Seit Oktober steht Eva-Maria Welskop-Deffaa an der Spitze der Caritas, des größten deutschen Wohlfahrtsverbandes. Sie versteht sich als politische Präsidentin – das spiegelt sich auch in ihren Positionen.
Seit Oktober steht Eva-Maria Welskop-Deffaa an der Spitze des deutschen Caritasverbandes. Der größte Sozialdienstleister Deutschlands zählt fast 700 000 Mitarbeitern und 500 000 Ehrenamtliche. Sie versteht sich als politische Präsidentin – das spiegelt sich auch in ihren Positionen.
Frau Welskop-Deffaa, haben wir ein Armutsproblem?
Auf jeden Fall. Bei unserem Empfang zum 125. Geburtstag der Caritas haben wir das gerade zum Thema gemacht. Es war sehr erschreckend, die aktuellen Armutszahlen bestätigt zu bekommen. Insbesondere der Krieg in der Ukraine verschärft alle Problemlagen, die uns schon bekannt waren. Ganz gleich, ob sie durch Kriege wie in Afghanistan oder dem Senegal verursacht, oder klimagetrieben sind. Die Dürren in verschiedenen Regionen Afrikas haben lange vor Putins Krieg gegen die Ukraine zu dramatischer Nahrungsmittelknappheit geführt.
Wie sieht es in Deutschland aus?
Der Krieg in der Ukraine birgt die Gefahr, den Blick auf die nationalen Gerechtigkeitsfragen zu verstellen. Dabei hatten wir bei der Lektüre des Koalitionsvertrages die Hoffnung, dass die Armut in Deutschland entschlossen angegangen würde, etwa durch eine nationale Strategie zur Überwindung der Wohnungslosigkeit bis 2030. Jetzt haben wir die Sorge, dass die Kräfte fehlen. Hinzu kommt, dass die derzeit steigenden Preise für Energie und Nahrungsmittel fatale Armutstreiber sind. Das wird Menschen, die bereits am Existenzminimum lebten, zusätzlich treffen. Wir merken das jetzt schon bei unseren Schuldenberatungsstellen.
Armut ist kein neues Phänomen. Wie kann es in einem so reichen Land überhaupt Armut geben?
Immer wieder wächst Armut der einen mit dem Reichtum der anderen. Wer mit einem Bruchteil des Durchschnittseinkommens auskommen muss, erlebt sich an den Rand gedrängt, elend und ausgegrenzt. Armut ist auch heute in reichen Ländern bittere Wirklichkeit Eines der Probleme, die wir in Deutschland haben, ist die verfestigte Arbeitslosigkeit. Das macht uns Sorgen, denn sie hat in den vergangenen zehn bis 15 Jahren deutlich zugenommen. Wer drei oder vier Jahre arbeitslos ist, hat statistisch nur noch schlechte Chancen, beruflich wieder einzusteigen, sondern wird in dieser prekären Situation bleiben.
Was muss sich ändern?
Die Berechnung des Existenzminimums muss korrigiert werden. Und auch die Sanktionen müssen reformiert werden, besonders für junge Leute. Viel zu oft sind die Sanktionen Auslöser, sich aus dem System des Forderns und Förderns zu verabschieden. Jugendliche versuchen, ohne die Transferleistungen auszukommen und nehmen die Beratungs- und Hilfsangebote nicht mehr wahr. Genau diese Angebote bauen aber die Brücke aus der Krise. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die bloße Anpassung der Regelsätze nicht die ganze Dimension der Armut erfasst. Armut ist mehr als ein Problem des Geldes. Daher ist es uns Caritasverband wichtig, die Angebote der sozialen Infrastruktur flächendeckend vorzuhalten. Denn wer in einen Teufelskreis der Verschuldung hineingerät in dem sich gesundheitliche und familiäre Probleme verstärken, kann sich oft nicht mehr selbst daraus befreien. Leider gibt es einen großen Unterschied zwischen Stadt und Land bei der Erreichbarkeit von Beratungsstellen und anderen sozialen Diensten.
Wie reagieren Sie darauf?
Die Bundespolitik hat zu Beginn der Pandemie glücklicherweise schnell verstanden, dass die soziale Infrastruktur in der Krise doppelt wichtig, durch die Lockdowns aber durchaus existentiell gefährdet ist. Wenn eine Einrichtung etwa lockdownbedingt weniger oder keine analogen Beratungen durchführen kann, bekommt sie weniger Geld, weil sie über die Fallzahlen finanziert wird. Da haben die Schutzschirme, die über den sozialen Dienstleistungen aufgespannt wurden, als Versicherung gut gewirkt. Anstatt sich um drohende Insolvenz zu sorgen, konnten die Träger innovative Angebote entwickeln, um auch in der Pandemie erreichbar zu sein. Damit ist Resilienz des Sozialstaats ein Stück weit unter Beweis gestellt worden.
