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Der Daviscup in seiner bisherigen Form ist Geschichte. Der frühere Tennisstar Carl-Uwe „Charly“ Steeb übt scharfe Kritik an dem neuen Format und prophezeit eine weitere Abwertung.

Stuttgart - Der Tennis-Weltverband (ITF) beschloss eine tief greifende Reform des Daviscups. Statt wie bisher im K.-o.-Modus über ein Jahr die Finalisten zu ermitteln, sollen künftig Ende des Jahres alle teilnehmenden Nationen an einem Ort den Sieger in einer Woche ermitteln.

Herr Steeb, wie stehen Sie zu der Reform?

Das, was den Daviscup ausgezeichnet hat, ist mit dieser Reform zu Grabe getragen worden.

Was hat Ihn denn ausgezeichnet?

Die Atmosphäre, die man als Spieler beim Daviscup erlebt, hat man in dieser Form auf der Tour nicht. Bei Heimspielen steht das ganze Stadion hinter einem – aber es hat auch seinen Reiz, unter ganz besonderen, teils erschwerten Bedingungen in Argentinien, Brasilien oder Frankreich anzutreten. Das sind jedes Mal emotional ganz besondere Momente – im positiven wie im negativen. Das fällt mit einer Endrunde auf neutralem Boden komplett weg.

Gehen die großen Emotionen tatsächlich verloren?

Es ist etwas anderes, sich vor 12 000 bis 15 000 Zuschauern, die einem nicht wohlgesinnt sind, freispielen zu müssen. Oder bei einem Heimspiel mit dem unglaublich großen Druck umgehen zu lernen. Das sind Erfahrungen, die Spielern bei ihrer persönlichen Entwicklung helfen – und die durch die Verlegung des Daviscups auf neutralen Boden verloren gehen. Es gehen definitiv Emotionen verloren.

Sind denn rückblickend auf Ihre Karriere die Daviscup-Erlebnisse die Highlights?

Absolut. Nicht nur, weil wir große Erfolge feiern durften, sondern weil wir als Mannschaft auch mit bitteren Niederlagen umgehen mussten. Auf der Tour ist jeder auf sich gestellt, im Daviscup spürt man noch ein echtes Mannschaftsgefühl.

Hätten Sie also alles beim Alten belassen?

Nein, im bisherigen Format war beileibe nicht alles gut, und es musste reagiert werden.

Wie wären Sie die Reform angegangen?

Ich hätte den Daviscup in seiner bisherigen Form beibehalten, allerdings nur alle zwei Jahre durchgeführt. Dann hätten die Spieler ein wenig Luft dazwischen, und man läuft als Daviscup-Sieger nicht Gefahr, ein halbes Jahr später aus der Weltgruppe abzusteigen. Bisher war es ja so: Das Endspiel war Anfang November, im Januar stand bereits die erste Runde an, und im Falle einer Niederlage musste man direkt in die Relegation. Außerdem habe ich große Sorge, dass durch die ausbleibenden Daviscup-Heimspiele die Popularität des Tennissports weiter sinken wird, was sich negativ auf die Zahlen der Nachwuchsspieler weltweit auswirken könnte.

Es gibt kaum eine Sportart, die jedes Jahr eine Weltmeisterschaft spielt.

Richtig, mir fällt spontan nur Eishockey ein. Daher glaube ich, dass die Wertigkeit des Daviscups auch darunter gelitten hat, dass er jedes Jahr gespielt wurde.

Viele Beobachter zeigen mit den Fingern auf die nicht angetretenen Topspieler und schreiben ihnen die Schuld am schleichenden Niedergang des Daviscups zu.

Das sehe ich anders, schließlich sind die Terminkalender der Spieler über die Jahre immer voller geworden. Und die müssen nach ihrer eigenen Karriere schauen. Und sind wir ehrlich: Wenn ein Spieler eine kürzere Karriere hat, weil die Belastung zu hoch war, haben weder der Spieler noch die nationalen oder internationalen Verbände etwas davon. Und die Preisgelder sind auf der Tour massiv gestiegen, im Daviscup hingegen stagniert. Da müssen die Spieler verständlicherweise abwägen.

Können Sie verstehen, dass man bei der ITF die Entscheidung offenbar ohne Einbeziehung der Topstars oder der Spielergewerkschaft der ATP getroffen hat?

Wenn das so war, finde ich das sehr erstaunlich. Denn ganz egal, wann und wo der Daviscup gespielt wird, muss die ITF ein Interesse daran haben, dass die Topspieler auch antreten. Ansonsten ist das Projekt zum Scheitern verurteilt.

Der Zeitpunkt für die Daviscup-Endrunde ist nach der ATP-WM Ende November. Hätten Sie Verständnis, wenn die Spieler wegen des späten Zeitpunktes absagen?

Ich kenne keinen Spieler, der im bisherigen Format ein Daviscup-Finale abgesagt hätte. Aber in dem neuen Format auf neutralem Boden befürchte ich eine weitere Abwertung. Dann kann es sein, dass Spieler, deren Saison eigentlich seit sechs, sieben Wochen beendet ist, auf dieses Event zugunsten der Vorbereitung oder der Regeneration verzichten.

Zur Person

Carl-Uwe „Charly“ Steeb wird am 1. September 1967 in Aalen geboren.

Er gewann drei Mal den Daviscup und ist damit der einzige Deutsche, der an allen drei Daviscup-Erfolgen beteiligt war. Nach seiner Karriere wurde Steeb Teamchef der deutschen Mannschaft und später Vizepräsident beim Deutschen Tennis-Bund.

Steeb lebt heute in der Schweiz und ist an der Sportvermarktungsagentur 4sports & Entertainment AG beteiligt.

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