Protest gegen Werkschließungen und Personalabbau: Nestlé-Mitarbeiter vor der Firmenzentrale in Vevey Foto: Mathes (3), factum/Granville

Im Kampf um ihr Caro-Kaffee-Werk ist ihnen keine Strapaze zu groß: Ludwigsburger Nestlé-Mitarbeiter machen ihrem Frust vor der Konzernzentrale in der Schweiz Luft. Und sie sind dabei nicht allein.

Ludwigsburg/Vevey - Ruhig und nachtblau schimmernd liegt der Genfer See da, von einer Brise leicht gekräuselt. Der Gegensatz zur Gemütslage der rund 450 Menschen, die beschwerliche Wege auf sich genommen haben, um hierher zu gelangen, könnte nicht größer sein. Sie sind aufgewühlt, zornig und tun das lautstark kund. Zum Sightseeing sind sie nicht da – dazu passt, dass sie den See kaum zu Gesicht bekommen. Zwischen ihnen und dem Gewässer ragt der fünfgeschossige Verwaltungshauptsitz von Nestlé. Er liegt direkt am Ufer. Wer von der Stadtseite her kommt, sieht den See durch die gläserne Lobby des Jean-Tschumi-Baus schimmern.

Dass er auch Teil dieser Nestlé-Welt ist, kommt Michele Mascolo fast unwirklich vor. Hier der kühle Glanz, das mondäne Ambiente – zuhause in Ludwigsburg das Elend, die Tränen, die Machtlosigkeit angesichts der bevorstehenden Abwicklung des Caro-Kaffee-Werks, in dem der schmale, ernste Mann und seine Schwester Anna die Dienstältesten sind. Vor 38 Jahren fingen die beiden bei der Firma an, die damals noch Unifranck hieß. „Wir haben unser ganzes Leben nichts anderes gemacht als Lebensmittel herzustellen. Früher ist die Firma ein fairer, guter Arbeitgeber gewesen“, sagt Michele Mascolo. Jetzt ist er 56 Jahre alt. Nie hätte er sich vorstellen können, dass sein Berufsleben so enden würde.

Zeigen, dass man nicht kampflos aufgibt

Das Aus für Ludwigsburg scheint, wenn nicht noch ein Wunder geschieht, besiegelt, Caro-Kaffee soll künftig im portugiesischen Avanca produziert werden. Für die Mascolos war es trotzdem Ehrensache, zu nachtschlafender Zeit vor dem Werk in der Pflugfelder Straße in den Bus zu klettern und bei der zentralen Protestkundgebung vor der Unternehmenszentrale in Vevey die Fahnen für ihr Werk hochzuhalten.

„Um zu zeigen, dass man nicht kampflos aufgibt“, sagt Michele Mascolo. „Und um an das Gewissen der Aktionäre zu appellieren.“ Mit rund 35 Kollegen aus Ludwigsburg haben sie sich vom zentralen Treffpunkt am Veveyer Bahnhof aus in den lärmenden Zug eingereiht, der mit Plakaten, Rätschen und Pfeifen Richtung Nestlé-Hauptsitz marschiert. Die Passanten, für die solch ein Spektakel nicht an der Tagesordnung ist, beäugen den Zug erstaunt. „Trillerpfeifen sind verboten“, hat ein Polizist die Ordner zunächst noch belehrt. Als die Demonstranten trotzdem pfeifen, was das Zeug hält, greift allerdings niemand ein.

Peter Schmidt: „Der Bogen ist überspannt.“

Von allen Werken Deutschlands sind Nestlé-Mitarbeiter gekommen, um zu zeigen, dass sie die Nase voll haben von Effizienzsteigerungsforderungen, Kosteneinsparungen, Personalabbau und Werkschließungen, während gleichzeitig das Profitabilitätsziel 18,5 Prozent ausgerufen wird. Eine Entwicklung, die Nestlé-Deutschland-Gesamtbetriebsratsvorsitzender Andreas Zorn „einfach nur noch zum Kotzen“ findet. Für den Europa-Betriebsratsvorsitzenden Peter Schmidt ist es ein Fanal, dass so viele Beschäftigte aus Deutschland, aber auch aus der Schweiz, Frankreich, England oder Irland, ja selbst aus Australien, Indonesien oder Uruguay an diesem Tag Seite an Seite stehen.

