Die Gassen auf dem Cannstatter Wasen waren nicht nur am 3. Oktober voll. Foto: Lichtgut/Volker Hoschek

Statistikfreunde kommen beim Volksfest nicht auf ihre Kosten. Während man in München jeden Hähnchenschlegel zählt und so den Erfolg beschreibt, bleibt man in Bad Cannstatt im Ungefähren und spricht von einem „sehr guten Volksfest“.

Stuttgart - Man braucht sie unbedingt, die Goldwaage. Sonst lässt sich kaum ermitteln, wie ertragreich dieses Volksfest nun war. Andreas Kroll, Chef der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart, beherrscht das Spiel mit Nuancen, alle Steigerungsformen von „gut“ hat er schon im Zusammenhang mit dem Volksfest gebraucht. Heuer war es ein „sehr gutes“, so sein Fazit nach 14 von 17 Tagen. Im Vorjahr war es noch das „beste Volksfest“ gewesen. Wohlgemerkt nicht das „bestbesuchte“.

Die Geschichte hat die Verantwortlichen gelehrt, mit den Besucherzahlen vorsichtig umzugehen. 1996 hatte Marktleiter Lothar Breitkreuz die stolze Zahl von 5,4 Millionen Menschen verkündet. Die Schausteller zählten im Jahr darauf nach und kamen auf 1,8 Millionen Besucher. Seit die Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart 2005 das Volksfest übernahm, haben sich alle Beteiligten auf eine Zahl um die vier Millionen Besucher geeinigt. Mal spricht man von etwas mehr, mal von etwas weniger. 2013 sollen es 3,5 Millionen Menschen gewesen sein, 2007 hingegen 4,5 Millionen. 2015 werden es, Überraschung, knapp vier Millionen Menschen werden.

Feiertagsdrucketse

Der 3. Oktober ist mittlerweile der Tag der Tage auf dem Volksfest. Am Tag der Deutschen Einheit zieht es die Menschen auf den Wasen. 350 000 Leute sollen es heuer gewesen sein. So viele, dass man für kurze Zeit die Mercedesstraße sperren musste, die Eingänge dort nur als Ausgänge nutzte, damit sich die nach Hause Gehenden und die auf den Wasen Drängenden nicht begegnen. Anders als im Vorjahr war der Platz selbst aber nicht überlaufen, damals waren mehr Menschen gekommen, als der Wasen vertragen konnte. Daraus habe man die Lehren gezogen, sagt Kroll, und deshalb die Menschen anders geleitet. Fürs nächste Jahr darf man sich für einen neuerlichen Ansturm wappnen, da ist der 3. Oktober nicht mehr an einem Samstag, sondern dank des Schaltjahres an einem Montag.

Wirte

Auf dieses Geschenk des Kalenders setzten auch die Wirte. Man habe nicht ganz das Vorjahresergebnis erreicht, sagt Wirte­sprecher Werner Klauss, das habe vor allem daran gelegen, dass der Feiertag auf einen Samstag gefallen sei. Auch er und seine Kollegen reden nicht gerne über Zahlen. Wobei man präzisieren muss: Die Erträge wollen sie nicht beziffern, die Kosten erläutern sie hingegen ausführlich. Vor dem Volksfest hatte Klauss aufgelistet: Aufbau und Abbau schlügen mit 1,5 Millionen Euro zu Buche, für Programm und Marketing zahle er 400 000 Euro, Security, also die Ordner, koste 150 000 Euro, Künstlersozialkasse und Gema 25 000 Euro, Strom und Wasser 50 000 Euro. Über die Einnahmen hatte er gesagt: „Die sieben Bierzelte schenken gemeinsam 1,5 bis 2 Millionen Liter Bier aus.“ Wie viel wurde nun getrunken? Antwort: Das könne er leider noch nicht sagen, das Fest gehe doch noch drei Tage. Man schaut ja ungern nach München, und der Vergleich hinkt. Doch dort konnte man vor kurzem einen Einblick in die Bilanz eines Festwirts erlangen. Sepp Krätz, Wirt des Promi-Zelts Hippodrom, stand vor Gericht, weil er 1,1 Millionen Euro Steuern hinterzogen hatte. Krätz gab an, er hatte vor Steuern bei einem Oktoberfest 3,1 Millionen Euro Gewinn gemacht.

Schausteller

Sie sind 330 Unternehmer, verkaufen Lose, Würste, Grusel, Freude, Action, Zuckerwatte oder Ballons. Ihre Geschäftsmodelle sind verschieden, insofern kann es auch keine allgemeingültige Bilanz geben. „Von einem guten Ergebnis“, sprach Schaustellervertreter Nico Lustnauer, sein Kollege Mark Roschmann sagte: „Es läuft gut genug, um Geld zu verdienen.“ Kinderfahrgeschäfte seien gerade in einem Tal, dafür würde es bei Losbuden, Schießbuden und Spielgeschäften aufwärtsgehen.

Nachbarn

Um in guter Nachbarschaft mit den Anwohnern zu leben, hat man einiges getan. Neue Toiletten wurden aufgestellt, damit die Zecher auf dem Heimweg nicht in die Gärten pinkeln. Die Wirte haben Ordner bezahlt, die Autofahrer aus dem Viertel heraushalten. An einem Samstag wiesen sie sage und schreibe 1200 Autofahrer ab, die versuchten, im Quartier am Veielbrunnen einen Gratis-Parkplatz zu ergattern. Und man hat den Lärm ständig messen lassen. Die Grenzwerte habe man bis auf wenige Ausnahmen eingehalten, sagt Kroll, „da haben wir sofort reagiert.“ Man sei auf einem guten Weg. Wie viel Lärm bei den Anwohnern ankam, müssen die Auswertungen der Protokolle zeigen. Die Besucher jedenfalls scheinen mit einem leiseren Volksfest keine Probleme zu haben. Kommen doch immer, ganz genau, rund vier Millionen.

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