Der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho in Cannes mit seiner Trophäe Foto: AFP

Selten stimmen Kritiker und Jury überein, doch beim diesjährigen Cannes-Gewinner „Parasite“ aus Südkorea waren sich am Samstag ausnahmsweise alle einig: Diese Auszeichnung ist hochverdient.

Stuttgart - Zum ersten Mal in der Geschichte des traditionsreichen Filmfestivals an der Côte d’Azur geht der Hauptpreis nach Südkorea – und das völlig zurecht. Bong Joon-ho erzählt in „Parasite“ von einer Familie, die am Rand der Gesellschaft ums Überleben kämpft. Die Geschichte nimmt schnell eine unerwartete Wendung nach der nächsten, als Vater, Mutter und die beiden erwachsenen Kinder sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach und nach Jobs im Haus einer reichen Familie verschaffen.

 

„Parasite“ ist kein typischer Festivalgewinner, denn Bong mischt munter Unterhaltungs- und Kunstkino: Der Horrorthriller über Eindringlinge im Eigenheim ist auch eine tiefschwarze, satirische Komödie und noch viel mehr – genau deshalb hat die Jury unter Vorsitz des mexikanischen Oscar-Gewinners Alejandro G. Iñárritu den Film auch ausgezeichnet. Die vor Überraschungen und Bedeutungsebenen strotzende Geschichte zweier Familien, die einander spiegelbildlich gegenüberstehen an unterschiedlichen Enden der sozialen Skala, nutzt Bong auch zur Gesellschafts- und Kapitalismuskritik: Ignoriert und in die Dunkelheit verdrängt wie die Kakerlaken, mit denen sie im Souterrain hausen, bleibt seinen Protagonisten nichts anderes übrig, als sich parasitär zumindest an den Resten dessen zu bedienen, was ihnen vorenthalten wird. Mit der Bezeichnung Meisterwerk sollte man vorsichtig sein, doch für diesen großartig gespielten, bis in die letzten Winkel perfekt ausgestatteten Film erscheint sie angemessen.

Nicht alle bekommen, was sie verdienen

Der diesjährige Wettbewerb hatte eine bemerkenswerte Qualität, einigen Filmen hätte man die Goldene Palme zugetraut und gewünscht. Dass Céline Sciammas „Portrait de la jeune fille en feu“ mit dem Drehbuchpreis abgespeist wurde, gehört zu den wenigen ärgerlichen Entscheidungen. Mehr verdient hätte der bewundernswert moderner Kostümfilm über die Liebe zwischen einer Malerin und der von ihr Porträtierten, in dem das Feuer der Leidenschaft unmittelbar unter der zarten Oberfläche lodert.

Große Preis der Jury ging stattdessen an eine andere Regisseurin, von denen – bei insgesamt 21 Filmen – in diesem Jahr vier um die Preise konkurrierten. Mati Diop, Französin mit senegalesischen Wurzeln, ist in 72 Jahren die erste dunkelhäutige Regisseurin im Wettbewerb und auch unabhängig von der politischen Signifikanz verdient ausgezeichnet worden. Ihr erster Langfilm „Atlantique“ verwebt auf komplexe Weise die Geschichte einer jungen, verbotenen Liebe mit einem Blick auf Alltagsrealitäten im Senegal und dem Schicksal von Flüchtlingen, die sich auf übervollen Booten gen Europa aufmachen. Das wirkte länger nach als vieles, was in den vergangenen 12 Tagen an der Croisette zu sehen war.

Viel junges, frisches Kino am Puls der Zeit

Mit dem Preis für Diop, aber auch den Jury-Preisen für „Les Misérables“ von Ladj Ly (einem weiteren jungen französischen Debütanten mit afrikanischen Wurzeln) und „Bacarau“ der Brasilianer Kleber Mendonça Filho und Juliano Dornelles setzt die Jury konsequent und nachhaltig fort, was Festivaldirektor Frémaux und sein Programmteam zumindest vorsichtig begonnen haben. Iñárritu, Alice Rohrwacher, Kelly Reichardt, Yorgos Lanthimos, Pawel Pawlikowski und Robin Campillo, Elle Fanning, Maimouna N’Diaye sowie der Comiczeichner Enki Bilal bekennen sich klar zu einem jungen, frischen Kino, das gesellschaftspolitische Klarsicht mit Genre-Mitteln zu kombinieren vermag und den Finger am Puls der Zeit hat. Auch die deutsche Koproduktion „Little Joe“ der Österreicherin Jessica Hausner, deren britische Hauptdarstellerin Emily Beecham überraschend den Darstellerinnen-Preis gewann, fällt in diese Kategorie.

Das heißt natürlich noch lange nicht, dass die alten, meist weißen Großmeister in Cannes abgeschrieben sind. Zwar gingen sowohl Quentin Tarantino als auch Terrence Malick mit ihren opulenten neuen Werken am Ende ebenso leer aus wie Ken Loachs Sozialdrama „Sorry we missed you“. Dafür durften die zweimaligen Palmen-Gewinner Jean-Pierre und Luc Dardenne aus Belgien – etwas unerwartet – den Regie-Preis entgegennehmen für ihren eher verhalten aufgenommenen „Le jeune Ahmed“ über einen radikalisierten muslimischen Teenager.

Antonio Banderas wird emotional

Der überzeugendste unter den Festivalveteranen war Pedro Almodóvar. Der Spanier hat nie einen Hehl daraus gemacht, wie viel ihm der Gewinn der Goldenen Palme bedeuten würde, und für „Leid und Herrlichkeit“, die betörend melancholische Auseinandersetzung mit seinem eigenen Leben und Werk, hätte er sie ohne Frage im sechsten Anlauf verdient gehabt. Letztlich war es sein Hauptdarsteller und guter Freund Antonio Banderas, der für seine Rolle als Regisseur die Darsteller-Palme gewann.

Dies sei seine Nacht der Herrlichkeit, gab der sichtlich gerührte Schauspieler (der selbst in seiner Heimat bei Preisverleihungen bisher meist leer ausging), und widmete den Preis dem langjährigen Wegbegleiter: „Pedro und ich haben acht Filme zusammen gedreht. Ich respektiere, bewundere und liebe ihn. Und ich verdanke ihm so viel.“ In einem an emotionalen Momenten nicht armen Cannes-Jahrgang gehörte dieser zu den schönsten.