Der geballte Unmut sucht sich Ventile

„Manchmal gibt es Momente, in denen man weiß, dass etwas Historisches beginnt“, ruft er und zeigt auf die Fensterfronten, von denen aus Beschäftigte der Zentrale aus sicherem Abstand beobachten, wie sich draußen der geballte Unmut Ventile sucht. „Heute ist so ein Tag. So etwas haben die da oben noch nie erlebt“, skandiert Schmidt. „Es ist gut, dass sie sehen, dass wir uns nicht auseinanderdividieren lassen. Es ist gut, dass sie sich mit uns beschäftigen müssen.“ Er hofft, dass etwas in Bewegung gerät und „dass das Management endlich den Mut findet, den Aktionären zu sagen, dass es so nicht mehr weitergeht und dass der Bogen überspannt ist.“

Von der Unternehmensspitze kommt niemand heraus, keiner richtet das Wort an die Protestierenden. Immerhin wird eine Delegation in das von Security-Leuten bewachte Gebäude vorgelassen. Im Gepäck hat sie 17 000 Solidaritätsunterschriften, darunter rund 2000 aus dem Raum Stuttgart. Vertreter mehrerer Standorte dürfen vortragen, was ihnen auf der Seele brennt. Eno Sedic, Betriebsratsvorsitzender des Werks in Ludwigsburg, gehört zu der handverlesenen Gruppe. Dass auf der Manager-Seite mit Technik- und Produktionschef Klaus Zimmermann ein früherer Ludwigsburger Werksleiter am Tisch sitzt, verleiht Sedic einen Funken Hoffnung, dass die Werksschließung doch noch abgewendet werden könnte. Die Ludwigsburger Belegschaft hat mit einer Wirtschaftsprüferin Alternativvorschläge erarbeitet. „Wir können beweisen, dass bei den Berechnungen, die zu der Entscheidung geführt haben, Äpfeln mit Birnen verglichen wurden“, sagt der 46-jährige Familienvater.

Viele Mitarbeiter stehen vor der Arbeitslosigkeit

Ob das hilft? Die Ludwigsburger wollen nichts unversucht lassen. Viele sind in einem Alter, das für einen beruflichen Neustart denkbar ungünstig ist. Luis Gadea, 57 Jahre, ist seit 33 Jahren am Standort Ludwigsburg. „Man hat geschuftet und geschichtet, und wenn man heim kam, musste die Frau mit den Kindern aus dem Haus, damit der Papa schlafen konnte“, erinnert er sich. „Gerne gemacht hab’ ich’s trotzdem. Es war unser Brot“, sagt er. Horst Günther arbeitet seit 37 Jahren beim Caro-Werk, Tiziano Piticco seit 28 Jahren, Pasquale Immobile seit 24 Jahren. „Bei mir hängt immerhin keine Familie dran, aber deshalb ist es für mich nicht weniger schlimm“, sagt der frühere Betriebsratsvorsitzende Immobile. „Kurz vor dem Ziel sitze ich auf der Straße, ohne berufliche Zukunft.“ Er hofft, dass zumindest noch etliche Kollegen irgendwie in die Altersteilzeit hinübergerettet werden können. Zum Protestieren ist er mitgefahren, weil er „wenigstens einen Bruchteil der wahren Gründe wissen möchte“, die zum Aus für Nestlé in Ludwigsburg führten.

Die Schweizer Gewerkschaft Unia spricht von „Schande“

Dass solche Wahrheiten überhaupt eingefordert werden müssen, hält Teresa Matteo, Branchenleiterin Nahrung bei der Schweizer Gewerkschaft Unia, für ein Unding. „Es ist eine Riesenschande, dass ihr den weiten Weg hierher auf euch nehmen musstet“, ruft sie den Protestierenden zu. Die haben inzwischen die sorgsam gehegten Grünanlagen vor dem Nestlé-Eingang niedergetrampelt. Hundertschaften stürmen quer über den Rasen auf das Entrée zu, aus dem ihre Abordnung herauskommt. Diese wurde zwar laut Andreas Zorn „nett und freundlich angehört“. Dass der Vorstoß konkret etwas bewirkt, wagt er aber zu bezweifeln.

„Wenn man eine Marke nicht pflegt, stirbt sie“

Dennoch: „Wie hier um Standorte und gegen die Konzernpolitik gekämpft wird und wie hier deutliche Zeichen gesetzt werden, das ist beeindruckend“, findet Uwe Hildebrandt, Südwest-Landesbezirksvorsitzender der Gewerkschaft Nahrung, Genuss und Gaststätten (NGG), deren Vertreter die deutschen Belegschaften begleiten.

Marathon im Caro-Outfit

Für den Ludwigsburger Caro-Kaffee steuert in Vevey ein Mann aus Hessen die schönste und augenfälligste Reminiszenz bei. Reiner Eich, Betriebsratsvorsitzender bei Nestlé in Frankfurt, lief in den Neunziger Jahren Marathon und wurde damals vom Marketing des Unternehmens mit einem Caro-Kaffee-Outfit ausgestattet. „Die Kluft habe ich aus Solidarität rausgeholt. Caro ist eine super Marke, mit der man gerade im Sportbereich punkten könnte“, sagt Reiner Eich. „Aber wenn man eine Marke nicht pflegt, stirbt sie.“

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