Die Schlangen vor den Tafelläden werden immer länger. Wie lässt sich dieses Problem lösen?
Die Tafeln sind ein Seismograph und aller Kritik zum Trotz ein Teil der Lösung. Sie wirken der Nahrungsmittelverschwendung entgegen und leisten damit einen Beitrag zur Nachhaltigkeit. Ich hoffe, dass ihre Sichtbarkeit im Alltag zum Impuls wird, jetzt sozialpolitisch zu handeln. Die Schlangen vor den Läden sind ein Warnzeichen. Leider wissen wir, dass Menschen sich an Bilder gewöhnen können, selbst an Schreckensbilder. Sich immer wieder neu von solchen Bildern anrühren zu lassen, setzt die Bereitschaft voraus, eigene Verwundbarkeit anzuerkennen. Und das ist wichtig, um Missstände nicht nur kosmetisch zu verändern.
Große Probleme stellen sich auch beim Thema Pflege. Wie Ihre Einschätzung?
Pflege ist eins der ganz großen Themen unserer Gesellschaft. Man kann die Tage zählen, bis die Babyboomer in Rente gehen und diese Generation einen erhöhten Pflegebedarf hervorbringt. Ich habe die Hoffnung, dass wir in den kommenden Jahren nicht allein die Frage des Bedarfs nach stationären Einrichtungen sowie deren Pflegeschlüssel und die Qualitätsstandards diskutieren, sondern die Herausforderungen der alternden Gesellschaft innovativer und visionärer betrachten.
Was verstehen Sie darunter?
Wir müssen den Pflegemix aus stationär und ambulant stärker in den Blick nehmen, um die demografische Herausforderung zu meistern.
Auch das klingt abstrakt.
Was mich beim Wettbewerb in der ambulanten Pflege intensiv umtreibt, ist die Situation, dass wir in manchen Straßen Autos von fünfzig verschiedenen Pflegediensten zur gleichen Zeit sehen. Das ist eine Verschwendung von Benzin, Arbeitszeit und sozialen Netzwerken. Eine andere Form der Organisation könnte hier nicht nur die professionelle Pflegeleistung effizienter konzentrieren, sie könnte auch dazu beitragen, die sozialen Beziehungen der betreuten Haushalte untereinander zu stärken. Es werden hier meines Erachtens zu wenig Synergien genutzt.
Margot Käßmann schrieb mal, die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten hätten keinerlei Vorstellung vom Alltag der Familien. Haben Politiker keine Vorstellung vom Alltag der Armen?
Es ist ohne eigene Armutserfahrung schwierig, sich in die Situation hineinzuversetzen, langzeitarbeitslos zu sein und viele Jahre mit SGBII-Leistungen auszukommen. Viele tun sich schwer sich vorzustellen, dass eine kleine Störung ausreichen kann, um auf der Schattenseite des Lebens eine handfeste Krise auszulösen. Positiv hervorheben möchte ich, dass nicht wenige Politiker in den Sozialausschüssen Anstrengungen unternehmen, um die Themen, die sie entscheiden, alltagspraktisch zu verstehen.
Haben Sie die nötige Alltags-Fantasie?
Als Leiterin des Ressorts Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik bei Verdi habe ich wiederholt im Jobcenter hospitiert. Die Erinnerungen an die Schicksale, denen ich begegnete, sind mir bis heute sehr lebendig. Jetzt knüpfe ich daran an, indem ich regelmäßig Caritas-Einrichtungen vor Ort besuche und mich in Gespräche mit Klientinnen und Klienten für die Perspektive der Betroffenen öffne.
Stichwort Fantasie. Brauchen wir in Zukunft ein ganz neues Modell, um den gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen etwa durch ein bedingungsloses Grundeinkommen?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leistungsgesellschaft, in der wir alle sozialisiert sind, einen solchen Paradigmenwechsel vollzieht. Da sind starke kulturelle Prägungen am Werk. Man sieht, so scheint mir, aktuell an den Themen Triage, Impfpflicht oder Suizidhilfe, wie dominant die Orientierung an den Leistungsträgern ist. Man gewinnt den Eindruck, dass sich politisch immer wieder die Menschen durchsetzen, die ihr Leben selbst in der starken Hand haben. Dass es aber viele verletzliche Menschen gibt, die Zweifel haben, ob sie in dieser Gesellschaft respektiert und akzeptiert sind, das wird erschreckend oft vergessen. In diesem kulturellen Kontext klingt mir das Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommen wie ein Plädoyer für ein Sparmodell. Denn machen wir uns nichts vor: die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens würde mit dem Ende unseres differenzierten Hilfesystems erkauft, das auf konkrete Bedarfe mit passgenauen Leistungen reagiert. Dann bliebe statt Wohngeld und Kindergeld und Eingliederungshilfe nur die Pauschale, die letztlich Kosten spart.
