Der Rummel nimmt Gestalt an: Die Schausteller bauen ihre Buden auf. Foto: Peter Petsch

Der Jubilar wird 75. Da feiert sogar der neue OB mit. Fritz Kuhn wird am Samstag das 75. Stuttgarter Frühlingsfest eröffnen. Das war bisher Aufgabe von Kämmerer Michael Föll. Doch Kuhn will schon mal fürs Volksfest im Herbst üben, wo traditionell der OB das erste Fass anzapft.

Stuttgart - Die Festsaison auf dem Cannstatter Wasen beginnt, sehr zur Freude der Zecher – und der Erbsenzähler. Ein Rummel ist ja immer auch ein Hochamt für Statistiker, wunderbar lassen sich die Feste in Zahlen zerlegen. Sage nun keiner, das sei langweilig. Denn über Zahlen lässt sich trefflich streiten, wie man gerade in den vergangenen Jahren in Bad Cannstatt erfahren konnte. Sind zehn Meter breite Wege zwischen den Buden auf dem Wasen Autobahnen oder angemessen breite Fluchtwege? Da kommen etwa die Beschicker oder die Beamten der Stadt zu unterschiedlichen Ergebnissen. Sind 85 Dezibel laut oder leise? Das empfindet der Zecher im Zelt anders als der Anwohner. Sind 8,90 Euro für den Liter Bier teuer oder angemessen? Da werden die Wirte und die Konsumenten unterschiedliche Urteile fällen.

Man sieht, auch wenn Controller gerne den Eindruck erwecken, Zahlen sprechen nie für sich alleine und sind immer interpretationsbedürftig. So ist es auch bei der Frage, wie alt das Frühlingsfest sei. Zwar feiert man dieses Jahr die 75. Auflage, doch historisch verbürgt ist das nicht. Sicher ist, dass 1914 erstmals im Frühjahr ein Pferde- und Hundemarkt auf dem Wasen stattfand, wohl der Urahn des Frühlingsfests. Zwar tat man in der Nachbarschaft bei Daimler alles, um Pferde als Zugtiere überflüssig zu machen, doch lange Zeit noch traf man sich zum Pferdemarkt auf dem Wasen. 1934 soll dann erstmals ein Frühlingsfest stattgefunden haben, so behauptete es einst das Schausteller-Urgestein Walter Weitmann, alte Briefe aus den fünfziger Jahren zwischen einer Standesorganisation der Schausteller und dem damaligen OB Klett belegten dies. Allerdings, so muss man wissen, wollte Weitmann damit seinem Intimfeind Willi Stamer eins auswischen. Die Stadt hatte nämlich Stamer für seinen Biergarten einen guten Standplatz gegeben, wegen seiner Verdienste um die Wiedereinführung des Frühlingsfests 1955. Da es das Frühlingsfest aber bereits vor dem Krieg gegeben habe, seien Stamers Verdienste nicht allzu groß, schloss Weitmann. Auf jeden Fall nicht groß genug, um ihn mit einem guten Platz zu belohnen.

Alles in Bewegung beim The King

Man sieht, über Zahlen lässt sich streiten. Also beschloss die Stadt eines Tages per Verwaltungsakt, das wievielte Frühlingsfest nun gefeiert werde. Und nach dieser offiziellen Zählweise ist man nun bei Nummer 75 angelangt. Da trifft es sich ganz gut, dass mit Fritz Kuhn ein neuer Oberbürgermeister ins Rathaus eingezogen ist. Sein Vorgänger Wolfgang Schuster begnügte sich mit dem Fassanstich beim Volksfest, das Hantieren mit Zapfhahn und Hammer beim Frühlingsfest überließ er Kämmerer Michael Föll, im Ehrenamt Wasenbürgermeister.

Zum Jubiläum hämmert nun der Chef persönlich. Im Zelt der Familie Weeber beim Wasenwirt wird er um 12 Uhr das Frühlingsfest eröffnen. Da wird es wieder spannend für die Statistiker: Wie viele Schläge braucht Fritz Kuhn, bis das Bier sprudelt? Föll hatte ja einst das berüchtigte Cannstatter Zapfhahn-Massaker angerichtet, 24 Schläge sind ein einsamer Rekord.

Neu ist nicht nur der OB sondern auch drei Karussells. Beim The King ist alles in Bewegung, man wird ordentlich durchgeschüttelt. Wer es ruhiger mag, kann beim Laufgeschäft Big Bamboo über Hindernisse kraxeln, als „lustigste Baustelle der Welt“ bezeichnet sich das Geschäft Krumm & Schief Bau. Nein, es ist kein Bahnhof, eher ein Kletterparcours.

243 Betriebe wurden zugelassen

Erstmals gibt es auch einen historischen Wasen zu sehen. Am Eingang an der Talstraße zeigen Schausteller historische Zugmaschinen, antike Kirmesorgeln, Erinnerungsstücke aller Art und einen alten Wohnwagen.

Daneben gibt es mit dem Wasenwirt, dem Göckelesmaier und dem Hofbräu-Zelt drei Festzelte mit insgesamt 13.500 Plätzen. Insgesamt 243 Betriebe wurden zugelassen, ein Standplatz war heiß begehrt. Mehr als tausend Schausteller hatten sich beworben. Und täglich klingelt das Telefon bei der in.Stuttgart, Schausteller fragen, ob nicht ein Plätzchen freigeworden sei und man nachrücken könne. Denn die Saison war bisher katastrophal, Kälte und Schnee hielten die Besucher von den Rummelplätzen fern. Von eingefrorenen Wasserleitungen und Feuerwehreinsätzen, um die Achterbahn vom Eis zu befreien, berichten die Schausteller. Und von leeren Kassen. Null Einnahmen bleiben null Einnahmen. Darüber lässt sich nicht streiten.

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