Erst kommt der Mietvertrag – dann die Schlüsselübergabe. Das Projekt der Caritas begleitet und berät Vermieter und Mieter. Foto: dpa/Christin Klose

Die Stadt Nürtingen und die Caritas Fils-Neckar-Alb verlängern das Projekt Türöffner. Menschen mit geringem Einkommen sollen günstige Wohnungen vermittelt werden. Leerstände stehen besonders im Fokus.

Vermieten ist Vertrauenssache, das zeigen die Erfahrungen der Initiative Türöffner. Diese kirchliche Wohnrauminitiative, die ungenutzten Wohnraum zu bezahlbaren Mieten an Menschen in schwieriger Lage und mit geringem Einkommen vermitteln will, hat in Nürtingen eine Zwischenbilanz gezogen. Seit dem Projektbeginn im September 2022 konnten 43 Menschen mit 16 Wohnungen versorgt werden, in den Kreisen Esslingen und Göppingen zusammen waren es seither sogar 56 Wohnungen. Das Projekt wird verlängert.

 

Ein eigenes Büro in Nürtingen

„Für uns ist das eine Erfolgsgeschichte“, bewertet die Nürtinger Bürgermeisterin Annette Bürkner die Zusammenarbeit zwischen der Caritas Fils-Neckar-Alb und der städtischen Verwaltung. Und Simon Klaiber von der Stabsstelle Wohnen und Unterbringung ergänzt, das seien 16 Familien, „die wir nicht kommunal unterbringen müssen“ und vor allem seien dadurch weniger Familien seither von Obdachlosigkeit bedroht. Angesichts des Erfolgs soll das Projekt in Nürtingen für weitere drei Jahre mit jeweils 100 000 Euro gefördert werden.

Was macht das Erfolgsrezept von Türöffner in Nürtingen aus? Die Beteiligten sind sich einig, dass die finanzielle Unterstützung der Kommune, die damit die Caritas bei den Personalkosten unterstützt, Teil des Erfolgs ist. Denn damit habe man auch ein eigenes Türöffner-Büro in Nürtingen als Anlaufstelle einrichten können, erklärt Helga Rütten, die bei der Caritas die Fachleitung Solidarität inne hat.

Rütten wünscht sich vor allem für die Kinder der wohnungssuchenden Familien ein stabiles Wohnumfeld, das in Notunterkünften mangels Platz nicht gegeben sei. „Kinder müssen zur Ruhe kommen können für ein gesundes Aufwachsen.“ Das sei auch wichtig für deren schulischen Erfolg, erklärt die Caritas-Mitarbeiterin.

Die Akteure sind sich einig, dass eine kommunale Unterbringung mit einem regulären Mietverhältnis nicht zu vergleichen sei, wie Klaiber erklärte. In erster Linie würden in den Wohnungen, in die die Stadt einweist, keine vergleichbaren Mieterrechte gelten. So könne die Kommune diese Bewohner jederzeit in andere Unterkünfte versetzen und den jeweiligen Wohnraum auch betreten.

Auch die Vermieter werden beraten

Klaiber kann sich gut vorstellen, auch für von der Kommune bereits angemietete Wohnungen eine Zusammenarbeit mit den Fachleuten vom Projekt Türöffner zu starten. Ob es dazu kommt, sollen aber die Vermieter entscheiden. Auch für Vermieter sehen Caritas und Kommune einige Vorteile, wenn sie sich am Projekt Türöffner beteiligen. Denn anders als bei einer Unterbringung können sich die Vermieter beim Projekt Türöffner ihre künftigen Mieter aussuchen und werden vom Team um Helga Rütten beraten bei Fragen rund um Vertrag und Nebenkostenabrechnung.

Da die meisten Interessenten nach Worten von Sozialarbeiterin Saskia Mikschy Arbeitslosen- oder Bürgergeld erhalten, werde die Miete direkt vom Jobcenter oder vom Landratsamt überwiesen. Dabei orientiere sich die Miete an den aktuell geltenden Mietobergrenzen im Kreis Esslingen. Seit Projektbeginn würden Vermieter vor allem gerne an Geflüchtete aus der Ukraine vermieten, laute außerdem eine Erfahrung.

Die Stadt Nürtingen sieht weiteres Potenzial bei der Aktivierung von Wohnungsleerständen, nachdem bereits im Jahr 2020 Eigentümerinnen und Eigentümer von 130 leer stehenden Wohnimmobilien angeschrieben worden waren. Nun sollen erneut die Besitzer leer stehender Häuser auf das Projekt angesprochen werden.

In einem mehrstufigen Prozess werten Helga Rütten und ihr Team die Wünsche von möglichen Vermietern und potenziellen Mietern aus. Und wenn die Wünsche zusammen passen, führen die Fachleute vom Projekt Türöffner beide Seiten bei einer Wohnungsbesichtigung zusammen. Dabei haben die Vermieter die Auswahl unter mehreren möglichen Mietern.

Eine Prämie winkt

Außerdem begleitet das Team die Partner über zwei Jahre, vermittelt bei Differenzen und hilft beim Gang zum Jobcenter oder dem Landratsamt, die den Mietvertrag absegnen müssen, je nachdem welches Amt zuständig ist. Als zusätzlichen Anreiz können Eigentümer, die nach mehr als neun Monaten Leerstand vermieten, 2000 Euro Wiedervermietungsprämie des Landes erhalten.

Bevor ein Mietvertrag steht, prüft die Caritas den baulichen und technischen Zustand. „In prekäre Wohnverhältnisse vermitteln wir nicht“, sagt Rütten. Auf die Frage, wie Vermietungen an viele Menschen auf engstem Raum verhindert werden können, wie sie beispielsweise in den Brandruinen in der Nürtinger Schafstraße zustande gekommen sein sollen, sagt Rütten: Wenn Größe der Wohnung und Zahl der Mieter nicht zusammen passten, mache die Caritas nicht mit. „Dass hier jemand das Maximum an Miete herausholt, ist nicht möglich“, ergänzt Klaiber die Haltung der Kommune. Stattdessen sei man angetreten, mit Druck auf solche Vermieter einzuwirken.

In Nürtingen fehlen viele bezahlbare Wohnungen

Fehlbestand
Noch immer gibt es in Nürtingen einen erheblichen Fehlbestand an bezahlbaren Wohnungen. Zu Beginn des Projekts Türöffner waren es 1355 Wohnungen. Zahlen für 2024 liegen noch nicht vor. Der Bedarf zeigt sich laut Stadtverwaltung auch an den zahlreichen Beratungen, die die Stadtverwaltung anbietet. 2022 wurden 630 Beratungen geführt, 2023 waren es insgesamt 624 Beratungen zum Thema „Wohnraum“ allgemein und 112 zum Thema „drohender Wohnungsverlust“. 2024 gab es bislang 124 Beratungen und weitere 41 zum Thema „drohender Wohnungsverlust. Der tatsächliche Bedarf wird allerdings höher eingeschätzt, sei aber wegen Personalengpässen nicht abzudecken.

Sicherheit
Die Kommune hat einen Risikofonds von 10 000 Euro eingerichtet, über den eventuelle Schäden oder Mietrückstände beglichen werden können. Bisher musste der Fonds laut Verwaltung noch nicht angetastet werden.