Jörn Salini nutzt die E-Autos der Car2go-Flotte vor allem für Fahrten zwischen dem Flughafen und seinem Zuhause in Heumaden. Foto: Caroline Holowiecki

Die E-Mobil-Verleiher Car2go verkleinert sein Geschäftsgebiet. Ab dem 2. November entfallen Ortsteile in allen Filderbezirken. Nutzer, die dort wohnen, dürfen dann die Autos nicht mehr vor der Haustür abstellen. Für sie ist das Angebot damit wohl unbrauchbar.

Filder - Car2go kehrt mehreren Stadtteilen den Rücken, auch sämtliche Filderbezirke sind betroffen. Abgekoppelt werden Heumaden, Schönberg, Asemwald, das Areal um den Europaplatz auf dem Fasanenhof, Rohr und Hoffeld. Das Stuttgarter Geschäftsgebiet, wozu auch Böblingen, Sindelfingen, Gerlingen und Esslingen zählen, wird um ein Drittel reduziert. Allein die Landeshauptstadt verliert 9,1 Quadratkilometer, aus Firmensicht sind die jedoch zu vernachlässigen. „Knapp über zwei Prozent unserer Kunden wohnen in den betroffenen Gebieten“, erklärt Vera Pfister, eine Sprecherin von Car2go. Und nur acht Prozent aller Mieten starteten und endeten derzeit mehr als 300 Meter außerhalb der Grenzen des neuen Geschäftsgebiets.

Eine Übersicht über die E-Mobilitäts-Angebote in Stuttgart gibt es hier.

Für die Daimler-Tochter rechnet sich das nicht. Zeiten wurden evaluiert, vor allem Autos, die durchschnittlich 18 Stunden und mehr auf einem Fleck verweilten, wurden beäugt. „Häufig stranden hier Autos in Außenbezirken mit geringer Nachfrage und fehlen dann in der Innenstadt, wo die Kunden die Autos besonders stark nachfragen“, wird Thomas Beermann, Car2go-Europe-Chef, in einer Mitteilung zitiert.

Abgehängt werden vor allem Gebiete an den „ausgefransten Rändern, wo die Verbindungen ohnehin schon schlecht sind“, moniert Andrea Lindel, die Bezirksvorsteherin von Plieningen und Birkach. In ihrem Zuständigkeitsgebiet fallen Asemwald und Schönberg raus. Einwohner sind enttäuscht. Der Bürgerverein Schönberg etwa macht auf die schlechte ÖPNV-Anbindung aufmerksam und hat sich an die Car2go-Führung gewandt, die soll die Planungen überdenken und bestenfalls rückgängig machen. Ebenso hat der Verein das Referat Strategische Planung und Nachhaltige Mobilität ersucht, dringend auf das Unternehmen einzuwirken.

Ein Widerspruch in sich

Für Günther Joachimsthaler, den Vorsitzenden des Bürgervereins Fasanenhof, stellt sich die Frage, ob die Politik nicht etwas bewirken könnte. Bei allem Verständnis für unternehmerisches Handeln sieht er große Nachteile für die Außenbezirke: „Auf der einen Seite möchte man weniger Verkehr, auf der anderen Seite wird das ad absurdum geführt.“ Und das „gerade jetzt zum Start der Feinstaubsaison“, sagt Andrea Lindel dazu. Susanne Stückle, die stellvertretende Bezirksvorsteherin von Vaihingen, bedauert den Rückzug aus Rohr auch im Hinblick auf die Verkehrsprobleme in ihrem Bezirk. Nach Peter-Alexander Schrecks Empfinden wäre „ein längerer Atem gerade und vor allem für das Geschäftsfeld Neue Mobilität vonnöten“. Der Sillenbucher Bezirksvorsteher glaubt, „dass bei einer Standortoptimierung und bei längerer Einführungslaufzeit auch in Heumaden schwarze Zahlen geschrieben werden könnten“. Vera Pfister betont, dass Kunden Randgebiete weiter ansteuern können. Was jedoch technisch ab 2. November nicht mehr möglich sein soll, ist, dass man die Miete dort beendet. Die Uhren – und die Kosten – laufen weiter, bis man den Wagen im erlaubten Gebiet abmeldet.

Jörn Salini aus Heumaden nützt das nichts. Er ist einer von etwa 2100 Kunden, die, wie er findet, „vor den Kopf gestoßen“ werden. Er fährt die E-Smarts vor allem zwischen Flughafen und seinem Haus und findet: „Wenn man Teile herausnimmt, ist das Konzept tot. Das ist das erste Eingeständnis fürs Scheitern.“ Den Eindruck, dass in seiner Nachbarschaft die Mobile lang stehen, teilt er nicht – aber auch wenn dem so wäre, betont er: „Wenn man eine Vision hat, muss man durch Anfangsschwierigkeiten durch.“

Die Miete muss im Geltungsbereich beendet werden

Die Ladestationen in den Außenbereichen können weiter genutzt werden – von Car2go-Wagen während der Mietzeit oder von jedem anderen E-Mobil. Die meisten betreibt die EnBW. Zwar betont Hans-Jörg Groscurth, ein Firmensprecher: „Wir schauen uns sehr wohl an, wie häufig diese genutzt werden und haben auch schon einige Ladensäulen verlegt.“ Car2go sei ein signifikanter Stromabnehmer, da er aber eh mit einem Zuwachs bei E-Autos rechnet, glaubt Groscurth aktuell nicht, dass sich die Zahl der Ladestationen reduzieren wird.

Die Grünen im Gemeinderat greifen das Thema in einem Antrag auf. „Die Ankündigung von Car2go, die Flotte stärker auf das Kerngebiet zu konzentrieren, ist ein Schritt in die falsche Richtung“, schreibt die Öko-Partei und verweist auf die Debatte über Fahrverbote und Luftreinhaltung. „Gerade als flexible Ergänzung des ÖPNV-Angebots sollen auch die eher schlecht an den Nahverkehr angebundenen Gebiete abgedeckt werden können.“ Ein Angebot, das sich lediglich auf die gut an den Nahverkehr angebundenen Bereiche im Stadtzentrum beschränke, verliere die wichtige Ergänzungsfunktion. Die Grünen fordern nun einen Bericht von Car2go in der nächsten Sitzung des Ausschusses für Umwelt und Technik. Das Unternehmen soll die Gründe für seine Entscheidung darlegen.

Unsere Karte zeigt das neue Geschäftsgebiet von Car2go in Stuttgart und Umgebung:

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