Cannstatter Holzbrücke muss fallen Die Enttäuschung des Holzsteg-Erfinders

Von Dirk Herrmann 

Dieter Sengler blutet das Herz – seine beliebte Holzbrücke wird bald abgerissen Foto: Max Kovalenko
Dieter Sengler blutet das Herz – seine beliebte Holzbrücke wird bald abgerissen Foto: Max Kovalenko

Seine Tage sind gezählt: Vielleicht noch acht, aber keinesfalls mehr 18 Monate wird der beliebte Cannstatter Holzsteg Fußgängern und Radlern den schnellen Weg über den Neckar ermöglichen. Das Bauwerk steht der neuen Bahnbrücke im Weg. „Mir blutet das Herz“, sagt der damalige Planer Dieter Sengler.

Stuttgart - Entspannt lehnt er sich ans hölzerne Brückengeländer, blickt sinnierend auf den Neckar. Fast vier Jahrzehnte ist es her, dass Dieter Sengler sich über viele Monate hin intensiv mit dem Bauwerk beschäftigte. Es war gedacht für die damalige Bundesgartenschau zur Überbrückung des Flusses für die Fußgänger – als Verknüpfung von Bad Cannstatt mit der Wilhelma und dem Rosensteinpark und in der Verlängerung mit dem Schlossgarten. Die Länge zwischen beiden Ufern wurde mit insgesamt 137 Metern berechnet.

Eigentlich vorgesehen, so erinnert sich Sengler, war seinerzeit eine offene stählerne Brücke. Das erschien jedoch zu teuer, so dass Senglers Vorschlag, in alter Bauweise einen vergleichsweise billigeren Steg aus Holz zu errichten, auf offene Ohren stieß. Die Gesamtkosten lagen damals, so die Erinnerung Senglers, bei 1,9 Millionen D-Mark.

Der Architekt und Ingenieur entwarf jene Neckarquerung, bei der die Stützweiten zwischen Ufer und der Mole in der Mitte des Flusses 64,75 Meter beziehungsweise 72 Meter lagen. „Damit war dies damals die weitestgespannte Brücke weltweit“, sagt Sengler. Architektonische Statistiker haben später ermittelt, dass dieser Cannstatter Steg, wie er auch genannt wird, die neuntlängste gedeckte Holzbrücke der Welt ist.

„Irgendwie war alles Neuland damals“, sagt Sengler, „es gab ja kein richtiges Vorbild.“ Aus geografischen Gründen und um die Mittelinsel für den Stützpfosten zu nützen, war die Brücke nicht in einer langen Gerade vorgesehen, sondern sollte quasi auf halber Strecke einen kleinen Knick haben. Dies fand Sengler auch insofern wichtig, „dass der Brücke dadurch der Tunnelcharakter genommen wurde und man weniger Unsicherheiten und Angstgefühle hat, wenn man durch läuft“.

Im Sommer 1976 begannen die Arbeiten. „Der Großteil wurde im Hafen an der Kaimauer zusammengebaut, auf einen Ponton gehievt und neckarabwärts durch die Schleuse transportiert und schließlich hinter der Schleusenmole im Neckar quer gedreht“, so Sengler. Doch nun begannen die Schwierigkeiten. Der südöstliche Teil der Brücke wurde noch erfolgreich hochbugsiert. Nun ging’s an den Bereich zum Rosensteinpark hin. Zwei Kräne, einer auf der Rosensteinseite, der zweite auf der Mole in der Mitte, packten die 72 Meter lange, 76 Tonnen schwere Brücke.“ Angesichts des Gewichts von 76 Tonnen bedeutete dies starke Zugkräfte. Zudem wurde der Riegel von einem Windstoß erfasst und verschoben. Der Ausleger am Kran auf der Mole wurde überlastet, „der Arm ist abgeknickt und die Brücke landete im Wasser – Kleinholz“, beschreibt Sengler den damaligen schockierenden Anblick.

