Boxautos begeistern alle Generationen. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt/Christoph Schmidt

Dosenwerfen, Autoscooter fahren oder doch lieber eine Rose schießen? Die Klassiker des Cannstatter Volksfests erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit. Nicht nur bei Nostalgikern.

Stuttgart - „Das muss doch irgendwie gehen“, grummelt Brigitte und ordert noch einen Korb Bälle an der Wurfbude, deren Fassade die freundlichen Ungeheuer aus dem Film „Monster AG“ zieren. Sie versucht am Samstagnachmittag bereits zum dritten Mal, alle zehn Blechdosen abzuräumen. Wenigstens eine bleibt nach drei Würfen jedes Mal stehen. Ihr Mann erweist sich als wenig hilfreich. Selbstsicher greift er sich eines der Wurfgeschosse und semmelt es rechts am Dosenturm vorbei. „Es war ein Versuch“, merkt er entschuldigend an und zieht sich zurück. Immerhin reicht die Gesamtleistungen aus, einen Plüsch-Walfisch mit Krönchen zu ergattern. „Um große Gewinne geht es ja nicht“, sagt die 54-Jährige. „Dosenwerfen erinnert mich an meine Kindheit. Es kostet nicht viel und macht Spaß.“ Zu alt für die simple Kurzweil fühlt sie sich nicht. Es sei doch schön, dass das Volksfest mit vielen Angeboten verschiedene Generationen erreiche, hält sie fest.

Ein Fest für Generationen

Gerade die klassischen Jahrmarktsvergnügungen bringen Menschen vom Kind bis zu den Großeltern zusammen. „Wir haben auch unsere Gewinne darauf ausgelegt, dass für jeden etwas dabei ist“, erklärt Angi Zündorf. „Papa kann eine Drohne gewinnen, die Tochter ein Plüschtier und Mutti eine Fritteuse. Oder Papa bekommt das Topfset.“ Der Bereich vor der Losbude „Boutique Top Shop“ ist bereits mit Zettelchen gepflastert, die nicht zum erträumten Gewinn geführt haben. Die Nachfrage ist groß. Gerade holt sich ein grau melierter Herr im Janker seinen Gewinn ab: einen kleinen flauschigen Emoji. „Das ist doch besser als nichts, oder?“ konstatiert er lachend. „Lose kaufen hat Tradition“, weiß die 33-Jährige Inhaberin des Unternehmens. „Es ist im Menschen angelegt, dass er gerne sein Glück versucht.“ Der Cannstatter Wasen ist für die Bonnerin, deren Familie bereits in der fünften Generation als Schausteller auf Achse ist, gleich aus zwei Gründen etwas Besonderes: „Wir haben hier Stammgäste, die beim Frühlingsfest und beim Volksfest vorbeischauen“, schwärmt sie. „Außerdem gibt es hier eine Schaustellerschule. Ich finde es toll, dass meine Kinder die Möglichkeit haben, sie während der Wochen, die wir hier sind, zu besuchen.“

„Lass uns Autoscooter fahren!“

Annika (26) zieht am Arm ihrer Freundin Julia (38). „Nun komm schon!“, fordert sie vehement. „Lass uns Autoscooter fahren!“ Wenig später ziehen die beiden im metallicblauen Gefährt ihre Runden zwischen den blinkenden Sternen von „Carat 2000“ und haben sichtlich Spaß. „Ich hatte noch dunkel in Erinnerung, dass das ziemlich auf den Nacken gehen kann“, erklärt Julia ihr anfängliches Zögern. „Es ist aber auch ewig her, dass ich das das letzte Mal im Scooter saß.“ Nun hat sie Blut geleckt: „Ich muss nachher nochmal fahren“, ist sie sich sicher. „Ich glaube, es sind gerade die einfachen Sachen, die am meisten Spaß bringen“, überlegt Annika, die nach eigenem Bekunden keine spektakulären Neuerungen braucht, um die Rummel-Atmosphäre genießen zu können. Helmut (61) und seine Frau steigen ebenso beglückt aus dem Boxauto wie Leon (15), der scherzt, da er noch keinen Führerschein habe, müsse er eben hier Gas geben. Das Lichterspiel und die Beschallung mit „Beat It“ von Michael Jackson wirken nicht nostalgisch auf ihn. „Ich habe keine Erinnerungen an die 80er“, so der Schüler. „Für mich passt das alles, so wie es ist.“

Thorsten ist hochkonzentriert. Ein leises Klicken des Gewehrs und der Turm aus kleinen Walzen, die in einem stilisierten Häuschen aufgebaut waren, fällt in sich zusammen. Der 28-Jährige und sein Freund Lukas (29) sind eigens aus der Schweiz nach Stuttgart gereist, um sich beim Volksfest zu vergnügen. Schießbuden gehören für die beiden unbedingt dazu. „Wir haben da einen kleinen Wettkampf untereinander laufen“, lässt Lukas wissen, der seine Trophäe, eine künstliche Rose, am Gürtel appliziert hat. „Wir schießen auch anderweitig in der Freizeit und es macht immer wieder Freude, sich herauszufordern.“ „Schießstände gehören zu den ursprünglichsten Jahrmarktsvergnügungen“, versucht sich der Inhaber des Standes an einer Erklärung für die dauerhafte Anziehungskraft der Zielübungen. Neben Fußballvereinen seien auch Schützenvereine eine typisch deutsche Tradition. Der Mann hinterm Tresen der Bude, die in großen Lettern zum „Sportschießen“ einlädt, sieht noch einen weiteren Grund für die Beliebtheit der Jagd auf Trophäen: „Wenn man als junger Mann bei seiner Herzensdame landen will, ist es stilvoller, ihr eine Rose zu schießen, als nur eine WhatsApp zu schreiben, oder?“, mutmaßt er.

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Auch andernorts frönt die Jugend immer noch den gleichen Ritualen: Am „Hau den Lukas“ vor dem Wasenwirt lässt Bastian den Hammer niedergehen. Immerhin saust der durch den Aufprall ausgelöste Metallkörper bis hinauf zur Markierung „Halbstarker“. Sein Kumpel muss sich als „Gartenzwerg“ geschlagen geben. „Es ist cool, auszutesten, wer der Stärkere ist“, findet der 17-Jährige. „Dafür braucht man keine moderne Technik. Der ,Hau den Lukas‘ ist, so wie er ist, perfekt.“

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