Mit Sterneköchen und Champagner, der bis zu 39 000 Euro kostet, will Michael Wilhelmer, den man den „Käfer von Stuttgart“ nennt, finanzkräftige Gäste aufs Volksfest locken. Angesichts der Energiekrise wird auf dem Wasen über Luxuspreise kontrovers diskutiert.
Unten auf der Bühne des Mittelschiffs wird ein ums andere Mal die Puffmama „Layla“ mit dem Grölchor des Publikums gefeiert, oben auf der Empore bereitet Sternekoch Franz Feckl Rinderroulade und Filet im Senfkörner-Schmorfond zu. Zu „Wasensternen“ hat Festwirt Michael Wilhelmer am Montagabend in seine Schwabenwelt gebeten. Sechs Köche mit sieben Sternen kredenzen für einen exklusiven Kreis in der Königsloge Genuss auf höchstem Niveau. Der Abend ist ausverkauft. Knapp 200 Euro kostet der Eintritt – damit könne man die Ausgaben jedoch nicht decken, sagt der Zeltchef. Aber ums Geldverdienen allein gehe es ihm nicht. Sein Ziel ist es, das Image des Volksfestes immer weiter anzuheben und für den Wasen ein finanzkräftiges Publikum zu gewinnen. „Die 30- bis 50-Jährigen waren früher zu schwach vertreten“, sagt er.
„Wir sollten nicht nach München schielen“
Dass der Wirt der Schwabenwelt „der Käfer von Stuttgart“genannt und damit mit dem Feinkoststar des Oktoberfestes verglichen wird, gefällt ihm nicht. „Wir sollten nicht nach München schielen“, findet er, „ich bin der Wilhelmer von Stuttgart, der Gäste aus München auf den Wasen bringt.“ Bereits 2009 hat er damit begonnen, Luxus-Champagner in seinem Zelt zu servieren. Angesichts der Energiekrise, in der viele Menschen fürchten, in diesem Winter in finanzielle Not zu geraten, werden die hohen Preise auf dem Volksfest nun hitzig diskutiert. In der Equipe-Box der Schwabenwelt kostet Champagner von Armand de Brignac bis zu 27.900 Euro (in der Sechsliterflasche). Auf der Karte steht aber auch eine 30-Liter-Flasche Rosé dieser Marke, die als „Spezialanfertigung“ exklusiv für die Schwabenwelt angefertigt wird und 39.000 Euro kostet. „Die wird aber nur alle fünf Jahre verkauft“, sagt ein Beschäftigter der Equipe-Box.
Auf dem Weg von der S-Bahn-Haltestelle zum Wasen sieht man mindestens zehn Menschen, die auf dem Gehweg sitzen und um Geld bitten. Wenige Schritte weiter im Wilhelmer-Zelt kann man regelmäßig ein feuriges Spektakel bewundern. Sobald eine exklusive Flasche bestellt wird, geht’s los. Muskulöse Kellner, die über dem nackten Oberkörper eine Art Ritterrüstung oder eine Lederschürze tragen, schreiten mit zischendem Feuerwerk heran. Dazu wird die edle Flasche in Eisnebel gehüllt.
„Das ist verrückt, was sich da abspielt“, findet ein Wasenbesucher, der zufällig in dieses optisch durchaus faszinierende Spektakel geraten ist. „Einer bestellt eine Dreiliter-Flasche für 2700 Euro, der nächste bestellt davon zwei Flaschen, am Ende sind’s 50 Flaschen“, wundert er sich. Ein anderer Gast meint: „Jeder kann doch sein Geld ausgeben, wie er will.“
Auch Marcus Christen von in.Stuttgart übt Kritik
Der frühere Südwestbank-Chef Wolfgang Kuhn, der heute als Aufsichtsratschef und Berater für verschiedene Firmen tätig ist, findet es prinzipiell gut, „wenn Geld im Umlauf ist“. Aber angesichts der öffentlichen Protzerei mit der Feuershow ist ihm nicht wohl dabei. „Dies trägt dazu bei, dass die Gesellschaft immer weiter auseinander gerissen wird“, sagt er. Stuttgart sei früher für Understatement bekannt gewesen. „Etliche Junge, die Geld haben, wollen dies aber nun zeigen“, beobachtet er.
Auch Marcus Christen, bei der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart für den Wasen verantwortlich, kritisiert diese Entwicklung. „Die Bierpreise sind okay“, sagt er, „einige Champagner-Preise sind jedoch völlig abgehoben, was ganz und gar nicht auf den Wasen passt.“ Es handele sich schließlich um ein Volksfest, da hätten fünfstellige Summen für eine Flasche nichts verloren. Wenigstens würden die „Spezialitätenkarten“ mit den hohen Preisen und den Erklärtexten zur Champagnerherstellung nur in der Luxusloge im Erdgeschoss ausliegen, nicht im Mittelschiff. Doch das Spektakel beim Servieren bekommen alle mit.
Kiwanis-Präsident: „Wer so viel Geld ausgibt, sollte auch spenden“
Der Stuttgarter Kiwanis-Präsident Zoltán Bagaméry, der für die internationale Hilfsorganisation immer wieder Geld für Bedürftige in der Region sammelt, unter anderem mit einer Charity-Party auf dem Wasen, findet, dass man „den originären Sinn und Zweck des Volksfestes aushebelt“, wenn Wein und Champagner mehrere tausend Euro kosten, was sich nur eine kleine Minderheit, aber nicht das Volk leisten könne. Sein Appell: „Es wäre wünschenswert, wenn diejenigen, die sich das leisten, mindestens in selber Höhe auch einen sozialen, gemeinnützigen Beitrag leisten, damit dieses Ungleichgewicht ausbalanciert wird.“
Was der Wirt der Schwabenwelt zu den hohen Preisen sagt
Wasenwirt Michael Wilhelmer versichert, dass nur „ein ganz geringer Teil“ der Besucher der Schwabenwelt in der Luxusbox die teuren Marken wie Dom Pérignon oder Louis Roederer bestellt. „Das sind höchstens zwei Prozent“, sagt er. Seine Aufgabe sei nicht, an Gäste zu appellieren, lieber zu spenden als zu konsumieren. Die Nachfrage nach Edelprodukten sei nun mal vorhanden, argumentiert Wilhelmer – das Geld dafür wohl auch.
„Der Wasen steht nun auf einer Stufe mit der Wiesn“
„Die Gäste der Loge kommen nicht nur aus Stuttgart, sie reisen aus vielen Teilen des Landes an“, berichtet er, „damit ist der Wasen nun auf einer Stufe mit der Wiesn.“ Etliche andere Branchen, etwa die Hotellerie und Gastronomie, profitierten davon. Jahrelang habe man daran gearbeitet, das Niveau des Volksfestes zu verbessern.
Was sagt der Festwirt dazu, dass in Stuttgart des Jahres 2022 einerseits die Schlangen vor den Tafelläden immer länger werden, andererseits es Menschen gibt, die sich Champagner zu vier- oder fünfstelligen Preisen leisten können? Die Antwort von Michael Wilhelmer: „Wohlstand und Armut sind nicht ,Stuttgart’. Dieses Thema gibt es leider auf der ganzen Welt, und vielleicht ist es bei uns in Deutschland noch vergleichsweise ausgewogen.“
Kritik auch von Festwirt Hans-Peter Grandl
Die Wilhelmer-Gruppe beschäftige 200 Angestellte und in der Schwabenwelt über 300 Mitarbeiter. Sie alle würden mit ihrer Arbeitskraft ihre Familien ernähren. „Wenn dazu Gäste durch ihren Champagnerkonsum beitragen, halte ich das nicht für verwerflich“, erklärt der Festwirt und fährt fort: „Leben und leben lassen, diese Einstellung vermisse ich bei vielen Menschen manchmal. Oder um es zur Wasenzeit zu sagen: feiern und feiern lassen.“ In einem freien Land dürfe man den Menschen doch nicht vorschreiben, was sie kaufen dürften und was nicht. Sein Personal wird nach Umsatz bezahlt. Deshalb überrascht es nicht, dass die Beschäftigten alles dafür tun, die teuren Flaschen mit großem Brimborium zu verkaufen.
Wilhelmers Nachbar Hans-Peter Grandl kritisiert die Auswüchse mit extrem teuren Champagnerflaschen. „Da mach’ ich nicht mit“, sagt der Festwirt. Vor über 20 Jahren hat er den Trend zu Tracht auf dem Wasen bei Partys mit Verlegerin Karin Endress begründet. Den Trend zum sündhaft teuren Volksfest müsse man stoppen, wünscht er sich nun, da er immer mehr an seinen Nachfolger Marcel Benz übergibt.