen bei Bauchspeicheldrüsenkrebs oder Hirntumoren als internationale Topadresse der Medizin gilt. „Wir wollen ihnen ein familiäres Umfeld geben.“
War Winston Churchill ein einfacher Gast? Was gibt es zu erzählen über Muhammad Ali, Adnan Kashoggi, Richard Nixon? Wie mag Janet Jackson ihr Frühstücks-Ei? Trafen sich Carl Zuckmayer und Karl Jaspers zufällig mal im Kaminzimmer? Wie nah waren sich Alain Delon und Romy Schneider hier noch? Benahmen sich Chulabhorn von Thailand oder Madeleine von Schweden wie Prinzessinnen? Hatte Roland Kaiser Sonderwünsche? Gefielen Jil Sander die Vorhänge? War Neil Armstrong in Gedanken oft weit weg? Geschichten über Gäste werden keine weitergetragen. Caroline von Kretschmann fragt extra noch mal bei ihrer Mutter nach. „Wir können da nichts erzählen“, sagt sie schließlich. Ein diskretes Haus. Aber die Fantasie ist eh spannender als die Wirklichkeit.
Sie hat nie den Plan, irgendwann das Hotel zu übernehmen. Und wenn, ist er weit im Hinterkopf abgelegt. Bis dann vor 20 Jahren ihre Eltern fragen: „Willst du nicht doch?“ – „Wir haben lange überlegt und dann Nein gesagt. Meine Lebensgefährtin und ich waren so frei in Berlin, das wollten wir einfach nicht aufgeben.“ Doch nach einem Jahr muss sie sich eingestehen: Da lässt sie was nicht los. Da hat sich was eingenistet. „Familienbetriebe üben einen großen Sog aus auf die Mitglieder.“
„Wir wirtschaften enkelfähig“
Sie analysiert das Unternehmen und den Markt. Hat sie in dieser Nische künftig eine Chance? Jetzt bloß rational bleiben und nicht romantisch werden. „Man will ja nicht die Generation sein, die das Haus in den Ruin führt.“ Schließlich verkauft sie ihre Consulting-Firma, wächst nach und nach ins Hotel. Zunächst pendelt sie wöchentlich aus Berlin ein, schläft jedes Mal woanders, um alle 120 Zimmer kennenzulernen. 2010 wird sie Leiterin Marketing und Vertrieb. 2013 Geschäftsführende Gesellschafterin. Heute lebt sie mit ihrer Partnerin in einem zur Wohnung umgebauten Laden, nur zehn Meter über den Hof. Aber weit genug weg, um nicht ständig auf der Hotelbühne zu stehen.
Oft hat ein privatgeführter Betrieb in der vierten Generation gut zwei Dutzend Gesellschafter aus den verschiedensten Familienstämmen. „Weil wir aber nie eine Ausschüttung machten, war das uninteressant, mittlerweile haben sich alle auszahlen lassen.“ Heute gibt es neben ihr nur drei Teilhaber: ihre Eltern und ihr Bruder – der ist Investmentbanker und operativ ganz raus aus dem Hotel. Sie hat keine Kinder, ihr Bruder vier. Vielleicht wächst da die Zukunft heran. „Wir wirtschaften enkelfähig“, sagt Caroline von Kretschmann.
Für ihre Ur-Großeltern lautete die Maxime: aus Alt mach Neu. Für ihre Eltern: aus Klein mach Groß. So groß, dass man sich im Hotel verlaufen kann. Unter Caroline von Kretschmann soll das Haus innerlich wachsen. „Empathische Führung“, nennt sie es. „Wir wollen das herzlichste Fünf-Sterne-Stadthotel sein. Unsere Mitarbeiter stehen dabei an erster Stelle. Im Idealfall merken die Gäste dann, dass das Haus beseelt ist.“
Was heißt das konkret? „Angenommen, der Küchenchef sagt: ,Wir haben zwei Krankheitsfälle und seit drei Wochen so viel zu tun, dass wir an die Belastungsgrenze kommen.’ Dann schließen wir die Systeme. Dann kann keiner mehr einen Tisch buchen. Dann verzichten wir auf Umsatz“, sagt Caroline von Kretschmann. Und wenn ein Dax-Vorstand einfach nicht aufhört, Mitarbeiter im Service so niederzumachen, dass ihnen Tränen runterlaufen, bereitet die Chefin dem Ganzen auch mal ein Ende: „Wir haben geschaut: Es gibt noch freie Zimmer in Heidelberg. Wir sind nicht das richtige Haus für Sie.“ Empathie bedeute aber nicht, alle warm anzuziehen, damit keiner mehr was machen muss. „Ich sage schon, wenn etwas nicht funktioniert. Wenn man immer nur lobt, hat es keine Bedeutung mehr.“
Eine Grundnervosität reist mit
Am Morgen fährt sie auf dem Hometrainer, abends macht sie Yoga. Das hilft, um in die Entspannung zu kommen. Und zwei Mal jährlich Urlaub mit ihrer Partnerin: Mallorca im Sommer, im Winter das Engadin. Solange die Eltern da sind, geht das noch einigermaßen. „Es kostet viel innere Arbeit, mir diese Zeit zu nehmen.“ Eine Grundnervosität reist mit. Mag der Himmel über St. Moritz noch so blau, der Schnee noch so traumhaft sein: Mit dem Kopf ist sie im Europäischen Hof. Das muss noch anders werden. „Keiner soll in eine Erschöpfung reinlaufen. Auch da will ich Vorbild sein.“