Somit schien, Anfang März 1977 und somit kurz vor dem vereinbarten Termin, alles zu platzen. „Doch gemeinsam haben wir mit den Ingenieuren beschlossen: Wir schaffen das noch rechtzeitig.“ Und tatsächlich. Binnen vier Wochen wurde dieser zweite Teil der Brücke nochmal gebaut und montiert. „In letzter Minute, in der Nacht vor der Eröffnung, war die Brücke fertig.“ So konnten denn auch der damalige Stuttgarter OB Manfred Rommel und als Ehrengast Bundespräsident Walter Scheel zur Eröffnung am 29. April 1977 über den Steg marschieren – wo ihnen unter dem Brückendach der strömende Regen zumindest für einige Minuten nichts ausmachte. Die Bundesgartenschau hatte ihre Attraktion.

Erst im Laufe der Zeit stellte Sengler fest, dass mangels vorheriger Erfahrung mit solchen Brückenmaterialien doch nicht alles ideal war. Manche diffizile Herausforderung war zu lösen. Er deutet auf die schmalen Ritzen zwischen den Bohlen – einerseits sollten sie so groß sein, dass Zigaretten durchfallen können und nicht etwa die das Aushängeschild der Gartenschau zu kokeln anfängt. Andererseits „mussten die Ritzen so schmal sein, dass keine Frauen mit ihren Stöckelschuhen steckenbleiben.“ Mögliche Turbulenzen durch den Wind mussten berücksichtigt werden, wobei es bis dato gar keine richtigen Vorschriften gab. Und eines ärgert Sengler noch heute, wenn er zum Dach hinaufblickt: Wegen der möglichen Schneelast sollte der Dachvorsprung nur wenig hinausstehen. „Das war ein Fehler, denn dadurch konnte der Regen leichter hineinwehen, so dass es leichter zu Fäulnisschäden kam.“.

158 Meter lang, 3,80 Meter breit, 210 Tonnen schwer, bestehend aus 400 Kubikmetern Holz, 8,70 Meter über dem Flussufer liegend – das also ist jener Holzsteg, der im Jahr 2007 zur Brücke des Monats Mai gekürt wurde. Eigentlich müsste der hölzerne Neckarsteg demnächst für viel Geld grundlegend saniert werden. Das bestätigt auch Claus-Dieter Hauck, im Stuttgarter Tiefbauamt Abteilungsleiter für Stadtbahn, Brücken und Tunnelbau. Durch die Witterung und dauernde Belastung sind Bohlen beschädigt und die gesamte Fachwerkkonstruktion in Mitleidenschaft gezogen worden. Diese Generalüberholung ist nun allerdings gar nicht mehr nötig. Vermutlich im kommenden Frühling, so prognostizierte es Stuttgarts Technikbürgermeister Dirk Thurnau kürzlich, auf jeden Fall aber während des nächsten Jahres soll der Neckarsteg beseitigt werden. Er ist der künftigen Neckar-Eisenbahnbrücke im Weg, die die Bahnhöfe Bad Cannstatt und Hauptbahnhof Stuttgart auf einer neuen, nördlicher liegenden Schienentrasse verknüpft.

Vermutlich im April 2015 werden also die Abrissbagger anrücken und die Holzkonstruktion zerstören. Stattdessen kommt in etwa an jene Stelle die neue Eisenbahnbrücke, an die unten dran ein weiterer Steg für Fußgänger und Radler gehängt wird. Weil diese Brücke aber erst frühestens 2018 fertig ist, so ein Sprecher des Kommunikationsbüros für Stuttgart 21 kürzlich, wird gut vier Jahre lang jedenfalls an jener Stelle keine Flussüberquerung per Drahtesel oder per Pedes möglich sein.

Sengler ist natürlich enttäuscht, dass eines der wichtigsten Werke seiner planerischen Karriere demnächst wie vom Erdboden wegradiert wird. Dennoch sei er nicht auf Mitleid aus und wolle auch niemanden groß anklagen. Dass der Cannstatter Steg nie unter Denkmalschutz gestanden hat, mag manche Beobachter angesichts des sonst oft vorherrschenden Kurses der Behörden merkwürdig erscheinen – Sengler will da nicht nachkarten und hält sich auch sonst mit Anklagen zurück. Der Widerstand habe vielleicht früher anfangen müssen, dann hätte man den nun wohl unvermeidlichen Abriss vielleicht noch verhindern können. Andererseits, es waren demokratische Entscheidungen. „Ich weiß es seit Jahren und kann es sowieso nicht ändern.“ Vielleicht sei deshalb seine Enttäuschung noch im Rahmen.

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