Am Mittwoch beginnt der Katholikentag in Stuttgart. Was versprechen Sie sich von diesem Christentreffen?
Dieser Katholikentag findet in kirchenpolitisch sehr schwierigen Zeiten statt. Wer fühlt sich heute eingeladen zu einem Katholiken-Treffen in der Öffentlichkeit, wo viele ihr Katholischsein lieber verstecken? Katholischsein heißt ja auch Mitglied in einer Kirche zu sein, die stark und berechtigt im Visier der kritischen Öffentlichkeit steht. Dieses Zögern merke ich sowohl bei Kolleginnen und Kollegen als auch im Familienumfeld. Diejenigen, die sich vor zehn Jahren noch auf jeden Katholikentag gefreut haben, sagen heute: Muss ich dahin gehen?
Muss man?
Wir als Caritas sagen: Ja. Wir freuen uns auf diesen Katholikentag. Das hat auch mit dem Motto zu tun: ,leben teilen‘. Das ist eine großartige Botschaft in der heutigen Zeit. Sie weist deutlich über das bloße Teilen von Brot und Mantel hinaus. Dahinter steht die Zusage: „Wenn wir unsre Leben miteinander teilen, wird nicht nur die Hälfte übrigbleiben, sondern kann das Doppelte herauskommen. Man muss keine Angst haben, schließlich mit leeren Händen dazustehen, wenn man gibt.“ Es ist eine starke Einladung, das Leben zu teilen, anderer Leben zu begleiten und dabei mit offenen Augen die zu sehen, die im Regen stehen. Aufhören wegzuschauen – das kann auch das eigene Leben bereichern. Es ist wichtig, das Miteinander zum Thema zu machen, weil das Auseinander so wirkmächtig ist. Nicht nur als Erfahrung des Krieges. Wir wissen, wie sehr Einsamkeit zur Alltagswirklichkeit geworden ist. Dabei kann es so einfach sein, die Schallmauer der Verzweiflung zu durchbrechen, wenn man Türen öffnet, und wenn man einfach ein Stück Leben oder einige Stunden Zeit miteinander teilt.
Wenn man Sie reden hört, könnte man meinen, es gehe um einen Caritastag.
(Lacht) Ja, genau. Vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte wird mit „leben teilen“ aus dem Katholikentag ein Caritastag.
Welche Impulse erwarten Sie davon?
Dass alle, die dieser Kirche nicht den Rücken gekehrt haben, sich gegenseitig Zuspruch geben und im Bewusstsein aller Probleme diese Tage gemeinsam teilen. Dann können wir daraus neue Kraft und neuen Mut schöpfen, um die Themen anzupacken, die so wichtig sind. Frei nach dem Motto des Caritas-Jubiläums: Zukunft und Zusammenhalt – das machen wir gemeinsam.
Und welche Rolle kann dabei die Caritas einnehmen?
Caritas geht insofern über Nächstenliebe hinaus, als sie gemeinsam geschieht, so hat es einer meiner Vorgänger formuliert. Caritas ist ein Gegenmittel gegen Ohnmacht. Wir wollen auf die Krisen dieser Welt aus einer christlichen Verantwortung heraus Antworten geben. Wenn uns das ein klein wenig gelingt, dann wird der Katholikentag ein großer Erfolg.
Zur Person
Eva Maria Welskop-Deffaa
(63) gehört seit Juli 2017 dem Vorstand des Deutschen Caritasverbandes an, zuständig für Fach- und Sozialpolitik. 2021 wurde sie zur Präsidentin gewählt. Dabei setzte sich auch gegen Stadtdekan Christian Hermes durch. Ihr Abi machte sie 1977 in Duisburg, schlug anschließend eine universitäre Laufbahn ein. In München erwarb sie das Diplom für VWL.
Jubiläum
In diesem Jahr feiert die Caritas unter dem Motto #DasMachenWirGemeinsam ihren 125-jährigen Geburtstag. 1897 vom Priester Lorenz Werthmann als Sozialbewegung der katholischen Kirche mit gesellschaftlicher Sprengkraft gegründet, hat die Caritas heute über 700 000 Mitarbeiter. Weitere Informationen unter: caritas.de