Eine Erfolgsgeschichte: Rund 100 Cap-Supermärkte gibt es in Deutschland. Der erste stand in Herrenberg. Foto: factum/Simon Granville

Das Unternehmen Femos in Gärtringen, zu dem auch die Cap-Supermärkte gehören, feiert seinen 30. Geburtstag. Dass Schwerbehinderte heute auf dem ersten Arbeitsmarkt Jobs finden, ist sein großes Verdienst.

Gärtringen - Mit der Butter hat alles angefangen. Rainer Knapp wollte in Ziegelfeld, einem Stadtteil von Herrenberg, kurz einkaufen, doch der Netto-Markt um die Ecke war weggezogen. „Wo soll ich jetzt meine Butter kaufen?“, fragte sich Knapp und hatte eine Idee. Als Geschäftsführer der Inklusionswerkstätten der GWW suchte er für Menschen mit Behinderung Jobs, die sie mehr beanspruchen, als Kabel zu sortieren und Plastikteile zusammenzustecken. „Warum sollen Schwerbehinderte nicht die Nahversorgung übernehmen?“, fragte er weiter. Nur wenige Wochen später eröffnete er in Ziegelfeld den ersten Cap-Supermarkt.

Die Geschichte erzählt Rainer Knapp am vergangenen Freitag, 20 Jahre später, in einem Zelt in Gärtringen. Draußen ploppen Regentropfen auf das Dach. Drinnen feiern die Besucher die Erfolgsgeschichte und das 30-jährige Bestehen der Firma Femos, welche die Cap-Märkte in die Welt brachte – und damit die Arbeit von Behinderten in die Öffentlichkeit rückte.

Früher gab es nur die Werkstatt

Die Märkte sind zu einer Art Visitenkarte von Femos geworden. Dabei verwaltet das Unternehmen allerhand von anderen Inklusionsbetrieben. Eine Möbelhalle in Böblingen, Müllentsorgungsanlagen, verschiedene Produktionsstätten. Stets herrscht der Anspruch, Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung im so genannten ersten Arbeitsmarkt unterzubringen. Mit 150 schwerbehinderten Mitarbeitern ist die Firma das größte Inklusionsunternehmen in den Kreisen Böblingen und Calw.

Anhand der Firmenentwicklung sieht man auch, wie sich die Stellung der Integrationsbetriebe innerhalb der Gesellschaft gewandelt hat. „Vor 30 Jahren waren Werkstätten vom ersten Arbeitsmarkt ganz weit weg“, sagt Knapp. Entweder ein Arbeiter konkurrierte in der freien Marktwirtschaft mit den Fitten und Gesunden, oder er galt als behindert und arbeitete in einer Werkstatt. „Zwischenformen gab es damals noch nicht.“

Der Wandel kam, als Leute wie Rainer Knapp und Firmen wie Femos darauf pochten, dass Behinderte auch kompliziertere Aufgaben übernehmen könnten. „Auch behinderte Menschen haben unterschiedliche Potenziale und wollen nicht alle die gleiche Arbeit machen, sondern sich weiterentwickeln“, sagt Knapp. Vor 28 Jahren schuf er die erste Außenfiliale bei der Computerfirma HP. Die Kritiker schüttelten den Kopf. Doch das Experiment gelang. Stetig weitete Knapps Unternehmen die Liste seiner Kunden aus. Bald kamen auch Daimler und Philipps dazu. Einige Jahre später gründeten er Cap, der Name leitet sich von „Handicap“ ab, Englisch für Behinderung.

„Inklusion wird nicht zur Kostensenkung führen“

Vier Cap-Märkte betreibt Femos heute noch selbst. Die anderen sind über ein Franchise-System ausgelagert und gehören mal Privatpersonen, mal sozialen Einrichtungen wie der Caritas. Rund 100 Cap-Märkte gibt es in Deutschland. Die meisten stehen in den Innenstädten kleinerer Ortschaften und haben den Platz eingenommen, die ihre großen Konkurrenten um Aldi, Lidl und Netto herum hinterließen. Von den 1300 Mitarbeitern hat jeder zweite eine Schwerbehinderung. Dadurch geht es an der Kasse manchmal langsamer. Die Gänge sind breit, die Regale niedrig. „Besonders Ältere schätzen, dass wir anders sind und nicht so eine Hektik verbreiten“, berichtet Knapp, der sich vor etwa zehn Jahren aus dem Geschäft zurückgezogen hat und Rentner ist, aber noch immer einen guten Draht zu Femos pflegt.

„Unsere Kunden erwarten von uns die gleiche Qualität wie von jeder anderen Firma“, sagt am Jubiläumstag der heutige Geschäftsführer Wilhelm Kohlberger. Wobei nicht ein hoher Gewinn das Ziel ausmache, sondern eine Schwarze Null.

Das zeigt einerseits, wie sehr Firmen wie Femos sich in das Wirtschaftsgetriebe des Landes eingegliedert haben und in Zeiten des Fachkräftemangels wichtige Aufgaben übernehmen. Andererseits unterstreicht das auch die gesellschaftliche Anstrengung, die nötig ist, damit soziale Firmen in einer Marktwirtschaft mithalten können. Keines der etwa 900 Inklusionsunternehmen in Deutschland, davon 84 in Baden-Württemberg, ist in der Lage, ohne finanzielle Hilfen vom Staat zu existieren. Bis zu 250 000 Euro bekommt ein Betrieb laut dem Kommunalverband KVJS für eine Neugründung, bis zu 75 000 Euro im Jahr für die Modernisierung oder Erhaltung einer Firma.

Wie auch in der Schule und anderswo gilt: „Inklusion wird nicht zur Kostensenkung führen“, sagt Kohlberger. Es sei eine Frage der Würde, welche Chancen wir Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten ermöglichen wollten, sagt Knapp.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: