Abstecher aus New Jersey: Eva und Roland Buck beim Volksfest Foto: fr

Er hat das Weiße Haus dekoriert, den Reichen in New York die Wohnungen verschönert. Der Schwabe Roland Buck hat in Amerika sein Glück gefunden. Und doch die Heimat nicht vergessen: Er ist Mitglied des Volksfestvereins – und zwar in Bad Cannstatt und New Jersey.

Stuttgart - Die Gattin des Präsidenten war beeindruckt. Rosalynn Carter staunte, wie gekonnt der Dekorateur die Tapete in ihrem Esszimmer restaurierte. Schwäbische Wertarbeit halt. Es war dabei nicht irgendein Esszimmer, sondern der Dining Room des Weißen Hauses, und die Tapete hatte gute hundert Jahre auf dem Buckel. Man kam ins Gespräch, irgendwann stand Präsident ­Jimmy Carter neben Roland Buck. „Er hat dann zu mir gesagt: Sie sind Deutscher, die trinken doch immer Bier“, erinnert sich Buck. Dann sei Carter entschwunden und habe ihm kurze Zeit später ein kühles Bier gebracht, ein Beck’s.

Ein Präsident als Mundschenk

Ein leibhaftiger Präsident als Mundschenk, wer kann das schon von sich behaupten. Wenngleich Buck ein Dinkelacker oder Hofbräu noch lieber gewesen ­wäre. Ist er doch qua Mitgliedschaft der Pflege des schwäbischen Brauchtums verpflichtet. Sowohl in Bad Cannstatt und New Jersey, am Rande New Yorks, ist er im Volksfestverein engagiert. So ist es Ehrensache, dass er jedes Jahr zum Volksfest mit seiner Frau Eva auf den Wasen kommt. Beim Umzug marschiert er mittlerweile nicht mehr mit. Die vier Kilometer lange Strecke mutet er sich nicht mehr zu. Auch wenn er mit seinem Bart und dem langen blonden Haar immer noch daherkommt wie der junge Bursche, den die Freude am Abenteuer 1957 nach Nordamerika trieb.

Buck ging zunächst nach Kanada

Aufgewachsen in der Esslinger Straße im Bohnenviertel, packte er sein Bündel, „weil i mal gucken wollte, wie’s do aussieht“. Man merkt, sein Schwäbisch hat er nicht verlernt, mit dem Deutschen hapert es zuweilen, da muss er die Wörter suchen, „aber Schwäbisch vergisch ned“! Zunächst landete er in Kanada, weil die Amis ihn ohne Bürgen nicht ins Land ließen. Er schuftete als Kumpel in einem Bergwerk, arbeitete als Tanzlehrer, fand schließlich eine Stelle in seinem gelernten Beruf als Dekorationsmaler. Nach zwei Jahren wollte er wieder heim. Doch er blieb in Kanada, und schließlich durfte er in die USA. Er reiste durchs Land und fand in New Jersey vor den Toren New Yorks ein Zuhause. Wie so viele andere Deutsche und Schwaben. Die 86. Straße östlich des Central Parks bekam den Spitznamen Sauerkrautboulevard verpasst. Ende des 19. Jahrhunderts lebten eine Viertelmillion Deutsche in der Lower East Side. Englisch musste man hier nicht können, beim Friseur, beim Einkaufen, beim Arzt, bei der Beichte sprach man Deutsch. Und die Deutschen brachten ihre Feste mit. 1862 gründeten sie einen Cannstatter Volksfestverein. Viele andere folgten, so in Chicago, Milwaukee, Houston oder Philadelphia. Oft aus handfesten, sehr schwäbischen Gründen. Buck: „Die Metzger, Bäcker und Wirte wollten ihr Sach verkaufen.“ Und man konnte an einem Sonntag Bier trinken, das war normalerweise des Teufels in Gegenden, wo die Quäker das ­Sagen hatten.

Es gab Kutteln beim Volksfest

Buck fand schnell Kontakt zu der schwäbischen Exilgemeinde. 1962 trat er dem Volksfestverein bei. Was damals gar nicht so einfach war. Man musste in Württemberg ­geboren sein oder von Württembergern ­abstammen sowie zwei Bürgen aufweisen können, bevor man mitmachen durfte. Rund um den Tag der Arbeit, der in den USA am 1. September gefeiert wird, veranstaltete der Verein sein Cannstatter Volksfest. Man baute ein Festzelt auf, es gab Spätzle und Kutteln, Sauerbraten und Hirnsuppe, und natürlich Bier satt. 6000 Besucher kamen, der Laden brummte.

Auch bei Roland Buck. Er stattete die Wohnungen der Reichen an der Fifth Avenue aus. Sein Ruf sprach sich herum. Jackie Kennedy engagierte ihn. Und die Familie Ford rief ihn ins Weiße Haus. Betty Ford war mit ihrem Mann Gerald eingezogen und fand die Tapete im Esszimmer zu blutrünstig. Buck musste die Tapete mit den Revolutionsszenen abnehmen, vorsichtig, so dass sie nicht beschädigt wurde, und eine neue mit Landschaftsbildern anbringen. Familie Carter wiederum wollte das Original an der Wand haben. So ging Buck im Weißen Haus ein und aus – und bekam sogar ein Bier serviert.

Mittlerweile hat der Verein nur mehr eine Handvoll Mitglieder, das Fest veranstalten sie nicht mehr . Buck: „Wir sind alle alt geworden.“ Er ist im Ruhestand, lebt im Winter in Florida. Doch bevor es nach Miami geht, lockt ein anderes Ziel: das Volksfest in Bad Cannstatt.

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