Foto: dpa

In Zukunft wird der Wein aus Cannstatter Trauben in der Felsengartenkellerei Besigheim hergestellt. Dass die Wengerter im Römerkastell ihre Selbstständigkeit aufgeben, tut not, kommentiert unser Autor Holger Gayer.

Stuttgart - Mancher Traditionalist dürfte sich noch einmal den Keller füllen mit dem Cannstatter Zuckerle des Jahrgangs 2018. Es wird der letzte Trollinger aus der berühmten Stuttgarter Steillage sein, der wirklich in Cannstatt ausgebaut ist. Künftig wird der Wein aus Cannstatter Trauben in der Felsengartenkellerei Besigheim hergestellt. Das dürfte der Qualität des Getränks keinen Abbruch tun, dem stolzen Cannstatter Viertelesschlotzer aber einen argen Stich verpassen.

 

Dabei erfolgt die abermalige Fusion zweier renommierter Weingärtnergenossenschaften ausschließlich aus betriebswirtschaftlicher Vernunft. Der Betrieb im Römerkastell ist zu klein, um eigenständig zu überleben. Ein Schwergewicht wie die 15-mal größere Felsengartenkellerei hat die Kapazität, um die Menge aus Cannstatt günstiger zu verarbeiten, als es die Cannstatter selbst könnten. Gleiches gilt für den Zugang zu den Märkten – sei es im Fach- oder im Einzelhandel. Natürlich haben die Goliaths da mehr Möglichkeiten als die Davids. Letztere müssen sich Nischen suchen. Aber in denen stehen schon die zahlreichen – und meist auch sehr guten – privaten Weingüter. Insofern ist die Fusion für die Cannstatter Genossen eine zumindest bis auf Weiteres geltende Bestandsgarantie.

Das gilt ganz besonders auch für die Steillagen, die genauso sehr zum Kulturgut der Schwaben gehören wie die Maultasche, der Mercedes-Stern und ein strauchelnder Fußballclub, dessen Gekicke man fast nur noch mit einem Viertele in der Hand ertragen kann. Nur wenn die Wengerter einen einigermaßen auskömmlichen Lohn für ihre Plackerei in den Terrassen bekommen, können sie diese weiterpflegen. Dabei stimmt die Kosten-Nutzen-Rechnung bei einem richtigen Rotwein eher als beim Trollinger.

holger.gayer@stzn.de