Der Cap-Markt am Ortsrand von Münchingen verkauft am Samstag, 14. April, zum letzten Mal Lebensmittel: Er hatte zu wenig Umsatz. Foto: factum/Bach

Das für viele Bürger überraschende Aus des Cap-Marktes an der Stuttgarter Straße zeigt: Die Münchinger lassen ihr Geld lieber außerhalb des Stadtteils liegen.

Korntal-Münchingen - Den Cap-Markt in Münchingen zu schließen, darüber haben Betreiber und Marktleiter seit vielen Jahren immer wieder nachgedacht. Nun haben sie einen Entschluss gefasst: Am Samstag verkauft der Supermarkt zum letzten Mal Lebensmittel. „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht“, sagt Jörg Moosmann, Fachbereichsleiter der 15 Cap-Märkte im Großraum Stuttgart und in Mannheim, die das gemeinnützige Nintegra Unternehmen für Integration betreibt.

Das Geschäft an der Stuttgarter Straße sei wirtschaftlich nicht tragfähig, auch der Lieferservice laufe schleppend. „Wir haben zu wenig Zuspruch aus der Bevölkerung, obwohl wir auch bei Festen oder Messen immer präsent waren, bis uns die Ressourcen fehlten“, sagt Moosmann. Im Schnitt kämen im Monat rund 10 000 Kunden, darunter viele Ältere und Mütter. Für ein rentables Geschäft wären 20 Prozent mehr Umsatz nötig. „Großeinkäufe erledigen die Kunden woanders“, sagt Moosmann. Vor vier Jahren befragte ein Marketing-Mitarbeiter die Haushalte: Demnach kaufen die Münchinger drei Viertel des täglichen Bedarfs nicht im Stadtteil ein. Dazu zählen auch Kleidung oder Drogerieartikel.

Als Kaufland in Kallenberg im Februar 2016 zumachte, erlebte Cap eine „Hochzeit“ – und „massive Einbrüche“, als Edeka im November öffnete, sagt Moosmann. Er wisse nicht, warum die Münchinger Cap so wenig nutzen, zumal sie laut jener Umfrage die Nahversorgung wichtig finden. „Solche extremen Probleme haben wir an keinem anderen Standort.“

Im Sommer schließt auch Lidl – für etwa vier Wochen

Der Vorsitzende des Münchinger Ortsverbands des Bunds der Selbständigen (BDS), Frank Di Marco, sagt, er bedaure die Schließung des Cap-Marktes. Sie sei „überraschend“ gekommen. „Der Laden ist vor allem für Ältere enorm wichtig.“ Jedoch liege er mit Eingang und Parkplätzen auf der hinteren Gebäudeseite „ungeschickt“. „Auch sind Obst und Gemüse nicht immer so frisch, wie die Kunden es gerne hätten.“

Aus seiner Sicht lassen die Münchinger ihr Geld mangels eines Vollsortimenters außerhalb des Stadtteils liegen. Dieser habe für einen Vollsortimenter aber keine freien Flächen, die groß genug seien und zentral lägen. „Die Menschen legen immer mehr Wert auf das sogenannte One-Stop-Shopping. Die Lücke wurde durch Edeka in Kallenberg geschlossen“, sagt Di Marco.

Ohne den Cap-Markt bleibt den Münchingern als Lebensmittelgeschäft nur noch Lidl knapp 300 Meter weiter. Im Sommer müssen die Bürger aber auch auf den Discounter verzichten: Wegen Umbaus schließt Lidl „voraussichtlich für wenige Wochen“, heißt es auf Anfrage unserer Zeitung. Vom Personal erfahren Kunden Genaueres: So sollen die Bauarbeiten am 23. Juli beginnen und vier Wochen dauern.

Sie fallen also in die Sommerferien. „Das gibt trotzdem eine kritische Situation. Mir ist schleierhaft, wie nicht mobile Menschen dann einkaufen sollen“, sagt Ursula Schill. Die Sprecherin der Agendagruppe „Lebenswertes Münchingen“ glaubt wie Di Marco, dass das Aus des Cap-Marktes auch die Diskussion im Ort darüber, welcher Einzelhandelsbetrieb sich an der Stuttgarter Straße/Kronenstraße ansiedeln sollte, neu entfacht. In Umfragen der Agendagruppe sprachen sich die meisten für eine Drogerie aus. Der BDS plädierte von Anfang an für einen Supermarkt. „Sonst besteht die Gefahr, dass die Münchinger noch mehr außerorts kaufen. So bleibt die Möglichkeit, weiter die örtlichen Fachgeschäfte zu besuchen“, sagt Di Marco.

Supermarkt oder Drogerie?

Noch ist offen, was die Bürger künftig auf dem Areal Stuttgarter Straße/Kronenstraße erwartet. Aus dem Rathaus heißt es: „Nun ist es umso wichtiger, ein gutes Konzept zu realisieren. Intensive Gespräche mit potenziellen Einzelhändlern und Investoren laufen.“ Wann der Gemeinderat eine Entscheidung treffen könne, stehe noch nicht fest. Das Grundstück in Privatbesitz, auf dem der Cap-Markt ist, wird wohl frühestens in zwei Jahren umgenutzt. Bis der Mietvertrag ausläuft, bleibt Nintegra für interne Zwecke in dem Gebäude.

Einsatz für Menschen mit Behinderung

Ziel In den Cap-Märkten arbeiten Menschen ohne und mit Behinderung zusammen. Die Betreiber sehen es als ihre Hauptaufgabe an, Menschen mit Handicap eine Arbeit außerhalb von Werkstätten zu geben, Einzelhandel zu betreiben steht an zweiter Stelle. Bundesweit gibt es 104 Cap-Märkte mit etwa 1555 Mitarbeitern, davon rund 850 mit Behinderung. Der Hauptlieferant ist Edeka. Die 15 Märkte der Nintegra-Unternehmen für Integration haben knapp 270 Mitarbeiter.

Bürgschaft 2004 öffnete Nintegra in Bietigheim-Bissingen den ersten Cap-Markt, im April 2010 den in Münchingen. Dort gibt es auf 500 Quadratmetern rund 7000 Artikel. Die zwölf Angestellten arbeiten nach dem Aus in anderen Cap-Märkten. Von Korntal-Münchingen heißt es: Man bedauere die Schließung sehr. Die Stadt habe auf Beschluss des Gemeinderates die Ansiedlung von Cap erst ermöglicht – durch die Gewährung einer Bürgschaft. Dann habe man „jede erdenkliche Unterstützung bereitgestellt“.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: